Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum Frühjahr 1998
Kategorisierung EU; Verkehr; 1998

Grenzenlos

An einem gewöhnlichen Samstag. Fahrt durch Scharnitz, natürlich langsamer als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit. Dann steigt man aufs Gas und fährt mit ca. 70 km/h durch das ehemalige Grenzhaus. Dasselbe Erlebnis am Brenner und in Sillian - nein, es ist ein anderes Erlebnis: Daß man von Tirol (Nord) nach Tirol (Ost) fahren kann, ohne den Paß - und vor nicht gar so langer Zeit sogar ein Visum! - vorweisen zu müssen, obwohl oder weil man durch Tirol (Süd) fährt. Die unblutige Abschaffung der Brennergrenze.

Da ist dann ein wenig leichter zu ertragen, was die europäische Einigung sonst noch alles bringt: Daß in Bereichen, in die man bisher nicht einmal "Wien" hineinreden ließ, plötzlich "Brüssel" allein entscheidet. Ob ein Tal unter Schutz gestellt wird - ich bin dafür! - entscheidet nicht mehr der Landtag oder das nach der Geschäftsaufteilung in der Landesregierung zuständige Regierungsmitglied, sondern irgendwer (wer?) in Brüssel. Ob das Tiroler Grundverkehrsgesetz paßt, beurteilt nicht der Verfassungsgerichtshof in Wien, sondern irgendwer (wer?) in Brüssel. Am Karfreitag, als in der Reichenau die Agenda 2000 beraten wurde, war dieses Gefühl der Ohnmacht greifbar: Sind wir noch Herren im eigenen Land?

Die freie Fahrt über alle Grenzen ist teuer erkauft.

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