Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Geld regiert die Transitwelt

Autor sh
Medium  ? Wipptaler Blattl?
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 2. MAi 1989
Kategorisierung Transit; 1989


Gestern Dienstag fand im Landhaus ein Sonderlandtag statt. Das Hauptthema rankte sich um gängige Vorschläge zur Lösung des Transitproblems. Auf gleichlautende Anträge konnten sich nur die FPÖ, die Grünen und die Sozialisten einigen.

(sh) Zum Thema: Vor wenigen Tagen fand die Generalversammlung des Komitees Vomp zur Erhaltung des Lebensraumes Tirol statt. Als Gastreferent sprach - bereits zum zweiten Mal - Dipl.Ing. Winfried Hofinger, Naturschutzbeirat im Amt der Tiroler Landesregierung.

Seine letztjährige Rede in Vomp bewirkte eine breite, tirolweite öffentliche Diskussion um das Sein oder Nichtsein des Landwirtschaftexperten in seiner Funktion. Vertreter der Wirtschaft forderten noch vor zwölf Monaten den Kopf des aufmüpfigen Naturschützers. Unter diesen Ausspizien also sprach der diplomierte Ingenieur auch bei der diesjährigen Hauptversammlung der Vomper Bürgerinitiative, und das ließ Interessantes erwarten. In den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellte er die Entwicklungen des letzten Jahres im Bereich des Umweltschutzes. "Wer hätte sich vor einem Jahr träumen lassen, daß vieles von dem, was wir derzeiterleben, eintrifft? Daß über Vomper Vorschläge in Brüssel, Wien und im Landtag diskutiert wird? Was ist geschehen, daß Leute, die noch vor ein paar Monaten die Gleichung - Verkehr ist gleich Leben - hochgehalten haben, für ein Nachtfahrverbot eintreten?"

Des Rätsels Lösung glaubt Hofinger gefunden zu haben: Unter gewissen Voraussetzungen lassen sich gewisse Projekte nicht verwirklichen, weil sie sich "nicht mehr rechnen" würden. So war es doch beim Dorfertalkraftwerk, erklärt der Mann aus der Landeslandwirtschaftskammer. Die präzise Erklärung für scheinbar wundersame Kurskorrekturen bisheriger Politik: "Nicht die Umwelt and der Schutz derselben ist es, der zum Umdenken zwingt, sondern der Rechenstift." Bringt eine Schädigung der Umwelt ökonomisch meßbare Nachteile, dann habe der Aussicht auf Erfolg, der für die Umwelt kämpft. Und in Anspielung auf die neue politische Situation in Tirol, heißt es dann, daß "der Verlust von Mehrheiten im politischen Bereich auch zu den ökonomischen Kleinkatastrophen zählt".

Wasserkraftwerke werden nicht mehr so leicht gebaut, weil der Strom unverkäuflich sei. Gletscherschigebiete werden nicht mehr neu erschlossen, weil gerade auf diesem Gebiet in den 90er Jahren mit Einbrüchen bei den Freizeitsuchenden zu rechnen ist

Der Volksmund sagt, daß "das Geld die Welt regiere". Wer also Umweltpolitik betreibe, möge bedenken, daß bei allen Vorhaben darauf zu achten sei, ob den bei der Inangriffnahme desselben Geld und Macht in Gefahr wären.

In die Praxis der Transitdiskussion übersetzt: Es werde mit den Bürgerinitiativen nur deshalb über Änderungen der Transitpolitik gesprochen, weil sonst der Volkszorn zu Aktionen beflügeln könnte, die das gute Geschäft des Hin- und Hertransportes von Waren aller Art ernsthaft behindern könnten.

1988 wurde Hofingers Kopf gefordert, nachdem er in Vomp gegen die Gewalt der Straße zur Gegengewalt aufgerufen hatte. Zu diesem Thema brachte Hofinger heuer ein interessantes Beispiel, das sich anläßlich einer Diskussionsveranstaltung mit Spitzengendarmen des Landes in einem Seminar der Tiroler Volkswirtschaftlichen Gesellschaft begab. Hofinger versuchte die Exekutive davon zu überzeugen, daß sie im Fall der Auflösung einer Demonstration auf der falschen Seite stünden, nämlich auf der Seite der Gewalt Die Antwort von Oberst Bäuml darauf: "Jesus wurde von der Exekutive nach einem ordentlichen Gerichstverfahren zu Recht ans Kreuz geschlagen."

Hofinger bleibt bei seiner Aussage aus dem Vorjahr, daß Gegengewalt "legitim" ist im Fall, daß die Behörden versagen. Das "ist mir nicht leichtgefallen", sagte der Referent Aber auch für die Umweltschützler Erfreuliches kommentierte der Redner: Die ÖVP hat beschlossen für ein Nachtfahrverbot inzutreten. Auch über ökologische Obergrenzen will man nachdenken.

Letzteres sei eine bedeutende Trendwende, denn damit werden die jährlichen Zuwächse erstmalig nicht mehr als gottgewolltes Übel hingestellt Ausgangspunkte für künftige Strategien der Beseitigung der Probleme mit dem Transitverkehr sollen also die Tragfähigkeit unseres Landes, seiner Böden, Bäume, Quellen, Tiere und Menschen sein. Das sei eine gänzlich neue Fragestellung.

Zur Person Hofingers: Der Landtagsabgeordnete Dr. Bachmann (VP) sagte vor Monaten über ihn: "Korrumpiert vom Beifall der Menge eilt er, einem kleinen Lech Wales gleich, von Versammlung zu Versammlung." Hofinger selbst zu dieser Beschreibung: "So wie ich den Vergleich mit Jesus für unangebracht hielt, so hielt ich auch den mit dem polnischen Gewerkschafter für unpassend."

Der Blick auf gegenwärtige Entwicklungen nötigte den "Querdenker" Hofinger ohne einen Blick zurück im Zorn zu lobenden Aussagen für Antworten, die für den gestrigen Sonderlandtag erwartet worden waren.

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