Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Gehen wir in unseren Wald

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung  ?
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum Frühjahr 2001
Kategorisierung Wald; Kirchliches; 2001

"Wer sich unterfangt den gemeindewald zu verwüsten oder anzuzünden, dem soll die hand abgehauen werden, ohne unterscheid des Standes." So steht es in einem Weistum aus Keller bei Bozen, um 1190. Die ältesten Weistümer sind voll mit Bestimmungen zum Schutz des Waldes. Seine Abholzung, seine Rodung war ebenso verboten wie das Eintreiben von Ziegen. Die Jagd war zumeist Sache des Landesherren.

In einem Gebirgsland ist und war die Erhaltung des Bannwaldes öffentliches Anliegen. Bannwald bedeutete einst, dass man aus diesem Wald nichts entnehmen durfte; seine Nutzung war gebannt und er hatte Unheil von oben zu bannen. Das Verbot jedweder Nutzung ließ ihn älter und damit schwächer werden.

Die Wälder zur Deckung der Holznotdurft der Bergwerke waren besonders geschützt. Größter Verbraucher war die Saline in Hall. Wegen des Haller Rechens quer über den Inn war dieser erst von Hall abwärts schiffbar. Fast jeder Wald von Hall innaufwärts, bis ins Engadin, zeigt Spuren des Haller Sudbetriebes. Haller Forstknechte stupften im Radurschel im oberen Gericht Zirbennüsse, sie erneuerten künstlich, was sie vorher kahlgeschlagen hatten.

Zwiespältig war die Beziehung der bäuerlichen Menschen vor und hinter dem Arlberg in früherer Zeiten zum Wald: Es waren das jene Flächen, auf denen fast kein Gras wuchs; durch die er Rinder "mit fliegender Geisel" auf die Weide treiben sollte; die für die Beweidung zu steil waren, sodass man daraus keine Alm machen konnte. Kultivieren hieß für Ackerbauern und Viehzüchter, den Wald zurückzudrängen; Forstleute nennen dagegen eine mit jungen Bäumen bestandene Fläche eine Kultur.

Der Städter ging nur ungern in den Wald. Der Holzweg, den umweltbewusste Architekten und Wärmetechniker heute mit Stolz betreten, war gleichbedeutend mit einem Weg in die Irre, in eine Sackgasse. War man auf Reisen, so wusste man in einem der vielen "Mittewald", dass man nun offenbar die Hälfte des schrecklichen Wegstückes durch den finsteren Wald hinter sich hatte. Die Schäferidyllen spielten sich eher in Parklandschaften ab. Die Entdeckung der Natur, und damit des Waldes, als etwas, das man lieb haben konnte, erfolgte in unseren Landen im 19. Jahrhundert, in der Zeit des Biedermeier und der Romantik. Nun entstehen Gedichte, Romane, Lieder, Musikstücke, Malereien mit dem Wald als Thema. "Am Wochenende wirst du den Innsbrucker vergeblich zu Hause suchen. Da macht, wer immer dazu Gelegenheit hat, eine Landpartie. Wenn man sich nicht einer solchen angeschlossen hat, muss man alleine in seinem Hotelzimmer verbringen ..." So steht es in einem Reiseführer aus 1839.

Je mehr Menschen in den Städten wohnen, umso wichtiger wird der Wald (und später die Region oberhalb der Waldgrenze, das alpine Gelände) als Ort der Erholung. Auf Äckern und dreischnittigen Wiesen im Tal kann man sich nur sehr schwer frei bewegen. Die sogenannte "Öffnung des Waldes" durch das Forstgesetz 1975 war für Tirol und Vorarlberg kein Thema. Hier betrat jeder jeden Wald, ob der nun im Besitz eines Bauern, einer Gemeinde, einer Agrargemeinschaft oder der Bundesforste war. Beeren und Pilze zu pflücken war allen ungefragt gestattet. Die Möblierung von Waldspielplätzen brachte eine gewisse Konzentration der Waldbesucher. Lehrpfade versuchten erfolgreich, Wissen zu vermitteln.

Ist das alles so nüchtern und so wenig mystisch? So, wie in einem Text von Robert Musil, der trocken feststellt, dass nicht der Schöpfer den deutschen Wald aufgebaut hat, so hoch da droben, sondern der Herr Forstmeister? - Es gibt vermutlich beides: Den nüchternen Bezug des Waldbesitzers oder des Försters zum Wald als Produktionsstätte von Holz, als Arbeitsplatz. Und die verklärte Beziehung des Städters zu "seinem" Wald, also zu jenem Wald, in dem er die besten Schwammerlplätze weiß und den Bach, an dem seine Kinder spielen; das Moor, wo man bis zu den Knien einsinkt, und den zerfallenden Spechtbaum.

Und wie ist das mit dem Schöpfer? Hat sein "Bodenpersonal" für das Erbauen von Klöstern und Kapellen nicht bewusst Waldplätze aufgesucht, in Maria Waldrast, neben dem Stamser Eichenwald, in Georgenberg und so fort? Es gibt keine christliche Theologie des Waldes. Oder, wie im Arbeitskreis Schöpfungsverantwortung gesagt wurde: Es gibt keine katholische Form der Aufforstung oder der Holzernte, sondern nur eine gute oder schlechte.


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