Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Geburtenkontrolle im 19. Jahrhundert

Autor Winfried Hofinger
Medium Reimmichlkalender
Texttyp Kalenderbeitrag
Erscheinungsdatum 1997
Kategorisierung Trivia; Historisches; Adolf Pichler; Obergurgl; 1997

Der Tiroler Dichter und Landeskundler Adolf Pichler (1819-1900) berichtet in seinem Buch "Zu meiner Zeit" von folgender Begebenheit aus Obergurgl: "Ich will eine kleine Geschichte erzählen, die ich der Mitteilung des bekannten Pfarrers Adolf Trientl verdanke und die er mir nachträglich, als sie bezweifelt wurde, auf meine Anfrage in vollem Umfang bestätigte.

Zu hinterst im Ötztal mitten unter Gletschern liegt das Dorf Gurgl. Wie überall im Oberland ist auch hier die Güterzersplitterung Erbrecht und Vätersitte. Auf der geteilten und beim Zuwachs der Bevölkerung wieder geteilten Scholle kann sich kaum mehr eine Familie zur Not erhalten, und so entsteht ein trauriges Bauernproletariat.

Als nun die Bewohner jenes Dorfes sahen, wie das Elend mit jeder Geburt fort und fort wuchs, traten an einem Sonntag Jünglinge und Jungfrauen vor den Altar und machten das feierliche Gelöbnis, dreißig Jahre lang nicht mehr zu heiraten. Sie haben es hoch und heilig gehalten; dadurch kam alles wieder in das Gleichgewicht. Der Pfarrer hatte auch nicht ein uneheliches Kind zu taufen.

Und weiter schreibt Pichler in Anspielung auf den ideologischen Kampf der damaligen Zeit: "Was sagt ihr - ihr Herrn Arbeiter dazu? Ihr glaubt, mit der Geschlechtsreife auch das Recht der Fortpflanzung zu erlangen; mögen die Kinder auf der Straße betteln, und wenn sie heranwachsen, euch bei jedem Bissen Brot, bei jeder Zigarre, jedem Gläschen Schnaps Konkurrenz machen! Wenn es sonst nicht geht, können sie ja der Gemeinde zur Last fallen. Nehmt das Entsagen jener - dummen Tiroler Bauern - zum Beispiel."

Die Geschichte ist nicht ganz unbekannt im Lande. Die Frage ist, ob sie auch wahr ist. Adolf Pichler hat ja auch sonst manchmal ein wenig übertrieben. Als Zeugen nennt er den "bekannten Pfarrer Adolf Trientl". Der spätere erste landwirtschaftliche Wanderlehrer Trientl schreibt in einem selbstverfaßten Lebenslauf: "Am Ende des Schuljahres 1856 stand ich als Provisor in der Kuratie Gurgl ein, wo ich sieben recht vergnügte Jahre zugebracht habe." Von einer dreißig Jahre währenden Enthaltsamkeit, um die aus den Fugen geratene Wirtschaftsordnung wieder herzustellen, schreibt Trientl allerdings nichts, auch nicht in der Gurgler Chronik, die er 1858 begonnen hatte. Wohl aber Pfarrer Franz Danler, der 1920 nach Gurgl kam. Danler hat nicht nur die Chronik bis 1935 weitergeführt (Pfarrer war er hier bis 1953); er hat mit seiner unverkennbaren Handschrift zu vielen Eintragungen seiner Vorgänger Anmerkungen gemacht und Zettel mit Ergänzungen beigelegt. Auf einem solchen Zettel findet man die folgende Statistik über das ganze 19. Jahrhundert in Gurgl:

1) 344 Geburten,

2) 65 Trauungen; Durchschnittsalter der Bräutigame 37,4 Jahre und der Bräute 31,8 Jahre; von auswärts kamen 5 Bräutigame und 24 Bräute.

NB! Vom 7. Juli 1831 bis 8. April 1850 fand keine Trauung statt.

Das ist es! 19 Jahre - nicht wie Adolf Pichler schreibt 30 Jahre - keine Trauung! Warum nun aber 19 Jahre lang keine Hochzeit? Gab es das von Adolf Pichler berichtete Gelübde wirklich? War die Not wirklich so groß? Adolf Trientl schreibt im Jahre 1873 noch einmal ein paar Seiten in die Gurgler Chronik. Er war damals nicht mehr hier Kurat, sondern er war als Wanderlehrer unterwegs: "In den zwanziger und dreißiger Jahren standen die ökonomischen Verhältnisse der Bauern in Gurgl sehr schlecht, weil das Klima wirklich schlechter war als jetzt. Es gab sehr häufige Schneefälle im Sommer, es wuchs wenig Heu und oft fast kein Grummet, auch war ... die Bevölkerung größer. Dieß hat sich nun gebessert, Getreide war billig und das Klima gestaltete sich milder. In den letzten zehn Jahren nahmen alle Ferner bedeutend ab."

Im Landesarchiv in Innsbruck ist das Gurgler Taufbuch ebenso auf Mikrofilm abgelichtet, wie das der meisten anderen Tiroler Pfarren. Das Ergebnis der Spurensuche, ob in Gurgl von 1831 bis 1850 "auch nicht ein uneheliches Kind zu taufen" war, wie Adolf Pichler schreibt: Es gab in diesem Zeitraum tatsächlich keine Hochzeit, dafür aber mehr uneheliche Geburten als vorher und nachher. Weitere Gründe dafür, warum die Gurgler Bevölkerung nicht stärker wuchs, als das Gebiet - an der Grenze des bewohnbaren Raumes - tragen konnte, kann man aus Pfarrer Danlers Berechnungen entnehmen:

  • Jeder zwölfte der 252 toten Gurgler im 19. Jh. war ein Unfalltoter. Die Chronik liest sich

streckenweise wie der Lokalteil einer Zeitung: Absturz, Erfrierungen, Lawinen, Ertrinken, Sturz in die Gletscherspalte, Krokusgift.

  • Die Bräute waren bei der Hochzeit schon an die 32 Jahre alt. Sie waren daher nicht übermäßig lange im fruchtbaren Alter.
  • Die Säuglingssterblichkeit betrug über 12 Prozent. Das Durchschnittsalter errechnete Danler mit 45 Jahren.
  • Wer nichts hatte und nicht einheiratete, mußte abwandern.

Zum Abschluß ein Hinweis für die freundlichen Leser: Anläßlich des 175. Geburtstages von Adolf Trientl (1817-1897) wurde die Gurgler Chronik in Maschinschrift übertragen. Um S 100.- kann dieses Heft beim Pressereferat der Landwirtschaftskammer, Brixner Straße 1, 6020 Innsbruck, bezogen werden.

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