Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Frankreichs Feind ist Englands Freund

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernkalender
Texttyp Aufsatz
Erscheinungsdatum 2009
Kategorisierung Tiroler Bauernkalender;Historisches;1809;2009


England unterstützte die Tiroler Freiheitskämpfer mit Geld - die fast heitere Geschichte der sogenannten "Englischen Subsidien"


Der Historiker Josef Hirn, aus einer weit verzweigten angesehenen Oberländer Familie stammend, hat über den Tiroler Freiheitskampf von 1809 das Standardwerk verfasst: "Tirols Erhebung im Jahre 1809." Das 875 Seiten starke Buch, erschienen 1909, ist um gut 50 Euro antiquarisch zu bekommen; zur 175-Jahr-Feier erschien 1983 bei Haymon ein fast unveränderter und etwas billigerer Nachdruck. Hirn war, wie Josef M. Pernter (siehe Tiroler Bauernkalender vom Vorjahr), sehr kirchentreu, was beiden ihre Stellung auf der damals vom Freisinn beherrschten Universität nicht eben erleichtert hatte. Mit Pernter war Hirn sehr befreundet. Während "Tirols Erhebung" im ganzen Land anerkannt wurde, ist ein wesentlich schmäleres Buch von Josef Hirn fast unbekannt geblieben: "Englische Subsidien für Tirol und die Emigranten von 1809". Es handelt davon, dass die Regierung Englands die Tiroler Freiheitskämpfer mit der enormen Summe von 30.000 Pfund Sterling unterstützt hat - sozusagen aus seiner Jahrhunderte langen Tradition heraus, dass ein Feind Frankreichs automatisch ein Freund Englands ist. Wie viel Gulden das damals waren, weiß Hirn: 283.000 Gulden. Wie viele Euro das heute wären, lässt sich ganz schwer sagen. Aber es sind sicher mehrere Millionen. Wie es gelang, der englischen Regierung so viel Geld herauszulocken, ist nicht leicht zu verstehen. Es gab da einige englische Vermittler mehr oder weniger zweifelhaften Rufes - aber auf gut Glück zwei, drei Millionen heutigen Geldes nach Wien zu überweisen, nur weil ein Tiroler und ein Vorarlberger Veteran treuherzig darum bitten?

Subsidien sind Hilfsgelder

Die Art und Weise, wie diese Hilfsgelder erwirkt und wie sie dann verteilt wurden, liest sich streckenweise wie ein heiterer Roman, dann wieder wie ein Krimi. Vielleicht weil nicht alle Helden des Stückes darin gut wegkommen, ist das Buch (und sein Inhalt) nicht so gefragt: Es scheint beispielsweise im "Zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher" also im ZVAB, dem Zu-sammenschluss von 4100 Antiquariaten im Internet, nicht auf. In der Universitätsbibliothek Innsbruck musste man im Frühjahr 2008 bedauernd bekennen, dass das 120 Seiten starke Buch leider verschwunden sei. In der Bibliothek des Ferdinandeum war das mir vorgelegte Exemplar noch gar nicht ganz "aufgeschnitten", was darauf schließen lässt, dass es bisher nicht sehr oft benutzt worden war. Wäre das Buch nicht voller Fremdwörter, die heute weitgehend unüblich sind, dann wäre ihm eine weite Verbreitung sicher - trotz (oder wegen?) der vielen an sich unangenehmen Vorkommnisse darin: Ein Teil der "Subsidien" ist ja nie bei den vorgesehenen Empfängern angekommen. Die beiden Männer, die das Geld in England aufgetrieben haben und auch die späteren Verteiler haben reichlich auch an sich selbst gedacht, was Hirn recht schonungslos aufdeckt. Und das passt wieder nicht in das weit verbreitete Selbstbild heutiger Tiroler ...

Auf nach England

Johann Georg Schenacher war, laut Josef Hirn "ein Bauernsohn aus dem hochthronenden Dörfchen Reith bei Zirl", heute Reith bei Seefeld genannt. Er versuchte sich in Innsbruck mit mäßigem Erfolg als Handelsmann, und da er mit seinen Schiffsladungen bis Wien fuhr, überschritt er mehrfach die bayrisch-österreichischen Grenzen. Dabei wurde er gelegentlich, weil jeweils vom feindlichen Ausland kommend, von bayrischen wie von österreichischen Polizeiorganen ausgenommen. Auch im Krieg im Jahr 1809 setzte er seine Kenntnisse als Innschiffer ein. Wieder ohne Erfolg. Als es ihm in der Bayernzeit in Tirol zu heiß wurde, zog er zeitgleich mit dem Vorarlberger Josef Christian Müller nach Wien. Sie schlugen dem Kaiser und den Wiener Behörden vor, dass sie beide nach London reisen könnten, um dort Geld für die Weiterführung des Kampfes gegen Franzosen und Bayern zu erbitten, sowie Entschädigungen für die im Krieg "Verunglückten", wie man damals Leute nannte, die gröberes Unglück gehabt hatten. Etwa die Schwazer, denen der ganze Markt, rund 400 Häuser, am 15. Mai 1809 von den Bayern auf ihrem Rückzug niedergebrannt wurde. Die Wiener Stellen hatten zu dem ganzen Unternehmen eine zwiespältige Haltung: Einerseits freuten sie sich darüber, wenn von irgendwo her Geld zu den so treuen Tirolern kommen sollte. Andererseits konnten sie nach dem Friedensschluss mit Frankreich, dem sogenannten Schönbrunner Frieden vom 14. Oktober 1809, nach dem Tirol und Vorarlberg abgetrennt worden waren, nicht gut weiterhin die Aufständischen in Tirol (finanziell) unterstützen - schon gar nicht ab 1810, nach der mehr oder weniger erzwungenen und als sehr schmachvoll empfundenen Hochzeit der Tochter des Kaisers mit dem korsischen Emporkömmling namens Napoleon Bonaparte. Schenacher hat seine Reise nach London in einer viele Seiten langen Schrift anschaulich geschildert. Es war das eine Verteidigungsschrift, weil ihm später vorgeworfen wurde, dass er sich gar zu viel von den englischen Subsidien selbst behalten hätte. Daher setzt er alle Kosten recht hoch an; und auch die Abwendung der vielen Gefahren hätte (leider nicht belegbare) Mehrkosten verursacht. Schenacher reiste durch halb Europa in der auffälligen Tiroler Nationaltracht. Für die Rückreise schien diese Kleidung nicht gerade den besten Schutz vor den vielen französischen Spionen zu bieten - daher verkaufte er sie um teures Geld in England.

Spesen ohne Belege

Unsere beiden Helden haben in ihren Berichten und Schriften - um sich selbst ins beste Licht zu rücken - nicht mit abfälligen Bemerkungen über den jeweils anderen gespart. Hirn versucht hundert Jahre später daraus, in Kombination mit Polizeiberichten und Gutachten von Behördenleuten, die Wahrheit herauszufiltern. Die beiden, und später eine vierköpfige Arbeitsgruppe, die doch für eine Verteilung des größeren Teils der Summe sorgten, bestritten, dass dies alles, erst recht nach der wiedererlangten Selbständigkeit Tirols, die Wiener Behörden irgendetwas anginge. Es war das viele Geld eine Spende Englands für "die Tiroler"; allenfalls hatte die Regierung in Innsbruck da noch mitzureden.

Ein großer Teil der 30.000 Pfund Sterling ist bei den "Verunglückten" angekommen. Hirn bringt lange Listen darüber. Wie (nicht nur damals) üblich, wurden den höheren Chargen auch mehr gegeben: 20 bis 30 Gulden für den gemeinen Mann, über 100 für Hauptleute, zunächst in Wien. Nachdem die Wiener Aktion abgeschlossen war - manch einer erhielt nur ein Reisegeld, um aus der doch hoffnungslosen Situation in Wien wieder nach Tirol zurückkehren zu können - wurde der große Rest der Spendengelder nach Tirol überstellt. Es gibt eine Liste ihrer bezirksweisen Verteilung; naturgemäß bekommt Schwaz davon weitaus am meisten, nämlich 43.000 Gulden. Lienz und Brixen 12.000 Gulden, Kitzbühel 10.000, bis herunter nach Neumarkt 800, Terlan 500 usw. "Bis 1812 war das Verteilungsgeschäft beendet, die Kasse aber auch nahezu erschöpft." (J. Hirn)

Wie viel die Verteilenden jeweils und wohl zurecht an Spesenersatz vom großen Kuchen einbehalten haben, ließ sich von ihnen auch deshalb schwer belegen, weil sie anfänglich aus Vorsicht, um sich und andere im Fall ihrer Verhaftung nicht zu belasten, bewusst keine Belege aufbewahrt hatten. Das Erstellen von Reiserechnungen war keine ihnen bekannte Fertigkeit. Dem Bankhaus Steiner hat die spätere Untersuchungsbehörde nicht viel mehr vorwerfen können, als dass es bei der Abwicklung dieses Geschäftes auch reichlich an seinen eigenen Vorteil gedacht hat. Wie das in einem Bankhaus vor 200 Jahren halt so üblich war.

Hirn urteilt ausgewogen

Hirns "Schlussurteil", von ihm selbst so genannt, sei hier auszugsweise wörtlich wiedergegeben: "Damit sind die Akten über die englischen Gelder geschlossen. Aufgedeckt ist die Leidensgeschichte, welche diese Akten vor den Augen dessen, welcher sie durchmustert, entrollen. Daß dem Lande ein großer, vielleicht sogar der größere Teil der ihm zugedachten Unterstützung entzogen worden wäre, wie böse Gerüchte eine Zeitlang behaupteten, ist nicht wahr. Das meiste wurde zweckentsprechend verwendet, sei es als Almosen für die Ausgewanderten, deren großes Elend gerade diese Akten bezeugen, sei es für die Verunglückten im Lande. Willkürlichkeiten, Abweichungen von einem billigen Maßstabe sind ja vorgekommen. Allein der Umstände begegnen genug, welche so manches entschuldigen. Ein Schenacher darf trotz seiner hochtönenden Worte freilich nicht nach der Elle des selbstlosen Patriotismus gemessen werden. Er hat den spekulativen Geschäftsmann nie verleugnet und hat sich eine reichlich bemessene Vergütung seines übrigens unleugbaren Verdienstes eigenmächtig angeeignet ... Als Tugendhelden lassen sich auch die anderen Administratoren nicht feiern. Aber Steine braucht man deshalb auf sie nicht zu werfen. Man stelle sich nur vor: Diese armen Teufel, wie sie meist waren, sehen sich vor eine volle Geldkiste gestellt ohne Direktive und ohne Aufsicht infolge der obwaltenden eigentümlichen Verhältnisse ... Man wird aber mit solch zweifelhaften Praktiken umso weniger streng ins Gericht gehen, wenn man sieht, wie es ganze Staaten, durch gewaltsame Kriegsläufe in ihren ökonomischen Grundlagen erschüttert, damals gehalten haben." So weit Josef Hirn. Schenacher hat es ähnlich gesehen. Am 28. Dezember 1820 leistete er der kreisämtlichen Einladung von Krems Folge (die Herrschaft Artstetten, die er - mit welchem Geld wohl? - erworben hatte, lag in diesem Bezirk). Er erschien als schwerkranker Mann. Verglichen mit den Mitgliedern des Vierer-Ausschusses, "deren jedes eine Remuneration erlangt habe", fühlte er sich ungerecht behandelt: Diese Herren hätten nichts riskiert, keine Todesgefahren ausgestanden; da wäre doch die Frage, was derjenige verdient habe, der den Plan erfunden und verwirklicht hat. "Vor Gott und dem Vaterland" wäre ihm eine weit größere Belehnung als allen vieren zusammen zuzuerkennen. Bald darauf, Ende Jänner 1821, verstarb dieser tragische Held, der sich aus eigener Unternehmungslust bis nach England aufgemacht hatte, um für seine "verunglückten" Landsleute in England eine Riesensumme Geldes flüssig zu machen, ohne dabei sich selbst, seine Frau und seine vier unmündigen Kinder zu vergessen. Manch einer, der heute vergleichbare Summen getreu zu verwalten hätte, denkt nur an sich selbst. Schenacher dachte nur ein wenig auch an sich und die seinen.

Text auf nebenstehender Urkunde:

Recipisse Endes unterzeichneter bestättigt anmit, durch das k.k. Kreisamt des V.O.M.B mit Dekret vom 6ten d. M. die Revisions-Bemerkungen der Tirolisch-Ständischen Buchhaltung über den Empfang und die Verwendung der englischen Unterstützungsgelder mit der bestimmten Weisung erhalten zu haben, binnen Zwey Monaten vom Zustellungstage derselben seine standhältigen Erläuterungen hierüber abzugeben, und dem Vorsteher dieses Kreises einzusenden. Artstetten den 10. April 1819 Joh. Georg Schenacher

Anmerkungen: Recipisse bedeutet soviel wie Empfangsbestätigung. V.O.M.B. heißt: Viertel ober dem Manhartsberg. Die Verwaltung und die Gerichtsbarkeit von Niederösterreich waren und sind in Kreise eingeteilt - die Kreisgerichte stehen als 2. Instanz über den Bezirksgerichten. Die Untersuchungen über die rechtmäßige Verwendung der englischen Unterstützungen (= Subsidien) betrieben die Gerichte in Österreich unter der Enns (heute Niederösterreich) und in Tirol. Das Gut Artstetten kaufte später Franz I.; hier ist sein Urenkel, der Thronfolger Franz Ferdinand (ermordet in Sarajewo 1914) begraben.

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