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Erinnerungen an das Schuljahr 1953/54

Autor Winfried Hofinger
Medium Brief
Texttyp Schülerbeschwerde
Erscheinungsdatum 2004
Kategorisierung Gesellschaftliches; Schule; Trivia; 2004


Vor 50 Jahren:

Erinnerungen an das Schuljahr 1953/54

Eine pädagogische Wüstenlandschaft

Von Winfried Hofinger

Im Sommer 1953 übersiedelte unsere Familie - unsere Eltern und wir fünf Geschwister - von St. Johann in Tirol nach Mutters bei Innsbruck. Wir Kinder waren zwischen 11 und 17 Jahren alt, alle Gymnasiasten. Der älteste Bruder blieb im Salzburger Borromäum, um dort im kommenden Schuljahr zu maturieren; ich übersiedelte von diesem Salzburger Internat in die 5. Klasse, humanistischer Zweig, der Innsbrucker "Angerzellgasse" (den schönen Titel eines akademischen Gymnasiums hatte diese Schule damals noch nicht).

Bemerkenswert war schon der Empfang. Der Griechischlehrer fragte: Was hast du gehabt? -Einen Dreier. - Sieh zu, dass bei uns kein Genügend draus wird. Der Lateinlehrer: Was hast du gehabt? - Einen Zweier. - Das wird bei uns sicher ein Dreier werden. Sie sollten beide Recht behalten.

Mein bestes Fach war, neben Musik und Turnen, immer Deutsch. Im ersten Trimester bekam ich in Deutsch, nach zwei glatten Fünfern in beiden Schularbeiten, einen Fünfer im Zeugnis. Als meine besorgte Mutter den Deutschlehrer aufsuchte, sagte er ihr: Ja, leider, Ihr Bub ist strohdumm; er hat in unserer Eliteschule nichts verloren. Im Lauf des Schuljahres muss er draufgekommen sein, dass ich doch nicht so dumm war - im Abschlusszeugnis hatte ich einen Zweier. Ich muss also am Schluss auf "Sehrgut" gestanden sein.

Ein Vierer war damals in der Angerzellgasse eine gute Note. Wir hatten da einen Mitschüler, der im Maturazeugnis neun Vierer stehen hatte - und der dann ohne Probleme Jus studiert hat. Der Chemielehrer vertrat mehrfach die Ansicht, dass der Einser für den lieben Gott, der Zweier für ihn und die Noten ab drei für die Schiiler gedacht seien. Mein jüngerer Bruder, auch in der Angerzellgasse, war einmal nach Heinz Gstrein, der in einer anderen Liga spielte (er lernte unter der Bank Arabisch) der zweitbeste Schüler mit drei Vierern im Zeugnis. Wir Geschwister nannten in daraufhin den "Sesselprimus".

Unterrichtsminister war damals der Jurist Dr. Heinrich Drimmel. Er sagte einmal: Man sage mir die Schule mit den schlechtesten Noten, und ich weiß auch schon, was die schlechteste Schule ist. Dieser Sager war für die Herren in der Angerzellgasse nur ein weiterer Beweis dafür, dass Drimmel eben nur ein Jurist und kein Pädagoge war. Einmal sagte Drimmel zu meinem Vater: Stell Dir vor, es gibt in Österreich Leute, die eine Matura machen und nicht den Unterschied zwischen Besitz und Eigentum kennen. Mein Vater, Historiker und Geograph, darauf: Also, wenn Du mich so genau fragst ...

Keine Lichtblicke?

Gab es keine Lichtblicke? - Einen Religionslehrer, der so raffiniert wie kein anderer sehr schmerzhafte Ohrenreiberl verabreichen konnte. Einen Englischlehrer, der eigentlich auf die Universität gehört hätte, und der sich beim Fischen am Inn von der Schule erholt hat. Ein desinteressierter Turnlehrer. Der Klassenvorstand mit Stimmbandlähmung. Ein Mathematiker, der schlecht erklären konnte. Ein Direktor, der täglich am Eingang Schüler mit zu langen Haaren abfing, um sie zum Friseur zu schicken. Die einzige Respektsperson war bezeichnenderweise der Schulwart, Herr Baier ...

Am besten war noch der Musiklehrer, der selbst komponierte - und der darunter litt, dass niemand in der Klasse außer mir ein Musikinstrument spielte. Die Musik, wie sie in Salzburg gepflogen wurde, war auch der Hauptgrund dafür, dass meine Eltern und ich nach einem Jahr einmütig beschlossen, dass ich wieder ins Internat nach Salzburg gehen sollte. Angeblich hat sich eine Schulkonferenz in Innsbruck damit beschäftigt, warum ein Sohn des Direktors der Universitäts-Bibliothek lieber monatelang ins Internat nach Salzburg ging, statt täglich von Mutters in unsere Eliteschule zu pendeln.

Warum ich darüber genau fünfzig Jahre später schreibe? Den Lehrern kann ich nicht mehr sagen, dass ihre Urteile nicht ganz zutreffend waren. Sie sind alle längst verstorben. Also ist das keine verspätete Abrechnung - sondern eine Aufforderung zu etwas mehr Bescheidenheit. Die beste Mittelschule war für mich jene in Hall, wo ich, noch nicht 18 Jahre alt, maturierte. Aus dem Internat des Borromäums haben sie mich nach der 7. Klasse gewaltsam entfernt, was den Flug aus der Schule automatisch mit bewirkte. In Hall schüttelten die Franziskaner, die es da noch gruppenweise gab, nur den Kopf, wenn ich ihnen von meinen ersten sieben Jahren in den Gymnasien in Innsbruck und Salzburg erzählte ...

Übrigens bin ich nicht nachtragend. Unser ältester Sohn verbrachte in der Angerzellgasse acht vergnügliche Jahre. Wir schickten ihn dorthin, weil es damals das einzige Innsbrucker Gymnasium war, in dem Französisch ab der 1. Klasse unterrichtet wurde. Sohn Nr. 2 empfahlen wir die Sillgasse, weil er nicht zu nahe beim großen Bruder sein sollte. Und die Tochter ging dorthin, wo ihre besten Freundinnen hin gingen. Es ist nichts Schlechtes, wo nicht auch ein Gutes. Dank der wechselvollen Jahre zwischen 10 und 26 (ich studierte nach der Matura zuerst vier Semester Theologie in Innsbruck und absolvierte dann das Studium der Forstwirtschaft in Wien) kenne ich unheimlich viele Leute, und ich habe viele Freunde: In Wien, Salzburg, Hall, Innsbruck und Umgebung.


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