Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Eine starke Frau

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 4. November 1993
Kategorisierung Franz Jägerstätter; 1993

Franziska Jägerstätter organisierte eine Gedenkfeier zum 50. Todestag ihres Mannes Franz


Im Sommer wurde im Innviertel des 50. Todestages von Franz Jägerstätter, Leherbauer in St. Radegund, gedacht. Er hatte sich geweigert, in den Krieg zu ziehen. Und er wurde deshalb am 9. August 1943 in Berlin enthauptet.

Zu den Gedenkfeiern bin ich, wie sich das für eine richtige Wallfahrt gehört, zu Fuß gegangen - nicht von Tirol aus, aber immerhin von Oberndorf bei Salzburg. Entlang der Salzach, auf einem Rad- und Wanderweg. Radfahrer aus aller Welt, Familien mit Kindern; auf der Salzach viele fröhliche Paddler und Schlauchboot-Fahrer.

Dieser Mann ist mir schon seit langer Zeit unerreichbares Vorbild. Wie wenig sind wir bereit, die eigene Überzeugung ernst zu nehmen, wenn alle anderen in unserer Umgebung ganz anders reden? -Dabei kostet es bei uns nie das Leben. Höchstens einen kleinen Sprung in der beruflichen Karriere. Meistens nur das so angenehme Gefühl, bei der Mehrheit zu sein. Die Nachrede, ein ewiger Querkopf zu sein. Und selbst das kostet nicht nur, es verschafft sogar Anerkennung und Befriedigung. Über dies und vieles andere nachzudenken bleibt genügend Zeit, wenn man dreißig Kilometer zu Fuß geht.

Am Abend spielt eine Volksbühne aus dem benachbarten Bayern ein recht gut gemachtes Theaterstück über Leben und Tod des Leherbauern. Seine Frau Franziska spielt ein junges Mädchen, das untertags im Umweltamt von Traunstein arbeitet. Als ich sie nach dem Theaterstück daraufhin anspreche, ob ihr bewußt ist, wie sehr sie Franziska ähnlich ist, äußerlich und innerlich, da wird sie eher verlegen. Aber es stimmt. Die schwierige Rolle einer Frau, die dem geliebten Mann einerseits nicht seine freie Entscheidung nehmen oder zu schwer machen will, und die andererseits weiß, was auf sie und ihre Kinder zukommt, spielt sie so gut, daß sich am Ende der ganze Saal seiner Tränen nicht schämt.

Am Morgen Festmesse mit dem Linzer Bischof. Die ersten Reihen sind mit den Nachkommen Jägerstätters angefüllt. Die drei Töchter, ein Dutzend Enkel, die Urenkel auf dem Arm. Das alte Bauernhaus wurde zu einem Gedenkraum umgestaltet, daneben der Neubau von Stall und Wohngebäude. Franziska, selbst schon an die 80 Jahre alt, schaut aus wie 60. Sie organisiert das Fest selbst kräftig mit, ohne g'schaftig zu wirken. Zu den Fürbitten tritt ein Enkel vor, der mit Stolz das Beispiel seines Großvaters aufzeigt. Auch Franziska formuliert mit starker Stimme ein Bekenntnis zu ihrem Franz.

Die nachfolgenden Festreden und das gescheite Symposium über den Widerstand an sich kann ich mir sparen. St. Radegund wird an Sonntagen von keinem öffentlichen Verkehrsmittel angefahren. Ein Bauer aus dem Flachgau bringt mich zurück zum nächsten Bahnhof. Wenn seine Frau nach Lourdes fahren kann, dann wird er wohl auch eine Sonntagsfahrt in den Nachbarbezirk machen dürfen. Was er von Jägerstätter hält, er, der so wie alle anderen seiner Generation in den Krieg gezogen ist? Tät ich ihn nicht für einen Heiligen halten, wäre ich nicht da, meint er.

Schon bevor der Film gedreht wurde, also vor über 20 Jahren, war ich erstmals auf dem Leherbauerngut. Da lebte noch der alte Pfarrer, der, wie alle anderen, dem Franz seinen Entschluß auszureden versuchte. Am Ende eines langen Spazierganges über die Felder und Äcker von St. Radegund sagte er damals: "Er war der einzige Held, wir alle waren große Scheißer."

Franziska Jägerstätter hat viel gelitten, als viele im Dorf ihr die Mitschuld dafür gaben, daß Franz sein Leben für seine Überzeugung hingab. Wäre ich nicht so schüchtern, hätte ich auch eine Fürbitte oder einen Dank gesagt: Dank dafür, daß es den "Kleinen" vorbehalten blieb, die Wahrheit zu erkennen. Die "Großen", bis zu den Bischöfen, haben damals genau so versagt wie auch heute oft. Daß es ein Bauer war, der "dem Tier und seinem Zeichen" getrotzt hat, mag die Leserinnen und Leser dieser Zeitung mit Stolz erfüllen. Und dazu ermuntern, gelegentlich zur eigenen Meinung zu stehen.

Eine starke Frau, wer wird sie finden? Ich kenne eine: Franziska Jägerstätter, Altbäuerin beim Leherbauern in St. Radegund.

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