Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Tageszeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum  ?1990
Kategorisierung Skipisten; 1990

Eine Pause zum Nachdenken

Zwei Landesräte haben dem Land eine dreijährige Nachdenkpause im Liftausbau verordnet. Nicht wenige Mitbürger haben das offenbar als Aufforderung, beim Nachdenken eine dreijährige Pause einzulegen, aufgefaßt.

Bei allen Erscheinungen mit mehr oder weniger starker Dynamik empfiehlt es sich, das Einmaleins anzuwenden. Auch eine höhere, aber allgemein bekannte Rechenart, die Zinseszinsrechnung, ist lehrreich: der Blick in den Tabellenteil eines jeden besseren Taschenkalenders lehrt uns, daß ein jährliches Wachstum von vier Prozent zu einer Verdoppelung in 18 Jahren, zu einer Verdreifachung in weniger als 30 Jahren führt. Allen ist klar, daß wir in Tirol nicht dreimal so viel Lifte oder Hotels haben können. Das andere Prinzip ist das der gegenseitigen Aufschaukelung: es werden Hotels gebaut in einem Gebiet ohne ausreichende Zufahrtsstraße. Straßen und Lifte müssen her, um die Gäste zufriedenzustellen. Da Straßen und Lifte vorausschauend etwas größer ausgelegt werden, trägt es nun wieder ein paar Hotels mehr.

Jetzt ist bei Liften und Straßen wieder Engstelle, neue Liftkapazitäten helfen dem ab. Und so fort. Würde die von oben verordnete Nachdenkpause dazu verwendet, Lifte und Hotels ungefähr auf gleich zu bringen, und dann endlich einzusehen, daß einmal ein Ende sein muß (siehe Zinseszinsrechnung), dann könnte man zufrieden sein. Derzeit hat man den Eindruck, daß weder bei den Hotels, noch bei den Liften solche Bescheidung das Denken und Handeln bestimmt. Die zu enge und überlastete Straße ins Stubaier Gletscherskigebiet wird nicht als Chance für den Gletscher empfunden - sondern: die Lifte werden ausgebaut, und daher muß die Straße ausgebaut werden. Wenn dann oben am Gletscher statt bisher maximal 8000 Personen 12.000 sein werden (am Tag!), dann muß das Skigebiet ausgeweitet werden, damit sich die Skifahrer nicht zu sehr im Weg sind.

Am ärgsten freilich wäre die Vorstellung, daß alles das an Menschen, was sich in den Skistationen gegenseitig auf die Bretter tritt, im ganzen Alpenbereich regelmäßig sanft verteilt wäre. Sie sollen ruhig dort bleiben, wo sie Trubel, Streß und Heiterkeit suchen, und uns Tourengeher in Ruhe lassen. Wo der Punkt ist, an dem das angenehme Gefühl der Nähe durch das unangenehme Gefühl der Enge abgelöst wird, ist schwer festzulegen. Vor Jahren geriet ich zufällig in einem der skitouristisch intensivst genutzten Gebiete an eine Stelle, wo mehrere Lifte und Abfahrten zusammentrafen. Ich meinte, in einem Tollhaus zu sein und suchte schleunigst das Weite. Alle anderen waren vergnügt und fröhlich.

  • Winfried Hofinger ist der Vorsitzende des Naturschutzbeirates der Tiroler Landesregierung.
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