Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Ein Aufbruch sondergleichen

Autor Winfried Hofinger
Medium 100 Jahre Bauernbund-Buch?
Texttyp Aufsatz
Erscheinungsdatum 2004
Kategorisierung Bauernbund; Agrargeschichte; Kapitalismus; 2004

100 Jahre Tiroler Bauernbund – frech, mutig und kampfbereit

Eine neu gegründete politische Organisation hat am Anfang des letzten Jahrhunderts unter anderem gefordert

  • das Notariatswesen zu verstaatlichen
  • eine progressive Einkommensteuer und eine Luxussteuer einzuführen
  • das allgemeine gleiche Wahlrecht einzuführen
  • den Börsenhandel zu verbieten
  • den Militärdienst für den gemeinen Mann zu verkürzen.

Wer war es? - Niemand von uns würde auf den Tiroler Bauernbund tippen. Er war aber so radikal, damals, als rund 7.000 Bauern aus ganz Deutschtirol (und aus den ladinischen Tälern) am 4. und 5. Juni 1904, also vor genau 100 Jahren, in Sterzing zur Gründungsversammlung zusammenkamen. Weil sie so frech und unbekümmert waren, verbot ihnen die fürstbischöfliche Behörde die Abhaltung einer Feldmesse. Das heißt: Ungerührt nahm man es auf sich, dass die meisten von ihnen die damals noch sehr streng beachtete Sonntagspflicht nicht erfüllen konnten. Nach erfolgter Gründung wurde katholischen Priestern fünf Jahre lang verboten, bei diesen Revoluzzern mitzumachen. Zur selben Zeit war der Vorstand der Konservativen mit Priestern gut besetzt. Der Priester Sebastian Rieger, den meisten Tirolern als Romanautor "Reimmichl" ein Begriff, nahm an der konstituierenden Sitzung des Bauernbundes im Herbst 1904 im Innsbrucker Löwenhaus - dort, wo heute das ORF-Zentrum steht - angeblich in Verkleidung, mit Bart, teil. (Priestern war damals, unter vielem anderem, auch das Tragen eines Bartes verboten.). Aus der Rednerliste wurden Sebastian Rieger und Aemilian Schöpfer, weil Priester, gestrichen. Als Ersatz setzte man den Wiener Landtagsabgeordneten Hermann Biehlolawek auf die Rednerliste - und der formulierte so forsch, dass sich noch Wochen hinaus der Klerus ganzer Dekanate in den "Neuen Tiroler Stimmen" schriftlich von ihm distanzieren musste. "Ob Kaplan oder Kardinal, das ist uns egal", reimte er etwas holperig. (Jeder Wiener Bildungsbürger kennt Biehlolawek wegen seines Ausspruches: "Wenn i a Büchl seh, hab ich schon g'fressen!")

Schöpfer und Schraffl

Zwei Männer haben die junge Organisation besonders geprägt: Der Brixener Theologe Aemilian Schöpfer und der Sillianer Gastwirt und Krämer Josef Schraffl. Schöpfer hatte als Theologiestudent in Wien die junge Bewegung der Christlichsozialen kennen gelernt. Zurück in Brixen unterrichtete er bald einmal "Altes Testament". Auch hierin war er unkonventionell: Er stellte unbekümmert fest, dass das Alte Testament keineswegs als reines Geschichtsbuch zu werten sei - was heute Allgemeinwissen ist. Wer damals als katholischer Theologe beispielsweise laut sagte, dass Moses das 5. Buch Moses nicht bis zu Ende geschrieben haben konnte, weil einer nicht gut sein eigenes Sterben beschreiben kann, dem drohte gleich einmal der Verlust von Amt und Würden. In seiner "Geschichte des Alten Testaments, mit besonderer Rücksicht auf das Verhältnis von Bibel und Wissenschaft" schreibt Schöpfer 1894: "Aus den gleichen Gründen ist es ein sehr gewagtes, die Ehre des göttlichen Wortes mitunter sogar schädigendes Unterfangen, wenn man mit Berufung auf die Bibelworte über Gegenstände der Naturwissenschaften Thesen aufstellt." Amerikanische Schulbehörden versuchen noch über hundert Jahre später, Moses gegen die Naturwissenschaften auszuspielen. Auch die Sintflut, so Schöpfer, dürfe man nicht wörtlich nehmen (in welcher Arche hätten alle Tiere der Welt Platz?), und den Turmbau von Babel schon gar nicht. Womöglich hat sein ängstlicher Bischof es gar nicht ungern gesehen, dass sich Schöpfer ab Erscheinen dieses Buches, das damals einiges Aufsehen erregte, und das bis 1923 sechs Auflagen erlebte, mehr und mehr der Politik zuwandte. Er Irrlehrer, ein Modernist als Professor in Brixen? Schöpfers großer Gegenspieler innerhalb der neuen Bewegung war der ebenfalls in Tirol südlich des Alpenhauptkammes geborene Josef Schraffl. Auch er übrigens kein Bauer. Nicht nur aus Mangel an geeigneten Spitzenkräften ließen sich die Bauern das ganze 20. Jahrhundert hindurch auch von Nichbauern (Univ.Prof. Franz Gschnitzer), von Bauernsöhnen (die sind Legion), von Kaufleuten (wie Schraffl oder mein Großvater Josef Hofinger, der viele Jahre bäuerlicher Abgeordneter und Obmann des Genossenschaftsverbandes war) vertreten. Oder, in der damals unglaublich rauen, aber durchaus üblichen Sprache ihrer Gegner (in der Zeitschrift "Der Burggräfler") gesagt: "Herr Schraffl, der sich wohl Bauernbundsobmann nennt, ist kein Bauer. Wer für den Krautgarten seiner Frau 28 Kreuzer Grundsteuer entrichtet, gilt in Tirol nirgends noch als Bauer, auch wenn er hinter einer Bauernzeitung steckt. Und der Redakteur Baader ... war kein Bauer, ist kein Bauer und wird nie ein Bauer werden ..." Ist das noch zu wenig grob? Dann lese man in den "Neuen Tiroler Stimmen" nach, im Kampfblatt der Konservativen, die 1908 in drei Fortsetzungen der Frage nachgingen "Ist Josef Schraffl ein Grabschänder?"

Zeitung vor Partei

Gerade weil man um den Einfluss einer zünftig gemachten Parteizeitung wusste - es gab ja damals ja fast keine anderen Medien - wurde die Bauernzeitung zwei Jahre vor dem Bauernbund gegründet. Eine eher ungewöhnliche Reihenfolge. Üblicherweise finden sich ehrsame Männer (und Frauen; damals doch nur Männer) getrieben von einem politischen oder sonstigen Anliegen zusammen. Sie gründen einen Verein oder eine Partei. Und erst dann, wenn sich das alles konsolidiert hat, findet man Geld und Mut, auch ein Zentralorgan herauszugeben. Beim Bauernbund war es gerade umgekehrt: 1902 Gründung der Tiroler Bauernzeitung. Und von dieser gefordert, gepuscht würden wir heute sagen, schritt man im Juni 1904 zur Gründung des Bauernbundes. Die "Brixner Chronik" von Aemilian Schöpfer und der "Tiroler Volksbote" von Reimmichl, allgemein nur das "Bötl" genannt, halfen kräftig mit. Und selbst das wildeste Schmierblatt, der "Tiroler Wastl", begrüßte die Gründung des Bauernbundes wärmstens, weil damit den Konservativen ein Fußtritt versetzt würde. Die "Stimmen" polemisierten heftig gegen die Geld- und Zeitverschwendung, mitten im Sommer eine Bauernversammlung abzuhalten. War das eine gute alte Zeit?

Bunte Presselandschaft

Es gab damals in Tirol wie anderswo ganze Unmengen von Zeitungen und Zeitschriften. Viele von ihnen hatten Auflagen von unter tausend Stück, gerade einen hauptberuflichen Redakteur, wenn es gut ging; eine Hausdruckerei im selben Haus wie die Redaktion. Kaum Bilder, ellenlange Artikel, die heute kein Mensch mehr lesen würde. Ob sie damals je gelesen wurden? Über allem wachte die Zensur. Die Akten darüber sind im musterhaft bestellten Landesarchiv alle erhalten. Die Bauernzeitung wurde beispielsweise noch 1908 dafür beschlagnahmt, weil sie wahrheitsgetreu darüber berichtet hatte, dass der auch sonst etwas absonderliche Bruder des Kaisers, Ludwig Viktor, genannt Lutschi-Wutschi, eine Südtiroler Bergstraße trotz Fahrverbot befahren hatte. Die Gesetze, so schrieb man, gelten schließlich für alle, auch für die hohen Herren, ja für die mehr als alle anderen. Konfisziert wegen grober Beleidigung des Allerhöchsten Erzhauses! Schraffl machte diese Beschlagnahme und einige andere zum Gegenstand einer parlamentarischen Anfrage. Daraufhin konnte der an sich unbedeutende Vorfall, geschützt durch die vorausgegangene parlamentarische Behandlung, in der Bauernzeitung erscheinen. Der Bezirkshauptmann von Bozen (wo die Bauernzeitung damals erschien) ahnte das, und er riet daher aus diesem Grund vor einer Beschlagnahme ab.

Politik ist Männersache

Und die Frauen? In ihrer Nr. 1 aus 1902 macht sich die neue Bauernzeitung über das Frauenwahlrecht anderswo lustig: "Frau Gemeinderäthin! In Norwegen besitzen seit kurzer Zeit die Frauen bei den Gemeindewahlen nicht bloß das active, sondern auch das passive Wahlrecht, das heißt, sie können gewählt werden. In der Stadt Christiana sind denn auch vier Frauen in den Gemeinderath gewählt worden. Das muß ein ergötzliches Schauspiel sein, diese vier Frauen debattieren zu hören. Die Männer haben den Frauen das passive Wahlrecht erkämpft; ob es sie nicht bald reuen wird." Das Frauenwahlrecht wurde in Österreich erst nach 1918 eingeführt. Bis zu dieser Zeit galt für Frauen, was weniger bekannt ist, auch ein Verbot, an politischen Versammlungen teilzunehmen. Der Bauernbund hat das alles nicht kritisiert, sondern wie fast alle als naturgegeben bezeichnet: Die Frauen an den Herd, in die Kirche und ins Kindbett. Die Politik ausschließlich Männersache. Heute zählen die Frauen übrigens zu den stärksten Regimentern des Bauernbundes. 1904 traten dem Bauernbund neben tausenden Männern auch 59 Frauen bei; sie wurden von der Behörde - weil Frauen - aus den Listen gestrichen. Bis 1907 bestand in ganz Österreich ein Wahlrecht nach Steuerklassen. Die Stimme eines Mannes wog mehr oder weniger, je mehr Steuern er bezahlte - fast so wie heute noch in den Tourismusverbänden. Ab 1907 gab es zum Reichsrat in Wien erstmals ein von der Steuerleistung unabhängiges Wahlrecht, was vom Tiroler Bauernbund mit Freudenfeuern begrüßt wurde und was zum voraussehbaren Aufschwung der Massenparteien führte. In Tirol dauerte es bis zur Einführung des gleichen Wahlrechtes zum Landtag letztlich bis 1914, aber dieser Landtag hatte nach dem Ausbruch des 1 Weltkrieges noch weniger zu sagen als die Landtage vorher. Fast alles wurde in Wien entschieden. Der Landeshauptmann wurde weder vom Volk noch vom Landtag gewählt, sondern vom Kaiser bestellt. Der letzte vom Kaiser bestellte Landeshauptmann war der Gründungsobmann des Bauernbundes Josef Schraffl - er war auch der erste gewählte Landeshauptmann nach dem 1. Weltkrieg.

Vor allem gegen Wien

Die zögerliche Übernahme von Reformen aus Wien hatte in Tirol Tradition: Das Grundbuch war in den anderen Kronländern schon beinahe fertig erstellt, als man in Tirol mit der Neuanlegung erst begann; man verließ sich da lieber auf das gute alte Verfachbuch. Es gab dafür eigentlich nur eine Begründung: Dass das neu Grundbuch aus Wien kam. Ein weiterer Grund für die Anlehnung war allenfalls noch, nachzulesen in den Protokollen des Landtages aus der Zeit vor der Gründung des Bauernbundes: Die Konservativen wollten die Öffentlichkeit des Grundbuches, in das jeder Einsicht nehmen kann, und in dem die Verschuldung jedes Hofes leicht ersichtlich war und ist, nicht so gerne haben.

Viel betrüblicher aus heutiger Sicht war der erbitterte Kampf gegen das Toleranzpatent Joseph II aus 1781. Noch 1837 wurden 634 Zillertaler aus dem Land gejagt, weil sie dem Protestantismus anhingen (also seine "Inklinanten" waren; man gestattete ihnen nicht einmal, sich Evangelische oder Protestanten zu nennen). Der Neubau evangelischer Kirchen in Meran wie in Innsbruck wurde von den Konservativen heftig bekämpft, und dann, als aller Widerstand gegen das 1861 erlassene Protestantenpatent nichts half jahrelang wortreich beklagt. Die staatliche Schulaufsicht (durch beamtete Inspektoren anstelle der katholischen Priester) wurde von den Konservativen auch heftig bekämpft. Es gab da massenhafte Gerichtsverfahren - weil Frauen die Inspektoren attackierten und Kinder und Lehrer die Schule jeweils verließen, wenn der "heidnische" Inspektor erschien. Die Hauptbetreiber dieser Aktionen (Josef Greuter und Johann Haßlwanter) erhielten für ihren Kampf gegen das gottlose Wien die Ehrenbürgerschaft von mehreren hundert Gemeinden verliehen. Diese heftigen Gefechte gegen die neue Zeit, von Fachleuten "Tiroler Kulturkampf genannt, verbrauchten so viel Zeit und Energie, dass für die Behandlung der Lebensfragen des Landes nicht mehr viel übrig blieb. Als sich dann innerhalb des konservativen Lagers zunächst die späteren Christlichsozialen mit Schöpfer und Schraffl zur "Schärferen Tonart" formierten, und sich dann als Christlichsoziale und später als Bauernbund bewusst abspalteten, begann der so genannte "Bruderkampf", also der Kampf innerhalb des katholischen Lagers, der mit einer heute nicht mehr vorstellbaren Heftigkeit geführt wurde. Angeblich in jedem Pfarrhaus: Der Pfarrer Anhänger der Konservativen, die Kapläne, die es damals ja noch gegeben hat, Anhänger der Christlichsozialen und des von ihnen mit gegründeten Bauernbundes.

Die ökonomischen Verhältnisse

Sie sind es, wie Karl Marx (und sicher nicht nur er) wohl richtig festgestellt hat, die Denken und Handeln wesentlich bestimmen. Es war der aufkommende Liberalismus in der 2. Hälfte oder im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, der die Bauern und das Kleingewerbe ungebremst traf. Die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse bestimmte nicht mehr nur eine gute oder schlechte Ernte, sondern der Börsenhandel im In- und Ausland. Die freie Verschuldbarkeit der Güter führte zu ihrer Überschuldung bis zum Bauernlegen in ganzen Tälern (im Osten und Süden Österreichs mehr als in den westlichen Ländern). Peter Rosegger hat dieses Hereinbrechen des Kapitalismus in die bäuerliche Welt in seinem Roman "Jakob der Letzte" eindringlich geschildert. Es ist die Geschichte seines Vaterhauses. Weil in den Börsen und in den Banken relativ viele Juden tätig waren, suchten Demagogen (allen voran der Wiener Bürgermeister Karl Lueger) die Ursache des Bauernsterbens und der Not des Kleingewerbes nicht in den bestehenden Gesetzen bzw. in der Gesetzlosigkeit des schrankenlosen Liberalismus - "der Jude" war an allem schuld.

Antisemitenbund

Es ist das eines der trübsten Kapitel der an sich glorreichen Geschichte des Bauernbundes: Der Antisemitismus vor allem der ersten zwanzig Jahre. Natürlich wusste man damals nicht, zu welch schrecklichem Ende das alles führen würde. Aber es ist heute unbestritten, dass die vielen groben Antisemiten, ihr selbstverständliches Reden von den Juden als der Ursache allen Übels und aller Not, Auschwitz mitbewirkt und erst ermöglicht hat. Besonders arg trieb es der "Tiroler Antisemitenbund" unter seinen Vorkämpfern Andreas Thaler und Richard Steidle. Der Bauernbund trat dieser verbalen Kampftruppe geschlossen bei. (Andreas Thaler, der spätere Präsident des Landeskulturrates und Landwirtschaftsminister, ertrank 1939 in der von ihm mitbegründeten Siedlerkolonie "Dreizehnlinden" in Brasilien bei einem Hochwasser. Richard Steidle kam in einem Konzentrationslager ums Leben.) Martin Achrainer, ein junger Historiker, hat dem Antisemitismus in der Tiroler Bauernzeitung um 1920 eine längere Untersuchung geschenkt. Er stellt darin fest, dass die Wortwahl noch ärger war als im "Stürmer", und dass er in den Forderungen weiter ging als die Nürnberger Rassengesetze (bis ins vierte Glied ...). Aber: Man stand damit damals nicht alleine. Der "Hausheilige" des Tiroler Liberalismus, der Geologe, Botaniker und Dichter Adolf Pichler schrieb in sein Tagebuch: "Die Juden sind unsere Mitmenschen und das Gesetz der Menschenliebe gilt auch ihnen gegenüber ohne Einschränkung. Als unsere Mitbürger können wir sie aber nicht behandeln, wenn sie auch Rekruten stellen und Steuern zahlen, so lange sie eine im Guten und Schlechten unter sich solidarische Gesellschaft bilden. Darauf haben wir im Interesse unseres Volkes zu achten, sie selbst mit Gewalt zu hindern, dieses zu schädigen, und sie ohne Haß als Fremde zu betrachten, die wir berechtigt sind, im Notfall zur Auswanderung zu zwingen." Also: Assimilieren oder auswandern. Allenfalls auch mit gewaltsamem Nachdruck. Weil dieses Phänomen, die Erklärung aller Not und aller Missstände mit einem einzigen Sündenbock, hier eben mit den Juden, in allen bisherigen Festschriften zu 50 oder 75 Jahren Tiroler Bauernbund gar so beiläufig gestreift oder ganz übergangen wurde, sei es hier einmal ausdrücklich festgemacht. Es gibt da nichts zu vertuschen oder zu verschweigen.

Das Bauernregiment

Zur Verschuldung schrieb Schöpfer 1904 ein Buch mit dem Titel "Verschuldungsfreiheit oder Schuldenfreiheit? - Der Krebsschaden des ländlichen Grundbesitzes und das Heilmittel dagegen." Im Titel ist der Inhalt bereits angegeben. Schöpfer tritt, angesichts der ungeheuren Überschuldung der Bauerngüter in der ganzen Monarchie, dafür ein, die Verschuldbarkeit von Grund und Boden auf die Erträge zu reduzieren - was bedeutet hätte, dass die hypothekarische Belastbarkeit mehr oder weniger ganz aufgehört hätte. Nicht aber die bestehenden Lasten. Seine diesbezügliche Initiative im Landtag brachte kein Ergebnis. Die Entschuldung der Höfe trat letztlich mit der Inflation 1924 ein, als nicht nur bares Geld, sondern auch alle Schulden (auch die Verpflichtungen der Hoferben an ihre Geschwister, die in Raten abzuzahlen waren) mit einem Federstrich fast auf Null gestellt wurden. Verträge im 19. Jahrhundert enthielten in der Regel keine Wertsicherung. Die Inflation machte viele Familien vor allem auch außerhalb der bäuerlichen Welt plötzlich bettelarm. Vom Geld und seinen Zinsen konnten manche, die das vorher getan hatten, nicht mehr leben.

In die Pflicht genommen

Der junge starke Bund beschäftigte sich mit allen offenen Fragen des Bauernstandes. War er zunächst in der Rolle des unbekümmerten Angreifers, so musste er ab 1907, als die Bauern zur stärksten Gruppe im Parlament in Wien wurden, und dann nach dem 1. Weltkrieg in eine ganz ungewohnte Rolle schlüpfen: Bauern stellten die Mehrheit im Landtag und in der Regierung. Es ging nichts ohne sie - aber sie mussten nun andererseits auch Entscheidungen tragen, die sie vorher nie so mitgetragen hätten. Bei jenen, die sich noch an den revolutionären Schwung und an die Unbekümmertheit der ersten Jahre erinnerten, stieß diese neue, staatstragende Rolle nicht nur auf Verständnis. Oskar von Hohenbruck, Direktor des Bauernbundes durch Jahrzehnte und Verfasser der Geschichte der ersten 50 Jahre, bringt in diesem Buch ein sehr drastisches Beispiele: Ein Oberländer Bauer schlug im Innsbrucker Sekretariat mit der Faust auf den Tisch und schrie: "Jetzt ist der Thaler schon acht Tage Minister in Wien und noch immer sind die Viehpreise nicht besser geworden." Dabei, so Hohenbruck, war Thaler erst am Abend vorher in Wien angekommen!

Freunde und Gegner

Die Konservativen und die Christlichsozialen vereinigten sich in Österreich bereits 1907; in Tirol gelang eine nur halbherzige Verbrüderung erst nach dem 1 .Weltkrieg. Bei den ersten Wahlen danach erreichte die Volkspartei im Landtag die absolute Mehrheit. Die Hälfte ihrer Mandatare stellte der Bauernbund. Aber geliebt haben sich die bisher so feindlichen Brüder noch lange nicht. Mit der Kirche wurde Friede geschlossen. Allerdings, die schwerste letzte Niederlage bereitete Josef Schraffl ausgerechnet der Mitbegründer des Bauernbundes, der Priester Aemilian Schöpfer: Im Herbst 1920 bewarben sich Schraffl und Schöpfer um das Osttiroler Mandat im Nationalrat. Obwohl der Bauernbund seinen Obmann Schraffl unterstützte, unterlag dieser gegen Schöpfer schwer: 7.868 Stimmen für Schöpfer, 3.964 für den Landeshauptmann und Obmann des Bauernbundes Josef Schraffl. Es war dies die erste Wahl, bei der Frauen wählen durften. Hohenbruck meint, dass vor allem sie für die Niederlage Schraffls verantwortlich waren. Eine weitere Erklärung: Schöpfer war nach dem Sturz der Monarchien - nicht nur in Österreich, sondern fast in ganz Europa - weiterhin für die monarchistische Staatsform. Bis heute gibt es in Osttirol mehr Monarchisten als in jedem anderen Bezirk Tirols. Mit der Kirche hat sich der Bauernbund nicht immer leicht getan. Noch in den fünfziger Jahren versuchte der streitbare Bischof Paulus Rusch, den Bauernbund daran zu hindern, eine eigene Jugendorganisation aufzubauen - weil man der Meinung war, es würde damit der Katholischen Jugend (in der Zwischenkriegszeit: den Burschenvereinen) Konkurrenz gemacht. Die eigentlichen Gegner aber waren andere. Die Sozialdemokraten und dann später die Nationalsozialisten. Mehr oder weniger problemlos ist der Bauernbund in den dreißiger Jahren in der autoritären Bewegung Österreichs aufgegangen. Die Gliederung der Menschen nach den Ständen, wie sie im Ständestaat nach der Anleitung päpstlicher Rundschreiben (1891: "Rerum novarum"; 1931 "Quadragesimo anno") durchgeführt wurde, stieß bei den Bauern auf so gut wie keinen Widerstand, zumal der Bauernstand für die Austrofaschisten der wichtigste Stand war. Auf die Demokratie, welche zur Lösung der wirtschaftlichen Probleme Europas so wenig beitragen konnte, setzte damals kaum einer. 1938 wurde der Bauernbund sofort aufgelöst; die Akten wurden allesamt verbrannt - und nicht nur sie: Dem Bauernführer Josef Muigg aus Steinach am Brenner wurde sein Hof angezündet.

Aufbau und Modernisierung

Nach 1945 wurde unverzüglich dort weitergearbeitet, wo man 1938 aufgehört hatte. Es waren zum Teil dieselben Männer: Muigg war 1945 Landesrat für Ernährungssicherung und Landwirtschaft, Obmann des Bauernbundes und Präsident der Landwirtschaftskammer in einer Person. Kammeramtsdirektor wurde dort der blitzgescheite aber nicht sehr volkstümliche Dr. Franz Lechner, den ein Gauverbot in der Nazizeit vor ärgeren Maßnahmen gerettet hat. Das bis auf die Grundmauern durch Bomben beschädigte Bundeshaus (es steht sehr nahe beim Hauptziel der amerikanischen Fliegerbomben, dem Innsbrucker Hauptbahnhof) wurde mit Hilfe von Holzspenden der Bauern wieder aufgebaut. Kammer und Bauernbund werkten im selben Haus; der Bauernbund stellte und stellt in der Kammer fast alle Mandatare. Rief man die Kammer an, meldete sich der Telefonist jahrelang unbekümmert mit: "Bauernbund!" - "Nein, ich möchte die Landwirtschaftskammer!" - "Ja wissen Sie nicht, dass das dasselbe ist ...?" Der Bauernbund und die Kammer verteidigten nach 1945 die von ihnen mit beschlossene Ablieferungspflicht, was ihnen bei jenen, die lieber an Schleichhändler verkauft hätten, wenig Verständnis einbrachte. Die Agrartechniker beim Land, in einer eigenen Akademikersektion an den Bauernbund gebunden, halfen mit sehr viel Engagement, die Kriegsschäden zu beseitigen. Es wurden neue Höfe und Güterwege gebaut, Almen erneuert, Grundstücke zusammengelegt, Buckelwiesen planiert (die Kammer hatte zeitweise ein Dutzend schwere Maschinen), Moore entwässert. Nach zehn Jahren war es mit der Mangelwirtschaft vorbei, die Lebensmittelmarken wurden abgeschafft. Es drohte eine früher nie für möglich gehaltene Überproduktion bei allen Grundnahrungsmitteln, bis heute das agrarpolitische Problem Europas Nr. 1.

Der Fall Max Weiler

Der Osttiroler Max Weiler, im Lager der katholischen Neulandbewegung daheim (gehört jeder Tiroler zu einem Lager?), erhielt nach dem Krieg den Auftrag, die Seitenwände der 1931 auf der Innsbrucker Hungerburg erbauten Theresienkirche zu bemalen. Die Bilder in der Apsis stammen übrigens von Ernst Nepo - im Jahre 1935 hat er, als Illegaler, das Jesuskind und alle Heiligen mit einer zum deutschen Gruß erhoben Hand gemalt; selbst ein Ast, der aus einem Baumstock herauswächst, grüßt auf die bekannte Art ... Weilers Bilder erregten ähnliches Aufsehen wie seine ein paar Jahre später gemalten Fresken am Innsbrucker Hauptbahnhof - es war für viele Tiroler die erste Begegnung mit der Malerei des 20. Jahrhunderts. Es gibt da unter anderem ein blaues Pferd; der "Blaue Reiter" von Franz Marc war immerhin Jahrgang 1911. Zum Skandal wurde allerdings die Kreuzigungsszene, wobei der lauteste Protest darüber erhoben wurde, dass den Lanzenstich auf den Gekreuzigten nicht ein römischer Soldat, sondern ein Tiroler Bauernbursche ausführt. Anstatt sich ordentlich mit allen Funktionären über diese Gemeinheit aufzuregen, schrieb der Bauernbunddirektor Anton Brugger in der Bauernzeitung vom 18. März 1948, also in der Osternummer, sinngemäß: Es geschehe den Tiroler Bauern ganz recht, als Christusmörder hingestellt zu werden, so wenig ernst würden sie es mit den Geboten des Christentums nehmen; etwa mit der Nächstenliebe. Auch die Syphilis sei auf dem Land gleich weit verbreitet wie in der Stadt. Es darf vermutet werden, dass ganz andere Details des Bildes den bäuerlichen Zorn auf ihren Direktor veranlasst haben: Lange wurde gerätselt, welche Mitglieder der Regierung oder des Landtages ganz unbeteiligt schwätzend unter dem Kreuz abgebildet sind. Und eine Tiroler Bäuerin hat nicht so einen fetten Hintern. Brugger ging damals ganz knapp an seiner Entlassung vorbei. Übrigens hat der, welcher den Lanzenstich ausgeführt hat, Christus nicht gemordet - bei Johannes 19,33 steht zu lesen. "Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon tot war, zerschlugen sie ihm die Beine nicht, sondern einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floss Blut und Wasser heraus." Aber auch das hat in Tirol Tradition: Die Bibel nicht zu kennen. Noch am Beginn des 20. Jahrhunderts erneuerten die Bischöfe hier alljährlich das Verbot, die Bibel zu besitzen oder gar zu lesen, wie das die Synode von Toulouse im Jahre 1229 (!) verfügt hatte ...

Von Eduard Wallnöfer bis Franz Fischler

Nach 1945 bildete der Bauernbund einen der Bünde der Volkspartei. Es hatte in dieser Partei mehr an Gewicht, als es dem ständig schrumpfenden Anteil der Bauern an der Bevölkerung zukam. Das wird einerseits auf die straffe Organisation zurückgeführt, und andererseits auf die Tatsache, dass es gelang, starke, kantige Persönlichkeiten an die Spitze zu stellen. Durch Jahrzehnte wurde das Bild des Bauernbundes in der Öffentlichkeit von Eduard Wallnöfer geprägt. Geboren in Südtirol, musste er als Kind mit seiner Mutter nach Nordtirol auswandern. In Oberhofen engagierte er sich beim Jungbauernbund, der in den Dreißigerjahren das gesellschaftliche Leben im ländlichen Raum belebte. Er wurde Tierzuchtbeamter, später Sekretär der Bezirksbauernkammer in Imst, heiratete eine Bauerntochter, und wurde bald einmal Mitglied der Landesregierung. Eine vor ein paar Jahren durchgeführte Umfrage unter Hauptschülern ergab, dass die meisten von ihnen den Namen Wallnöfer noch nie gehört hatten - ihre Eltern kannten vom ganzen Bauernbund nur ihn und sonst kaum einen der vielen tüchtigen Funktionäre. Der bekannteste aus dem Tiroler Bauernbund stammende Mann war zur Jahrtausendwende und ist bis in unsere Tage der Absamer Bergknappen- und Kleinbauernsohn Franz Fischler. Nach Jahren der Ausbildung in Wien wurde er Direktor der Tiroler Bauernkammer, Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft und ist nun Österreichs erster EU-Kommissär. An ihm wiederholt sich, was sich Schraffl und Thaler von den Tiroler Bauern anhören lassen mussten. Warum er nicht (diesmal eben in Brüssel) zu hundert Prozent jene Politik mache, die alleine ihnen nützt. Gelassen stellt er sich den härtesten diesbezüglichen Anfragen bis zu Anpöbelungen. Jene, die wissen, dass er in Brüssel für ganz Europa und seine Landwirtschaft zuständig ist, freuen sich darüber, dass er, trotz gelegentlichem Undank, doch nie vergisst, wo er herkommt und wo er daheim ist. Es ist ein eigenartiges politisches Gebilde, der Tiroler Bauernbund. Politische Heimat für die ständig schrumpfende Schar der Bauern im Land im Gebirge. Stein des Anstoßes für jene, denen er zu mächtig und zu selbstbewusst ist. Er ist auf sein erstes Jahrhundert stolz; groß ist er wie die meisten Österreicher im Verdrängen der Schattenseiten, die es hier wie anderswo auch gab. Das Jubiläum will er dazu nützen, Strategien für die nächsten Herausforderungen zu entwerfen. Denn darin sind sich auch seine Gegner einig: Es wäre schade, wenn es in Tirol bald keine Bauern mehr gäbe.


Texte für Kästen:

Verbot einer Feldmesse

Meldung der Bezirkshauptmannschaft Brixen an das Statthalterei-Präsidium in Innsbruck: Die Anfrage vom 19. Mai konnte erst am 30. Mai beantwortet werden, weil Dr. Schöpfer "in Folge auswärtiger Geschäfte nicht zu treffen, bezw. hier nicht anzutreffen sei." Zum Ablauf des Bauerntages sagte Schöpfer unter anderem: "B. ..man wollte den Bauerntag mit einem Festgottesdienste einleiten und hiebei den als Schriftsteller und Dichter bekannten Expositus Sebastian Rieger die Festpredigt halten und dabei zum Ausdrucke bringen lassen, welche Tugenden der Bauer selbst üben müsse, um sein Los zu verbessern. Leider sei vom f.b. (d.h.: furstbischöflichen) Generalvikar die Änderung der Gottesdienstordnung und Festpredigt verboten worden."

Dem ehrwürdigen Klerus

befehlen und verordnen die Landesbischöfe am 30. November 1904 nachdrücklich (districte) folgendes: "1. Dem Klerus ist es untersagt, irgendetwas zu tun, sowohl gegen als für die Vereinigung der Tiroler Bauern, genannt Bauernbund, sei es mündlich oder schriftlich, unter Ausschluß irgend eines Vorwandes, der genannten Vereinigung beizutreten und an deren Versammlungen teilzunehmen. 2. Der Klerus hüte sich, mehr als billig der Politik sich hinzugeben ... 3. Unseren katholischen Zeitungen ist es streng verboten, bittere, unhöfliche Polemiken zu führen, namentlich gegen anders als sie gesinnte katholische Männer."

Der Antisemitenbund in der Tiroler Bauernzeitung, 28. November 1919:

"Ihr Juden seid Schuld ... an der immer bedenklicher werdenden allgemeinen Demoralisation. Nachdem ihr so entsetzliches Unheil über uns gebracht, wollt ihr das ganze Geschäftsleben, alle Wissenschaften, alle Kunst, alle Industrien, unsere Wälder, Sägen, Felder, Bergschätze und Wasserkräfte mit der Macht Eures Geldes und der Gewalt Eurer Presse an Euch reißen! Ihr jüdischen Schmarotzer ... Du undankbares, freches, völkerverderbendes Ungeziefer ... Warnend verlangt das Volk deinen Auszug aus Tirol!" Anton Brugger zu Max Weiler (Bauernzeitung vom 18. März 1948) "Müssen wir uns das gefallen lassen? Die Rolle des Christusmörders übernehmen? Wir Bauern von Tirol? Wir, die der Abstellungspflicht hochprozentig nachkommen? Wir, die wir so brav zur Kirche gehen? Wir, die noch so vielfach nach altem Brauch den Rosenkranz beten? Wir, die noch auf Zucht und Sitten halten, wir, ja wir ...? Ja, Bauern, wir müssen uns das Bild gefallen lassen. Auch in unseren Reihen werden die Rollen der Christusmörder gespielt mit einer Kälte und Selbstverständlichkeit, daß wir das kaum noch gewahr werden."

Winfried Hofinger geboren 1939 in Kitzbühel. Gymnasium in Salzburg und Hall, Studium in Innsbruck (vier Semester Theologie) und Wien (Forstwirtschaft). Von 1966 bis 2001 Mitarbeiter der Landeslandwirtschaftskammer für Tirol in verschiedenen Funktionen: Pressereferent, Forstreferent, Leiter des Schulungsheimes Reichenau. Verheiratet, drei Kinder. Forschungen über Peter Jordan, Adolf Trientl, Tiroler Agrargeschichte.

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