Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum März 1980
Kategorisierung Trivia; Schulpolitik; 1980

Ein-Schüler-Klasse

Wir schreiben das Jahr 2020. Wir stehen am Vorabend einer Abstimmung des Nationalrates, die für das restliche Europa Signalwirkung haben wird. Morgen wird der Klubobmann der stärksten Partei, der Lehrerpartei, im Hohen Haus den Antrag stellen, die Klassenteilungszahl auf eins herabzusetzen. Noch zu Beginn der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts gab es, wie man alten Zeitungen entnehmen kann, Debatten darüber, ob es finanziell verkraftbar wäre, die Schülerhöchstzahl je Klasse von 36 auf 30 zu senken, eine Diskussion, über deren fachliche Unbedarftheit wir heute nur schmunzeln können. Zwei Entwicklungen haben den erfreulichen Zustand, den man mit Lehrer-Schüler-Parität nur unzureichend umschreiben kann, gefördert:

  • Das generative Verhalten der Österreicher ist heute so, daß die wenigen Personen, die sich noch die Mühsal der Kinderaufzucht antun, nur in besonderen Ausnahmefällen mehr als ein Kind zeugen. Da diese Einzelkinder nun schon selbst wieder die Elterngeneration stellen, ist das Aussterben der Österreicher nur mehr eine Zeitfrage. Für die Schulverwaltung sind solche stabile Wertvorstellungen ungemein praktisch: Schon seit dreißig Jahren mußte kein Schulhaus mehr gebaut werden.
  • Der Anteil der Maturanten an der Gesamtbevölkerung steigt seit 150 Jahren an. Zunächst langsam und regelmäßig, zuletzt exponentiell. Von jenen 70 Prozent der Zwanzigjährigen, die nun ein Reifezeugnis besitzen, strebt ein immer höherer Anteil an die Lehrerakademien. Über ein Drittel aller Österreicher ist in irgendeiner Form im Schulwesen tätig.

Die kleinen Klassen machten den Bedarf an Schulräumen immer geringer. Schon mit der Einführung der Fünf-Kinder-Klasse ist man dazu übergegangen, den Unterricht in die Wohnzimmer der Schüler zu verlegen - was den Schulerhaltern nicht nur riesige Rechnungen für die Heizung sparen hilft. Da in der Normalfamilie Vater und Mutter am Vormittag zur Arbeit gehen, werden die Wohnungen durch den Schulunterricht, besser gesagt, durch den Heimunterricht bestens genützt. Mit dem Übergang zur Ein-Kind-Klasse wird das alte Hauslehrerprivileg des Hochadels im 19. Jahrhundert für alle Schüler verwirklicht, was den Sozialdemokraten die Zustimmung zum Gesetzesentwurf der Regierungspartei noch erleichterte.

Die ehemaligen Schulhäuser werden vermietet. Die Schulhöfe sind sehr oft zu den beliebten Ladestationen für E-Autos geworden.

Romantiker setzen dieser pädagogisch bedeutsamen Entwicklung das Bild der alten Schulklasse entgegen, sie schwärmen von Klassenkameradschaften, von Streichen und Abschreiben - Erscheinungen der alten Massenschule, die nur in einem unverbesserlichen Erinnerungsoptimismus als positiv zu werten sind.

Vermutlich die einzige Gegenstimme zu dem richtungsweisenden Schulgesetz, um das unser Land ganz Europa beneidet (weil man noch nirgends so weit ist), wird der Vertreter der Bauern im Parlament abgeben. Er verknüpft in unerlaubter Manier die morgige Schulabstimmung mit der Frage, warum er 70 Kühe melken muß, während sein Goßvater von 15 Kühen gut leben konnte. Er hätte ja Lehrer werden können.


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