Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Die gute Nachricht - uninteressant!

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ?2004
Kategorisierung Medien; ORF; KIT; Kirchliches;2004

Auf der Transitparty vor dem Landhaus waren sehr viel mehr Leute, als das die meisten Zeitungen wahrhaben wollten. Und das, obwohl dieselben Zeitungen die Veranstaltung recht klein gedruckt angekündigt hatten. Als "der Fritz" in seiner emotionalen Art den Zeitungsleuten das auf einer Pressekonferenz auch noch laut sagte, bekam er den Lohn dafür: Fritz als Sänger und Gitarrespieler, und nicht als der einzige Experte in Transitfragen, der er in der Tat ist, las man am nächsten Tag.

Regel Nr. 1: Du darfst die Medien nicht kritisieren.

Auf derselben Veranstaltung traf ich einen leitenden Redakteur des ORF. Ich sagte ihm, dass vor einiger Zeit der Verein KIT, eine Tiroler Initiative zur Heilung der Drogensucht, dreißig Jahre alt geworden sei. Und warum der ORF darüber gar nichts berichtet habe. Er darauf: Sonst habt ihr nichts zu bieten außer den dreißig Jahren? - Nein, keinen Apothekeneinbruch, keine Drogenpartys, keine Selbstmorde. - Ja, dann darfst du dich nicht wundern. - Sollen wir so etwas inszenieren ...? Inzwischen ist das Haus in Steinach, in dem das KIT seit 25 Jahren eine Bleibe gefunden hat, dank der Verbreiterung des Skilift-Parkplatzes dabei, in das Gschnitztal zu stürzen. Und jetzt auf einmal, weil eine Sensation zu erwarten ist, kommen sie alle, von den Platzhirschen bis zu den Lokalblättern. Sogar das Fernsehen beginnt sich zu interessieren.

Regel Nr. 2: Gute Nachrichten sind keine Nachrichten.

Diese Regel ist inzwischen so bekannt, dass sie viele Leute schon in der heute üblichen Umgangssprache wissen: Good news are not news. Über das erfolgreiche Wirken einer Drogenstation - wobei es immerhin um den unheimlichen Bereich des Drogenmissbrauches geht - kannst du die perfekteste Presseaussendung machen. Außer deinen Freunden in der Bauernzeitung druckt sie niemand ab. Stürzt das Haus in den Graben, kommt einer nach dem anderen, um eine Reportage zu machen.

Ist man dagegen ganz hilflos? - Beinahe. Kirchliche Institutionen, die gerne hätten, dass für die Medien Kirche mehr ist als St. Pölten, behelfen sich damit, dass sie ganze Beilagen kaufen. (Ob diese Beilagen, etwa wenn sich ein Artikel über zwei großformatige Seiten hinzieht, auch gelesen werden, ob also das viele Geld sinnvoll eingesetzt ist, darf bezweifelt werden.) Die Wirtschaft hat sich das Wohlwollen der Medien schon sehr früh erkauft: Kritische Berichte hätten verheerende Folgen auf dem Anzeigenmarkt. Und der redaktionelle Teil, sagte ein Redakteur der Tageszeitung mehrfach öffentlich, das ist das, was übrig bleibt; das, was der Anzeigenleiter nicht mit bezahlten Flächen füllen kann.

Sind wir daran selbst ganz unschuldig? - Wir lesen die Geschichte, dass eine Mutter ihr eigenes Kind vergiftet hat oder zu Tode geschüttelt hat viel eher, als wenn auf derselben Seite stünde, dass wieder eine Mutter ihre drei Schulkinder nach einem kräftigen Frühstück in die Schule geschickt hat. Selbst in der Weihnachtsgeschichte wird die Regel, dass nur schlechte Nachrichten auf Interesse stoßen, beachtet. Die Geburt in einem Stall, der hartherzige Wirt. Und als erste Zeugen ausgerechnet Hirten - die waren damals bei Gericht als Zeugen nicht zugelassen, weil man ungefragt unterstellte, dass sie alle Spitzbuben seien. Jetzt wissen sie, was sie an der Bauernzeitung haben: Da stehen, trotz aller Schlechtigkeit der Welt, auch gute Nachrichten. Wie jene, dass das KIT 30 Jahre alt wurde. Und dass dort engagierte Menschen tagaus, tagein ihren harten Job machen, unbeeindruckt von der Schlechtigkeit der Welt und von der Sensationsgier der Medien und uns, ihren Kunden.

Daher Regel Nr. 3: Nicht verzweifeln, trotz allem ...


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