Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Die große Schlammschlacht

Autor Winfried Hofinger
Medium  ?bit
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ?1994
Kategorisierung Klärschlamm; Jagd; 1994

Das Problem ist noch relativ jung. Es bot mehrfach Anlaß für heftige Kontroversen unter Insidern. Es ist noch immer ungelöst und jeder von uns leistet täglich seinen kleinen Beitrag. Es geht um den Klärschlamm und seine landwirtschaftliche Endverwertung im "Feinkostladen" Europas.

Ein paar Wochen vor der Gemeinderatswahl 1986 hielten Agrartechniker auf der Innsbrucker Uni gemeinsam mit Schweizer Kollegen eine Fachtagung ab. Ich sagte damals, es sei unzulässig, den Kanton Aargau als Muster hinzustellen, wenn auf den dortigen Feldern und Äckern der ganze Klärschlamm von Zürich ausgebracht wird. (Schließlich wird dort so gut geklärt, daß man das Wasser des Zürichsees trinken kann!) Im Gegensatz dazu sei das Klärschlammproblem in Tirol völlig ungelöst! Der damalige Gemeindereferent darauf: "Hofinger irrt und macht sich wieder einmal wichtig. Der Klärschlamm wird in Tirol geordnet entsorgt."

Kurz darauf wird besagter Wichtigtuer zum Vorsitzenden des Naturschutzbeirates gewählt. Wir veranstalteten eine Enquete zu diesem Thema. Dem aus Wien angereisten Bodenkundler mußte ich erst erklären, daß bei uns in Tirol der Stickstoff das Hauptproblem ist. Auf jenen ebenen, tiefgründigen Böden, wo eine Ausbringung von Klärschlamm denkbar ist, haben wir nämlich einen so hohen Viehbesatz, daß kein Gramm Stickstoff mehr Platz hat.

Einen Monat später richtete der Gemeindereferent zu diesem angeblich nicht bestehenden Problem eine Arbeitsgruppe ein. Der Vertreter der Stadt Innsbruck meinte damals: "Wichtig ist, daß die Entsorgung nichts kostet." Der Gemeindereferent: "Wichtig sind die Gesundheit von Mensch, Tier und Böden." Der Innsbrucker: "Die Stadt darf es nichts kosten."

Nach einem halben Dutzend Sitzungen sind die - absolut unverbindlichen - Richtlinien des Landes erarbeitet. Aus diesen geht hervor, daß selbst im "besten" Fall, wenn nämlich alle Bauern mit geeigneten Böden, diese auch beschlammen lassen, höchstens 20 Prozent des anfallenden Klärschlammes landwirtschaftlich endverwertet werden können. Was mit den restlichen 80 Prozent geschieht, bleibt vorerst einmal ungeklärt!

Inzwischen wissen wir aber, daß selbst dieser Wert von 20%, zu dem sich übrigens auch die Kanalhofräte bekennen, zu hoch gegriffen ist. Der Milchwirtschaftsfond verordnete nämlich, daß in Hartkäsereigebieten kein Klärschlamm auf den Wiesen ausgebracht werden darf. Gleiches gilt für den Wald und mit der Forstgesetznovelle 1987 wird dieses Verbot noch verstärkt.

Damit ist allen klar, daß auf jeden Fall mehr als 80% auf andere Weise entsorgt werden müssen. Auf einer Tagung der Landwirtschaftskammer zu diesem Thema meinte der Obmann des Bauernbundes deshalb: dann könnte man doch gleich die Nulldiät üben. Empörung bei den Gemeinden. Trotzdem wird der Entwurf eines Tiroler Bodenschutzgesetzes erarbeitet. In Paragraph 8 heißt es: "Die Ausbringung von Klärschlamm auf landwirtschaftlich genutzten Böden ist verboten." Doch der Entwurf ist noch immer nicht Gesetz.

Der Gemeindereferent wird zum Landeshauptmann gewählt. Auf der Dorfbildungswoche in Tulfes nenne ich den Klärschlamm als eines der dringendsten Umweltprobleme Tirols. Der neue Landeshauptmann steht im Publikum auf und beteuert, dies sei nicht wahr. Ein Drittel nähme die Landwirtschaft, ein Drittel verbrenne die Industrie(?), ein Drittel werde bei Rekultivierungen verwendet.

Lugger folgt Eigentler als Abfallminister. Geblieben ist die unsaubere Praxis: Ohne jede Kontrolle - weil kein Gesetz - wird Klärschlamm gegen bares Geld manchen Landwirten angedreht. Auf Wunsch der Gemeinden verstaubt der Entwurf zum Bodenschutzgesetz weiterhin in den Schubladen des Landhauses.

In der Zwischenzeit geht die Schlammschlacht in die nächste Runde. Jetzt gibt es eine neue Arbeitsgruppe, die aber, nur weil ich ihr nicht angehöre, auch nicht besser arbeitet. Die Endverwertung der besagten 80% des Klärschlammes ist noch immer ungelöst. Nun wurde die Versuchsanstalt in Rinn beauftragt, zu prüfen, wie gut doch der Klärschlamm den Tiroler Böden tun würde. Nur Kritik und Hohn zur Klärschlammpolitik in Tirol und keine Lösungen? In einer späteren Ausgabe dieser Zeitung sehr gerne.


Der Jäger im Ahrental

All jener Klärschlamm, der aus dem Klärwerk Innsbruck nicht direkt in den Inn hinausgeht, wird im Ahrental endgelagert. Fuhr da einmal der Viller Jagdpächter in der Nacht vom Faschingsdienstag auf den Aschermittwoch durch sein Revier. Unvermutet geriet er mit seinem respektablen Vehikel in einen vom Regen aufgeweichten Klärschlammsee und ersoff beinahe jämmerlich darin. Während sein Auto immer tiefer sank, öffnete er mit letzter Kraft die Tür und kletterte auf das Dach seines Gefährtes. Auf selbigem verbrachte er den Rest der kühlen Nacht ehe er am nächsten Tag mittels eines Baggers geborgen wurde!


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