Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Die Tiroler Land- und Forstwirtschaft einst und heute

Autor Winfried Hofinger
Medium Tirol - immer einen Urlaub wert
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum Sommer 2007
Kategorisierung Agrargeschichte; 2007

125 Jahre "Landesculturrath"


Das 125-jährige Bestehen einer gesetzlichen Interessensvertretung der Bauern ist der Anlass für diesen Rückblick: Wie war das damals in Tirol, in der Zeit um 1882 - und wie ist es heute? Was ist gleich geblieben, und was hat sich verändert? Im Grunde hat sich fast alles verändert; nichts ist mehr so, wie es war. 1882 war das Land noch nicht elektrifiziert. Es gab keine Glühbirnen, keine elektrischen Kühlschränke, keine Skilifts und keine Straßenbahnen. 1882 war das Land nicht motorisiert: Wohl gab es bereits die meisten Eisenbahnstrecken - aber keine privaten Personenautos. Das Wahlrecht war nach Steuerklassen eingeteilt: Wer mehr Steuern zu zahlen hatte, dessen Stimme (natürlich nur die der Männer) wog schwerer - was aber nicht viel ausmachte, denn der Landtag hatte sehr wenige Kompetenzen. 1883 wurde in Meran (eh nur für die Kurgäste) eine evangelische Kirche gebaut - für die Konservativen eine unerhörte Provokation. Das einzige, was dann über 67 Jahre gleich geblieben war, das war der Kaiser - schon 1882 konnte sich kaum jemand an einen anderen als Franz Josef erinnern, und er musste noch bis 1916 dienen: "Mir bleibt auch nichts erspart ..." Nicht einmal die Berge oberhalb der Waldgrenze sind die gleichen geblieben. Aus aktuellem Anlass beginnen wir ganz oben, mit den Gletschern (im Ötztal sagt man dazu Ferner und im Zillertal Kees; nur dort, wo es keine Gletscher gibt, sagt man Gletscher dazu): In der Karte von Peter Anich und Blasius Hueber aus 1774 sind die Vorstöße des Vernagtferners bis in das Rofental, wobei sich dahinter ein riesiger Stausee bildete, so beschrieben: "Gewester See, so anno 1678, 1679 und 1681 völlig ausgebrochen und 1771 sich wieder gesammelt." Auch im 19. Jahrhundert befassten sich noch Kommissionen mit Vorschlägen, wie ein neuerlicher Ausbruch des vom Vernagtferner gebildeten Stausees verhindert werden könnte - bis sich das Problem durch den Rückgang der Gletscher von selbst gelöst hat. Der Priester Adolf Trientl, von 1856 bis 1864 Kurat in Gurgl, also auf rund 2000 m Seehöhe, datiert den Beginn des Rückganges der Gletscher in einem Zeitungsartikel vom 29. Dezember 1881 auf rund 20 Jahre vorher: "Daß alle Ferner in Tirol und in der Schweiz im Rückgange begriffen sind, ist eine bekannte Thatsache. Das Abnehmen derselben beschränkt sich aber nicht bloß auf ein Zurückweichen ihrer unteren Grenzen, sondern ist sozusagen auf ihren höchsten Zinnen bemerk-bar." Die Folgen der verstärkten Schmelze: "Sicher ist wohl nur, daß die Fernerschmelzung mehr Wasser ergeben muß. Nun wollen aber ältere Leute wirklich beobachtet haben, daß in den jüngst verflossenen Jahrzehnten das Hochwasser der Bäche aus den Fernergebieten voller und anhaltender gewesen sei als in ihrer Jugendzeit." Im Jahre 1858 schrieb Trientl noch in der von ihm begonnenen Gurgler Chronik von einem in letzter Zeit beobachteten Anwachsen der Ferner: "So ist etwa seit 50 Jahren der Ferner in Rothmoos etwa um einen Scheibenschuß vorgerückt; auch der Ferner in Gaisberg ist stark in allen Dimensionen gewachsen; im heurigen Jahr sind überhaupt diese genannten Ferner und die kleineren bedeutend gewachsen." Also hat der Rückgang der Ferner im Ötztal und wohl auch anderswo nach 1860 begonnen. Heute sind viele von ihnen fast ganz verschwunden.

Klimawandel unbestritten

Es ist erst ein paar Jahre her, dass das, was heute selbst Politiker nicht mehr leugnen können, auch von Universitätsdozenten noch als natürliche kleine Abweichungen, als etwas, das es immer gegeben habe, hingestellt wurde. Wir sollten uns nicht so aufregen und uns nicht so laienhaft in ihr kompliziertes Fachgebiet einmischen, sagten sie. Anfang 2007 warnte nun sogar die Europäische Gemeinschaft eindringlich vor den Folgen der Erderwärmung. Was bringt der offenbar bestehende Klimawandel für die Land- und Forstwirtschaft? Die Baumgrenzen und die Waldgrenzen im Gebirge werden steigen. Diese Obergrenzen hängen vom Klima und von der Höhe des Gebirgsstockes ab. Im Tiroler Unterland, wo die höchsten Berge oft kaum 2000 m hoch sind (Kitzbüheler Horn 1998 m), liegen diese Grenzen niedriger als im Westen des Landes, wo die Gebirgs-stöcke zum Teil beträchtlich über 3000 m hinaufreichen. Es werden künftig Nadelbäume in Höhen wachsen, die sie bisher nicht besiedeln konnten; wc vor gut hundert Jahren noch Gletscher oder Kahlgebirge waren. Unnatürliche Reinbestände von Nadelbäumen in den östlichen Bundesländern (wo sie an sich nie hingehörten) wird die Erwärmung stärker treffen als im Gebirge, in Tirol. Hier sind Reinbestände von Nadelbäumen nicht von profitgierigen Forstleuten gemacht, sondern oft natürlichen Ursprungs. Oder wüssten Sie einen Laubbaum für die Zentralalpen auf 2000 m Seehöhe?

Auf der Alm ...

Die Hälfte der Landesfläche sind Almen. Wird es generell wärmer, kann die Alpzeit von derzeit rund hundert Tagen, je nach Höhenlage und Qualität der Alm, verlängert werden. Zur Freude der Hirten und ihrer Tiere wird es auf den Almen im Sommer weniger oft schneien. Auch das Gesicht der Almen hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert: Sie sind fast alle mit befahrbaren Wegen, die sehr oft Verlängerungen von Forstwesen sind, erschlossen worden. Die Weideflächen im schöneren Oberstock des Landes sind eher auf Kosten des Waldes zurückgegangen: Der Beruf des Almputzers, der einen ganzen Sommer lang mögliche Weideflächen von Jungbäumen und Sträuchern zu säubern hatte, ist ausgestorben. Die verbliebenen Flächen werden dafür intensiver genutzt als bisher. Viele Almen können derzeit nur deshalb erhalten werden, weil an den Wanderern in einer bescheidenen Jausenstation etwas Geld verdient wird. Im Durchschnitt haben die Almen 0,7 Personen an ständigem Personal (das heißt: viele von ihnen werden vom Tal aus betreut; und das bedeutet: Nach der Melkarbeit im Tal auf die Alm gefahren, nachschauen, ob alles in Ordnung ist, den Almanger mähen, Zäune reparieren, Heu machen, dann hinunter ins Tal gerast zur Stallarbeit). 0,7 Personen lassen natürlich nicht mehr viel an al-merischem Leben zu.

Und der Wald

Der laufende Zuwachs an Waldfläche - derzeit stehen wir recht genau bei der Hälfte der Landesfläche - geht in erster Linie auf Kosten der Almen und der Bergmähder. Letztere sind oft deshalb Mähwiesen, weil sie für eine Beweidung zu steil und damit auch zu gefährlich waren; sie wurden einmal im Jahr (natürlich mit der Hand, oft mit kurzstieligen Sensen oder mit Sicheln) gemäht oder nur alle paar Jahre. Das Bergheu wurde auf dem Kopf in einen Stadel getragen und im Winter oft unter Lebensgefahr mit Schlitten ins Tal gebracht. Viele Gedenktafeln, im Volksmund "Marterln" genannt, erinnern daran. Noch viel mehr Tote gab und gibt es bei der Holzarbeit. Der Wald war bis vor kurzem für die Bauern eine Fläche, auf der leider nichts Besseres wuchs als Bäume; Flächen, die man nur mit Einschränkungen beweiden, nicht aber bebauen konnte. Die neue Eisenbahn ab der Mitte des 19. Jahrhunderts förderte den Raubbau im Wald - die großen Überschwemmungen im Herbst 1882, also vor genau 125 Jahren, südlich des Alpenhauptkammes wurden vor allem auf diese der Erschließung mit Eisenbahnen folgende Ubernutzung des Waldes zurückgeführt. Der schon erwähnte Adolf Trientl, nicht nur "Mistapostel", sondern auch Waldkenner von hohen Graden, ist da skeptisch: "Es ist auch nicht wahr, dass der Wald eine jede Regenmenge, welche in wenigen Stunden vom Himmel fällt, unschuldig vertheilen und ablaufen lassen kann ... Der Wald kann nichts dafür, daß Regengüsse kommen, welche stärker sind als er, und ihn selbst mitreißen. Solche Ereignisse sind in den Gebirgsländern zwar selten, wie die Wolkenbrüche in den Flachländern, aber sie treten doch bald da, bald dort ein, und dann gilt allein mehr das unbarmherzige Wort: Was droben ist, muß einmal herunter." Dass Muren mitten im Wald losbrechen können, lernten manche Fachleute erst aus den Hochwettern in Osttirol 1965 und 1966. Wenn es südlich des Alpenhauptkammes einen starken Stau gibt, dann fällt dort mehr Niederschlag, als der Wald und der Boden aufnehmen können - und einen solchen Südstau gab es offenbar auch im Herbst 1882. Der Wald wurde im 19. Jahrhundert in der Tat schlecht behandelt: Es wurde Einstreu für die Haustiere am Waldboden zusammengekratzt - was dem Boden den für den Nährstoff-Kreislauf wichtigen Nachschub nahm; es wurden für denselben Zweck lebende Äste von den Bäumen gehackt. Viele Wälder wurden beweidet, was zur schädlichen Bodenverdichtung führt. Weniger Schäden richtete damals das Wild an: weil es wesentlich weniger gab, und weil es natürlich nicht gefüttert wurde. Für die Reduzierung des Wildes sorgten auch die vielen armen Leute im Lande, bei denen es nur dann Fleisch gab, wenn der Vater wieder einmal wildern ging.

Und so wurde, auch wegen der Gefährdung des Landes durch Wildbäche und Lawinen, in Tirol das strengste Forstregime Europas errichtet. Jede Gemeinde erhielt einen Waldaufseher; jeder Gerichtsbezirk einen Forstinspektor mit ein paar Förstern. Fast jede Holznutzung war bewilligungs-pflichtig - und daher wurde, weil immer weniger genutzt wurde als nachwuchs, der Wald immer älter und damit auch für Schädlinge anfälliger. Die Rodung einer einmal zu Wald gewordenen Fläche war jeweils eine Staatsaktion, während das Zuwachsen, die Entstehung eines Waldes aus einer Wiese, unbedenklich als Erfolg gefeiert wurde, auch in Gemeinden, die ohnedies schon reichlich bewaldet waren. Für jede Rodung musste eine so genannte Ersatzaufforstung geleistet werden. Erst am Beginn dieses Jahrhunderts wurde dieses starke Forstregiment drastisch gelockert. Und der Wald bricht darob nicht zusammen, Waldflächen und Holzvorrat nehmen weiter zu. Geerntet wurde das Holz noch im 19. Jahrhundert mit der Hacke - gegen die Einführung der Handsäge gab es von Seite der Holzknechte schwere Bedenken. Auch die neuen Motorsägen, heute ganz selbstverständlich, wurden nach dem 2. Weltkrieg mit viel Misstrauen begrüßt: sie waren zu schwer, von jeweils zwei Mann zu bedienen, und sie waren sehr laut. Wiesen und Äcker Für landwirtschaftliche Nutzflächen bleiben, nach Abzug des Kahlgebirges, der Almen und der Wälder, gerade noch 7 Prozent der Landesfläche übrig. Zwischen Äckern und Wiesen befinden sich alle Siedlungen, alle Fabriken und Gewerbebetriebe, die Verkehrswege. Dass der Flächenverbrauch für den Verkehr in einem Land, das nur aus ein paar mehr oder weni-ger engen "Kegelbahnen" besteht, auch ins Gewicht fällt, kann man derzeit in der Gegend um Schwaz studieren: Hier hat die exzessive Bautätigkeit der Eisenbahn die Pachtflächen für die wenigen Vollerwerbsbauern noch teurer gemacht.

An den landwirtschaftlichen Nutzflächen im Tal hat sich zweierlei geändert:

  • Es gibt, von ein paar Regionen mit Obst- oder Gemüsebau abgesehen, fast nur noch Grünland - also kaum einen nennenswerten Ackerbau.
  • Oft wurden gerade die besten landwirtschaftlichen Böden für Siedlungsbau, Gewerbegebiete und anderes verwendet - weil sie eben sind und sich in der Nähe größerer Ortschaften befinden.

In meiner Kindheit, lang ist es her, bestand der breite Talkessel von St. Johann in Tirol aus dem Hauptort und einem Dutzend Weiler, jeder mit vier, fünf Bauernhäusern. Wer heute dieses Gebiet von oben anschaut, muss nicht den üblichen verklärten Blick zurück in die Kindheit haben, um festzustel-len: Es hat hier (wie anderswo in Tirol) nie eine planmäßige Raumordnung gegeben. Fahren Sie einmal auf einer Landstraße nach Bayern hinaus. Dass Sie plötzlich in einem anderen Land sind, merken Sie daran, dass hier unverbautes Freiland und Siedlungen ordentlich getrennt sind. Häusergruppen, planlos im Grünland verstreut, gibt es dort so gut wie nicht, in Tirol aber zuhauf.

Grünland und sonst nichts

Noch vor gut 50 Jahren wurde selbst in den kältesten und regenreichsten Gebieten Tirols Getreide angebaut. Damit das Unkraut nicht stärker wuchs als Roggen und Hafer, wurden so genannte Jätgitschen aus Osttirol angeheuert (Eine "Gitsche" ist in Osttirol ein Mädchen, das Wort hat dort nicht den negativen Beigeschmack wie etwa im Innsbrucker Raum). Sie kamen bis nach dem 2. Weltkrieg über den Tauern zu den "Großbauern" etwa des Kitzbüheler Raumes oder des Salzburger Pinzgaus, jäteten einen Acker, und wenn sie damit fertig waren, fing die schwere Arbeit wieder von vorne an. Hier wäre es angebracht, mehr als nur einen Satz über die damals weitaus größte Gruppe aller Unselbständigen, nämlich die Landarbeiter, zu sagen. Es gab sie, je nach Größe eines Bauernhofes, von einem halben bis zu einem ganzen Dutzend und mehr. Sie hatten wenig Rechte, außer zu Mariä Licht-mess (am 2. Februar) den Dienst aufzukündigen und sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen. Sie hatten, wie damals die meisten Menschen, keinen Urlaub. Der schon mehrfach zitierte Adolf Trientl hatte auch zu den Landarbeitern, den Knechten und Mägden, eine originelle Idee: Er schlug um 1870, zu einer Zeit also, in der es für fast alle Berufsgruppen keinen Urlaub gab, vor, den landwirtschaftlichen Dienstboten anstelle der so genannten "abgebrachten" Feiertage im Herbst, wenn die meiste Arbeit getan wäre, zusammenhängende freie Tage zu geben; und, wegen der Sittlichkeit, nach Geschlechtern getrennt. Wir wissen, dass dieser wirklich revolutionäre Vorschlag nicht verwirklicht wurde. Die Landarbeiter haben sich, dann aber energisch, erst im 20. Jahrhundert organisiert. Bei der Gründung des "Landesculturrathes" 1882 war von ihnen noch mit keinem Wort die Rede. Ihre Emanzipation, sich Wohnhäuser zu bauen (statt alle zusammen in einer Knechtkammer bzw. in einer Magdkammer zu schlafen) und Familien zu gründen (statt ihren Stand meist auf uneheliche Art und Weise zu vermehren), ihre Sozialversicherung und ihre Bezahlung nach Kollektivverträgen - das alles hat sie so teuer gemacht, dass die ehemaligen Gesindehöfe lieber in Landmaschinen und Haushaltsgeräte investierten, statt Löhne für Knechte und Mägde zu bezahlen. Die damit frei gewordenen Räume waren übrigens die erste und auch die einfachste Möglichkeit, Urlauber auf dem Bauernhof zu beherbergen. Die wenigen Landarbeiter, die es heute noch gibt, sind gut ausgebildete Facharbeiter mit Familie und Eigenheim.

Nebenerwerb als die Regel

Heute gehen die meisten Tiroler Bauern einem außerlandwirtschaftlichen Zweitberuf nach. Immer öfter ist es auch die Bäuerin, die als Krankenschwester, Verkäuferin oder Lehrerin, aber auch bis hinauf zur Landtagsabgeordneten oder Rechtsanwältin für 40 Stunden in der Woche oder noch mehr den Hof verlässt - vor 125 Jahren, ja bis vor 50 Jahren noch ganz undenkbar. Bauern, deren Großväter noch ein halbes Dutzend Knechte und Mägde beschäftigten, sind heute Liftarbeiter, Skilehrer, Maurer, Landesbeamte, Krankenpfleger oder sonst etwas. Sie haben den landwirtschaftlichen Betrieb, der ja nicht mehr in erster Linie der Selbstversorgung dienen muss, auf ein paar Betriebszweige reduziert. Die Stallarbeit, die nach wie vor wöchentlich vierzehn Mal anfällt, wurde dank der Mechanisierung des Melkens und des Ausmistens doch etwas leichter. Moderne voll mechanisierte Melkstände, an die sich die Kühe selbst herandrängen, machen es heute möglich, dass eine Frau eine Rinderherde alleine melkt, für die früher drei, vier starke Melker nötig gewesen sind. Ein Umstand hat den Nebenerwerb auf den Bauernhöfen zusätzlich erleichtert: Vor 125 Jahren war, was kaum bekannt ist, die Erbschaftssteuer auch für die Bauern sehr drückend. Vielleicht wurde gerade deshalb (und weil es natürlich für Bauern genau so wenig eine Rente gab wie für die meisten anderen Mitbürger) die Hofübergabe so weit wie möglich hinausgeschoben. Dank der heute viel rascheren Generationenfolge (die allerdings derzeit wieder eine Bewegung in die andere Richtung mitmacht) sind auf einem Hof oft drei arbeitsfähige Generationen versammelt. Einer in Ausbildung, einer im doppelten Berufsleben (als Bauer daheim und irgendwo als Arbeiter oder Angestellter) und einer in der Rente. Wenn der Bauer den Urlaub zur Zeit der voll mechanisierten Heuernte nimmt und die Holzarbeit am Wochenende erledigt, und die beiden ande-ren Generationen fleißig mithelfen, dann lässt sich das alles gerade noch bewältigen. Viel Zeit für Freizeitaktivitäten bleibt da nicht - obwohl: Unlängst hat mich auf einer Skitour ein jüngerer Vollerwerbsbauer, mit über 40 Kühen im Stall, überholt. Nach der Stallarbeit, so sagte er fast entschuldigend, gehe so etwas im Winter ohne weiteres, und es sei das doch sehr gesund und ein Ausgleich für Leib und Seele. Vor 125 Jahren waren nur die kleinsten Bauern im Ort Zu- oder Nebenerwerbsbauern, und auch die größten: Mit Gastwirtschaften, Frächtereien, Sägewerken, Kaufmannsläden oder Schmieden waren sehr oft auch größere Bauerngüter verbunden. Einer Gruppe von Menschen aus dem ländlichen Raum wurde bisher am wenigsten Achtung und Aufmerksamkeit geschenkt: den Kleinhäuslern. Die hatten ihre Häuschen meistens in den schattigen Gräben. Sie hatten eine Kuh, und für die Zeit, in der die Kuh trocken stand, eine Ziege. Sie gingen den unterschiedlichsten Berufen nach - Schmiede, Sattler, Zimmerleute Holzknechte - oder sie verdingten sich bei den Großbauern zur Zeit der Erntespitzen. Von ihnen, von ihrer zähen und tapferen Existenzbewältigung war zumeist, nicht nur in den ersten Jahren des Landeskulturrates, genau so wenig die Rede wie von den Frauen oder den Landarbeitern. Gene eingekreuzt wurden, und weil sie ganz anders gefüttert werden. Die Größe eines landwirtschaftlichen Betriebes wurde und wird in Tirol nicht nach Hektaren angegeben, sondern nach der Anzahl der Rinder, die ein Bauer halten kann. In Afrika heißt das, wenn Nomaden zu viele Rinder haben, mehr als sie ernähren können, die Boo-manie. In Tirol gab es so etwas natürlich nie oder nur in Einzelfällen. Pferde werden heute fast nur noch für den Reitsport gehalten. Eine nennenswerte Schweinezucht hat es in Tirol kaum gegeben, trotz aller Bemühungen der Beratung, wohl auch, weil die Futtergrundlage fehlte. Dass es künftig verboten sein soll (oder schon ist?), den Schweinen die Abfälle aus dem Haushalt vorzusetzen, ist eine jener vielen Unsinnigkeiten, die man nur kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen kann. Schaf- und Ziegenzucht sind sehr oft die Leidenschaft von Nebenerwerbsbauern, die ihr Hobby viel mehr fesselt als ihr Job bei der Bahn oder als untergeordneter Landesbeamter. Auf einer der vielen Ausstellungen ein Siegertier zu stellen - das ist es, was im Dorf zählt. Die Hühner legen heute etwa drei bis viermal so viele Eier wie noch um 1950, wo auch eine gute Henne nicht viel mehr als 80 Stück pro Jahr gelegt hat. Heute hat sie jeden Tag ein Ei zu legen.

Das liebe Vieh

Was vor 125 Jahren in Tiroler Rinder-Bällen stand, hat mit den Turbokühen unserer Tage nicht mehr viel gemein. Befruchtet wurden die Kühe und Kalbinnen früher einmal selbstverständlich im "Natursprung" - die künstliche Besamung fand erst in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts größere Verbreitung, in erster Linie mit dem Ziel, die Verbreitung von Deckseuchen einzudämmen. Ach Deckseuche? Wie jede Gruppe, jeder Beruf, so haben auch die Agrarier ihre Fachausdrücke, ihre Geheimsprache. Woher soll der normale Stadtmensch wissen, was eine Deckseuche ist? Es ist eine Krankheit, die bei der Befruchtung, also beim Deckakt, übertragen wird. Dank der künstlichen Besamung (nicht künstliche Befruchtung, weil diese weiterhin eine natürliche Sache bleibt) ist es möglich, die besonderen Eigen-schaften von Superstieren gleich tausendfach in der Landeszucht einzusetzen. Allerdings verbreiteten sich dabei gemachte Fehler dann mitunter auch landesweit. Ein wichtiges Zuchtziel bei den Rindern war noch bis zum Siegeszug der Traktoren die Zugleistung der Ochsen. Pferde hatten in Tirol in erster Linie die Großbauern aus dem östlichen Landesteil; die anderen setzten Kühe und Ochsen zum Pflügen ein oder spannten sie vor den Heuwagen. Die Milchleistung einer Durchschnittskuh liegt heute etwa bei der dreifachen Menge im Vergleich zum 19. Jahrhundert. Wie ist so eine Steigerung möglich? Weil Rinder nun stark auf Milchleistung und nicht auf Zugleistung oder schöne Hörner gezüchtet werden, weil zum Teil andere

Grund und Boden

Zum 100-jährigen Bestehen des Landeskulturrates, also um 1982, wurde der Verfasser beauftragt, für das Buch "Tiroler Bauern" eine Prognose in das 21. Jahrhundert zu machen. Es ist hier nicht der Platz, zu hinterfragen, wo er sich überall geirrt hat. Eingetroffen ist die Voraussage, dass Grund und Boden bei der Beengtheit des Landes nur noch an Wert gewinnen würden, und dass der Druck der nicht Besitzenden auf dieses Gut nur noch stärker werden sollte. Was vor 125 Jahren und auch noch später vor allem im Westen des Landes Gemeindegut war mit Nutzungsrechten für alle Häuser einer Gemeinde oder einer Fraktion, das sind heute regulierte Agrargemein-schaften. Sehr oft wurde das Eigentum an den Grundflächen anlässlich der Regulierung von den Gemeinden den Agrargemeinschaften übertragen. Es gibt (aussichtslose) Bemühungen, diese in der Tat beachtliche Änderung der Eigentumskarte Tirols wieder rückgängig zu machen. Hier wie in vielen anderen Fällen wird offenbar, dass das Agrarrecht eine überaus komplizierte Materie ist, in der sich vielleicht ein Dutzend Juristen auskennen, alle anderen (Journalisten und Rechtsanwälte eingeschlossen) verstehen nicht einmal die hier gebräuchlichen, oft sehr alten Fachausdrücke. Hier wäre anzumerken, dass auch die Eigentumskarte des Landes nicht einheitlich ist, dass zwischen Ost und West starke Unterschiede bestehen. Nicht nur sind die Durchschnittshöfe (und damit die Viehbestände) im Osten viel größer. Dass sich fast der ganze Wald einer Gemeinde (und auch die Alpen) im Gemeinschaftsbesitz befindet, ist im Osten so gut wie unbekannt, im Westen dagegen die Regel. Dieser auffällige Unterschied ist auf die unterschiedliche Besiedelung zurückzuführen. Ost und Süd und West sprechen auch ganz andere Sprachen: Es ist einem Nichttiroler ganz schwer klarzumachen, dass es ein "Tirolerisch" gar nicht gibt. Leute aus der Kitzbüheler Gegend werden in Innsbruck für Bayern oder Salzburger gehalten - was sie in der Vergangenheit ja auch waren. Dafür versteht die ungemein kraftvolle Sprache des inneren Otztales oder des Zillertales nicht nur ein Wiener nicht, sondern auch jemand aus dem unteren Inntal kaum. Daher vermeiden sie die unverständlichsten Ausdrücke - und müssen sich sagen lassen, sie stünden nicht zu ihren guten sprachlichen Traditionen ...

Und die Menschen

Schon bisher war von ihnen die Rede. "Bauer" war in Tirol nie ein Schimpfwort wie in anderen Bundesländern, wo sich die Bauern daher auch eher "Landwirte" nennen. Dass ihr Selbst-bewusstsein daher komme, dass sie immer frei gewesen wären, ist eines der Märchen, die schwer ausrottbar sind. Fast alle Tiroler Bauern unterstanden bis 1848 einem Grundherrn, dem fleißig Geld oder Naturalien gegeben werden mussten. Ist es die Kargheit der Natur, die sie selbstbewusster machte - oder sind das ohnedies alles nur unbewiesene Vermutungen? Manche sagen den Unterländern eine gewisse Leichtigkeit, ja Unzuverlässigkeit nach, während die Oberländer verschlossen und unbeweglicher, dafür aber prinzipientreuer seien. Aber das sind jene Verallgemeinerungen, die man in alten Reiseführern findet ("Der Zillertaler ist schön") und die oft verletzend sind. Es gibt sehr lustige Oberländer und sehr mürrische Unterländer ... Die Bauern des Jahres 2007 unterscheiden sich von ihren nichtbäuerlichen Mitbürgern kaum noch. An der Kleidung könnte man Bauern und Nichtbauern heute nicht mehr auseinander kennen, wenn man die Besucher einer Gemeindeversammlung oder des Gottesdienstes am Sonntag vor sich hat. Ihre Kinder gehen (fast) in dieselben Schulen - nur fast, weil der Schulbesuch der Kinder auch heute noch -nicht nur bei den Bauern - von der Schulbildung der Eltern abhängt. Aber es gibt inzwischen Bauernsöhne und -töchter in allen Bildungsstufen - vor 125 Jahren konnte ein Kind vom Land nur "studieren", wenn es vom Pfarrer dafür als gescheit genug und als charakterlich wertvoll erachtet wurde. Und was bleibt? Was ist geblieben, 160 Jahre nach der Revolution von 1848, 125 Jahre nach der Gründung des Landeskulturrates, 100 Jahre nach der Gründung des Bauernbundes? Der Verfasser ist da befangen: Er hat den Tiroler Bauern 36 Jahre als Kammerangestellter gedient. Und damit ist er in diesem Bereich genau so befangen, wie er es wäre, wenn er zwischen Alm und Kuhstall, zwischen Wald und Feld seine Kindheit und Jugend verbracht hätte. Es hat, gerade im 19. Jahrhundert, die Ideologie gegeben, dass zur Erneuerung eines Volkes kein anderer als der Bauernstand bestimmt wäre. Nicht nur die Nationalsozialisten meinten das: Es gab Sozialisten in den Städten, die bewusst auf eigene Kinder verzichteten, weil sie meinten, zur Erhaltung der Bevölkerung seien die am gesunden Land Geborenen und dort gesund Aufgewachsenen besser geeignet. Kein Mensch vertritt heute solche nach "Blut und Boden" riechende Ansichten. Aber unter den vielen irrigen Ansichten des 19. und 20. Jahrhunderts war auch diese zu hören und viel zu lesen. Man schaue die Fotobücher aus der Mitte des 20. Jahrhunderts an - da werden aus kurzschädeligen, dunkelhaarigen, klein gewachsenen Älplern dank Aufhellung und Retusche die schönsten nordischen Typen. Die Bau ern haben über das alles großteils gelacht - aber sie haben es doch auch ein wenig genossen, in diesen harten Zeiten als etwas zu gelten: Als der Nährstand, ohne dessen Arbeit die Ernährung des Volkes nicht möglich gewesen wäre - in Kriegszeiten etwa, in denen kein anderes Land Lebensmittel hergeben konnte oder wollte. Der Bauer - eine kleine Minderheit? Es gibt heute in Tirol mehr Ärzte als Bauernknechte. Niemand würde die Kaminkehrer als unwichtig bezeichnen, weil es sie nicht in Uberzahl gibt. Oder die Notare. Der Wert des Bauernstandes wird, je weniger Bauern es gibt, nur steigen können. Es gibt dafür einige Anzeichen. Aber der Weg dorthin ist für die Betroffenen kein einfacher.


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