Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Landwirtschaft und der ORF

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 5. Juni 1969
Kategorisierung ORF; 1969

Nach dem Rundfunkgesetz ist es die Aufgabe des Rundfunkes (Hörfunk und Fernsehen), der Information, der Unterhaltung und der Bildung zu dienen. Auf dem Gebiet der Unterhaltung hat der ORF in letzter Zeit eher negativ von sich reden gemacht - es ist dies aber eine Materie, die sehr schwer zur allgemeinen Zufriedenheit bearbeitet werden kann; nichts ist so schwer wie halbwegs sauber, unverkrampft und gelöst zu unterhalten. Bei der Information klappt es vorzüglich, ja, es gibt sogar schon besorgte Zeitgenossen, die fürchten, der ORF gehe darin manchmal zu weit - so meinte man beim Gewerkschaftsbund, die peinlich genaue Schilderung aller Details des Olah- Prozesses hätte nicht sein müssen.

Auf dem Bildungssektor ist noch ein weites Arbeitsfeld zu bebauen. In seiner drastischen Art sagte der Generalintendant des ORF im letzten Herbst bei einem öffentlichen Vortrag, wir Österreicher würden in Zukunft bald die "pensionsberechtigten Tschicksammler der Astronauten" sein, wenn wir es mit der Weiterbildung nicht ernst nähmen. Der ORF, versprach Gerd Bacher, würde demnächst eine Großoffensive starten, um den Österreichern den Schritt ins Atomzeitalter zu erleichtern.

Der ORF kann leicht reden: Er kassiert bei rund 1 Million Fernsehern 600 Millionen Fernsehgebühren im Jahr, die Hörer steuern rund 500 Millionen bei. Ebenfalls in die hunderte Millionen gehen die Einnahmen aus dem Reklamegeschäft. Geld ist genügend da; man kann sich die Mitarbeit der besten Fachleute sichern, weil man anständig zahlen kann. So wird ab Herbst einer der besten und bekanntesten Wirtschaftsjournalisten einen umfassenden Abendkurs über die Grundlagen und Grundweisheiten der Wirtschaft halten. Auch auf anderen Fachgebieten wird eifrig geplant, auch in der österreichischen Landwirtschaft.

Leider hat man zur selben Zeit zu einem harten Schlag gegen eine der wenigen bestehenden Bildungssendungen ausgeholt. Ab Juli 1969 soll der "Landfunk" täglich nur mehr 10 Minuten ausgestrahlt werden, gegenüber bisher 15 Minuten. Wie populär der Landfunk ist, welche Breitenwirkung er hat, beweisen den Gestaltern dieser Sendung jeweils hunderte Hörerbriefe (allein Studio Salzburg zählte im Jahre 1968 über 6.000 Zuschriften), bewies dem ORF der Infratest, der ergeben hat, daß über 60 Prozent aller österreichischen Rundfunkgeräte um 11.30 Uhr auf den Landfunk eingeschaltet sind. Diese echte Bildungs- und Informationssendung soll nun um 5 Minuten täglich gekürzt werden. Es ist nicht schwer zu erraten, zugunsten welcher Art von Sendung: Reklamen sollen nun gesendet werden. Damit hat man nun zwei Fliegen auf einen Streich getroffen. Einmal kassiert man Werbegeldet für fünf der besten Minuten zu Mittag, zum anderen ist man dem Fernziel, die landwirtschaftlichen Fachsendungen abzuschaffen, etwas näher gekommen ...

Ginge heute der ORF her und würde alle landwirtschaftlichen Fachsendungen aus seinem Programm streichen, dann wäre dagegen kein Kraut gewachsen. Zwanzig bäuerliche Abgeordnete zum Nationalrat, hunderttausend Unterschriften und vieles andere mehr vermöchten nichts gegen den Willen der Rundfunkgewaltigen. Der ORF ist, seit es das neue Rundfunkgesetz gibt, gegen jedes Druckmittel gesichert. Das ist auch gut so - sonst könnte von jeder Seite und mit allen Mitteln, wie einst vor dem März 1966, Gewalt ausgeübt werden. Es bleibt also nur die Möglichkeit, an die Vernunft und an die Einsicht der Rundfunkherren zu appellieren:

  • Daß der Rundfunk eine Bildungsfunktion zu erfüllen hat, steht außer Zweifel«
  • Daß sich gerade die in der Landwirtschaft tägigen Menschen ihre Bildungsanregungen via Ätherwellen sehr günstig beschaffen können - Schulen, Abendkurse sind weit entfernt, zumal nach einem 14-Stunden-Tag - ist einleuchtend.
  • Der Landfunk ist eine der Sendungen, die in konzentrierter Form Bildungsinhalte an die Landbevölkerung vermittelten.
  • Der logische Schluß: Es hieße, n i c h t nach dem Geist des Rundfunkgesetzes und gemäß dem Bildungsauftrag des ORF handeln, wollte man den Landfunk einer Reklamesendung zuliebe kürzen. 10 Minuten Landfunk sind weniger gut als 15 Minuten Landfunk.
  • Die berechtigte Hoffnung: Die Kürzung der Landfunksendung von 15 auf 10 Minuten gilt nur für die Sommermonate. Als Feigenblatt dient dem ORF die richtige Annahme, daß die Bauern im Sommer ohnedies weniger Zeit finden, um am Radio zu sitzen.

Dasselbe, was für den Landfunk gesagt wurde, gilt für die landw. Frühsendung, die von 5 auf 3 Minuten gekürzt werden soll. In den "eingesparten" 2 Minuten kann man den Hörern wohl rasch ein paarmal sagen, daß dieses und jenes Waschmittel noch besser sei als das andere. Man kassiert dafür auch einen Haufen Geld. Ob man dieses Geldes aber je froh werden kann, bleibt zu bezweifeln.

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen