Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum 11. Juni 1981
Kategorisierung ORF; 1981

Die Katze unter dem J-Wagen

"Sie hören die Mittagsnachrichten. Die Schlagzeilen: Krise in Polen, Inflationsrate sieben Prozent, Steuersenkung erst 1983, Katze unter J-Wagen eingesperrt, neuerliche Pleite in der Papierbranche." In Schlagzeilen über wichtige Ereignisse, die so oder ähnlich lauteten, war bei einem Mittagsjournal des ORF jene Trivial-Meldung mit dem J-Wagen der Wiener Straßenbahn eingebettet. Sie dauerte über eine Minute.

16 Feuerwehrleute rückten aus, das Tier zu bergen; einer faßte sich ein Herz und kroch unter den Triebwagen und zog das arme Viecherl heraus. Keine Zeitung, zumindest keine von denen, die der Verfasser dieser Glosse regelmäßig liest, mokierte sich über diese "Meldung". Hört man in den Tageszeitungsredaktionen kein Mittagsjournal? Eher schon, aber wie soll eine Zeitung, die aus reiner Spekulation, weil es die anderen auch alle tun und weil es garantiert Leser bringt, soeben eine Tierecke eingerichtet hat, gegen diese Unnachricht zu Felde ziehen?

Es war nicht Weihnachtswoche, nicht Karwoche, nicht Sommerpause, also nicht Saure-Gurken-Zeit. Es war sehr viel los an jenem Tag, als sich die Hörfunkredaktion erlaubte, in den Mittagsnachrichten über eine Minute lang von einer Katze zu berichten, die unter den J-Wagen gekommen ist und die einem "beherzten" Feuerwehrmann das Leben verdankt. Womöglich hat die Redaktion das alles ganz bewußt in Absprache mit Politikern, Meinungsforschem und Publizistik-Instituten geplant, um draufzukommen, was sich die Hörer alles gefallen lassen? Man wird beim ORF nur ein paar Dutzend Anrufe und noch weniger Briefe bekommen haben und sich daher in der Gewißheit wiegen, daß man alles darf, was einem nur einfällt, weil es den mündigen Hörer genau so wenig gibt wie den mündigen Zuseher.

Vom Fernsehen hat der Bundeskanzler ja schon vor langer Zeit gesagt, daß es in erster Linie der Unterhaltung zu dienen hat. Und nicht etwa der Information. Diese Sonderstellung macht der Hörfunk nun dem Fernsehen streitig, so scheint es.

Wir kommen zusehend auf das Tier. Gegen das allgemeine Hundeklo auf allen Gehsteigen und Gassen ist kein Kraut gewachsen. Wir geben wesentlich mehr Geld für Haustiere aus, als für die gesamte Entwicklungshilfe. Keine Zeitung kann auf die Tierecke verzichten. Die Strafen für eine Watschen oder einen Tritt nach einem Mitmenschen sind wesentlich niedriger als die Strafen für eine ähnliche Attacke auf ein Tier.

Damit kein Irrtum aufkommt: Natürlich freut es auch den hartherzigen Verfasser dieser Glosse, wenn eine Katze gerettet wird. Natürlich sind gute Meldungen etwas Gutes. Es wird über viel zuviel Elend und Not in aller Welt berichtet, oft mit einer fast nicht mehr verdeckten Freude am Unglück. Aber daß eine Katze unter dem J-Wagen herausgezogen wurde, diese "Meldung" gehört in die Tierecke der Hausmeisterzeitung. In den Mittagsnachrichten des ORF hat sie nichts verloren.


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