Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Die Erfindung von Viehversteigerungen

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernkalender
Texttyp Aufsatz
Erscheinungsdatum 2001
Kategorisierung Tiroler Bauernkalender; Historisches; Peter Jordan; 2001

Der Tiroler Peter Jordan als Agrarpionier - zum 250 Geburtstag am 2. Februar 2001


"Da nun Regierungs Rath von Jordan sowohl den Vösendorfer Renten, als dem Staat einen sehr wesentlichen Nutzen durch die Veredelung der Hornviehzucht verschaft hat, glaube ich allerunterthänigst antragen zu dürfen, daß Euer Majestät Allergnädigst zu erlauben geruhen wollen, daß dem Regierungsrath von Jordan hierüber die allerhöchste Zufriedenheit bekannt gemacht werden dürfe." - So steht es in einem Vortrag des Oberstkämmerers Rudolf Graf Wrbna an Kaiser Franz vom 14. May 1816 in Fiume. Zwei Tage später folgte die Bestätigung, ebenfalls in Fiume: "Placet Franz".

Es gibt im Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchiv einen rund einen Fuß hohen Akt mit dem Schriftverkehr zwischen Peter Jordan als Verwalter der Güter in Vösendorf und Laxenburg und dem Oberstkämmerer Graf Wrbna. Er reicht von der Bestellung Jordans im Jahre 1806 bis zum Abbruch des Vösendorfer Experimentes im Jahre 1824. Nach 43 Dienstjahren als Professor und Güterverwalter wurde Jordan "jubilirt", also in den Ruhestand versetzt. Gestorben ist er in seiner Wiener Wohnung auf der Landstraße, in einem aufgelassenen Kloster neben der sogenannten Rochuskirche, im Juli 1827.

Als Jordan die Verwaltung der Güter im Alter von 55 Jahren übernahm, hatte er bereits 22 Jahre als Professor der Ökonomie an der Wiener Universität hinter sich. Der Kaiser wollte, dass er beides zugleich mache, Lehrtätigkeit und Gutsverwaltung. Jordan wehrte sich mit Erfolg. Er muss überhaupt sehr zielstrebig und selbstbewusst gewesen sein. Auch persönliche Bescheidenheit zeichnete ihn aus: Als Träger des Leopoldordens hätte er sich "von Jordan" nennen können, was er aber zeitlebens ablehnte. Als Gehalt schienen ihm 1200 Gulden im Jahr ausreichend - der Kaiser und sein Oberstkämmerer setzten 2000 Gulden fest.

Als Jordan die Herrschaft Vösendorf übernahm, wurden dort, auf den besten Ackerböden, ausgerechnet Schafe gehalten. Obwohl oder weil Jordan selbst bis zu seinem 14. Lebensjahr in Seilrain Schafhirte war, stellte er die Wirtschaft auf Rinder und Gemüsebau um. Gute Zuchtrinder gab es damals im Raum Wien nicht zu kaufen. Also reiste er in die Schweiz. Im Museum Ferdinandeum in Innsbruck ist ein Blatt seines Studienfreundes Franz Carl Zoller erhalten, in welchem dieser festhält, dass ihm der 4. Oktober 1806 neben seinem Namenstag noch das besondere Vergnügen bereitete, "meinen innigsten Freund, den k.k. Regierungs-Rath Peter Jordan nach einer 21 jährigen Trennung wieder einmal zu sehen. Der Kaiser hatte ihn abgeordert, für seine Mayerey zu Vösendorf ausser Wien Schweizer Kühe einzukaufen ... Die Rückreise geschah aber nicht mehr durch Tirol, sondern durch Bayern."

Jordan hat mit Zoller, der in Wien an der Kupferstecher-Akademie studiert hatte, häufig korrespondiert. In den meisten Briefen, ebenfalls in der Bibliothek im Ferdinandeum aufbewahrt, lag Geld für Jordans arme Verwandtschaft in Sellrain. Später berichtet Jordan von seinen lange vergeblichen Bemühungen, den zweiten Band von Zollers "Geschichte und Denkwürdigkeiten von Innsbruck und der umliegenden Gegend" durch die Zensur zu bringen. Im September 1806 schreibt Jordan an Zoller, dass er in Gesellschaft des hochlöblichen Prof. Zauner über Innsbruck in die Schweiz reisen würde. Zauner, der soeben die Statue Josef II. auf dem Platz vor der Nationalbibliothek fertiggestellt hatte, wollte laut Zollers Vermerk den berüchtigten Bergfall im Canton Schwyz besichtigen. Zauner besuchte am Weg seinen Geburtsort Falpethan bei Kaunerberg (Zauner nannte sich nach seiner Nobilitierung "Edler von Falpethan"). Am 20. Febr. 1810, ein Datum, das damals noch nicht jedem Tiroler Kind geläufig war, schreibt Jordan nach Innsbruck: "Wenn es Dir zur Linderung dienen kann, Gefährten des Unglücks kennen zu lernen, so wirf auch einen Blick auf Deinen alten Freund Jordan hin. Das k. Schloß Vösendorf, eine Stunde von der Stadt, mit feindlichen Truppen angestopft: Küche, Keller, Stadel und Schüttkasten binnen wenigen Tagen ausgeleert ... Da hiemit all mein Vieh, das bereits auf 52 Stück angewachsen war, verlohren ist, hoffe ich den kommenden Sommer neuerdings eine Reise nach der Schweiz zu machen."

Der zweite Anlauf

Im nächsten Brief vom 27ten Juny 1811 an Zoller - er ging nach München, weil dieser von der bayrischen Besatzung dorthin versetzt worden war - schreibt Jordan: "Die vorgehabte Reise nach der Schweiz habe ich richtig gemacht. Man gab mir aber zu verstehen, nicht gerne zu sehen, daß ich mein Vaterland besuchte. Ich nahm daher den Weg, hin und wieder, über München, wo du im Gasthofe, ich glaube zum Adler, meine ganze Reisegesellschaft im Monath August und Sept. (1810, der Verf.) eingetragen finden wirst. Ich habe diesmal 9 Kantone durchreist, und abermal 35 Stk. Schönsten Rinder nach Hause gebracht. Hätte ich vermuthet, daß je mein Zoller nach München übersetzt würde, wir hätten schon damals einen Toast auf Dein Wohlergehen ausgetrunken."

Es war nicht leicht, im Wien des Jahres 1810 einen Reiseauftrag zum Viehkauf in die Schweiz zu bekommen. Jordan hat in den dreißig Jahren in Wien gelernt, wie man hohen Herren schmeichelt: "Euer Mayestät! Vösendorf beginnt zum zweyten male auf Euer Mayestät allergnädigsten Ruf wieder aufzuleben. ... dem von Anbeginn her adoptirten Grundsatze getreu, daß seine Majestät der Kaiser entweder gar keine, ooder aber die schönste und musterhafteste Wirthschaft im Lande besitzen müsse ..." Aus Erfahrung wisse man, "welchen Beyfall und Anwerth das Schweizer Vieh, traurigen Angedenkens!, zu Vösendorf bey allen Ökonomiekennern und Liebhabern gefunden habe." Vieh aus der Steiermark sei zu uneinheitlich, Tiroler Vieh sei schön, aber zu klein und mehr mastfähig als milchreich. "Es entspricht weder einem Kaiserlichen Stalle, noch als Stammrazze den Bedürfhissen des Landes."

Eigenhändig schreibt Kaiser Franz unter diesen Antrag vom 18. Juny 1810: "Ich gestatte die Anschaffung eines schönen Hornviehs für Vösendorf. Franz." Am 2. July schreibt Franz aus "Baaden" - auch das bei Wien schrieb man damals so - an den Oberstkämmerer: "Lieber Graf Wrbna! Dem Professor Jordan sind die, laut Nebenlage, benöthigten Zehntausend Gulden auf die gewöhnliche Art aus Meiner Privatkasse erfolgen zu lassen." Daraufhin geht Jordan in einem Aktenvermerk für Wrbna ins Detail - und er liefert den Beweis, dass man auch in amtlichen Schriftstücken Platz für Stil und Humor finden kann, wenn er um einen kaiserlichen Reisewagen ersucht "deren gewiß überzählige vorhanden sind, ...indem der meinige bereits nach Frankreich, vielleicht sogar nach Spanien vorausgegangen ist." -anlässlich der Plünderung von Vösendorf! Der Kaiser eigenhändig (!) daneben: "Ich bewillige die Erfolglassung des in Frage stehenden Kreditbriefes, und Reisewagens; mit dem Beysatze, daß der Kreditbrief sowohl als alle auf die Reise Jordans entfallende Unkosten und Auslagen von meiner Privatkasse bestritten werden müssen. Franz. Laxenburg am 2t August 810"

Aus dem oben zitierten Brief an Zoller wissen wir, dass man Jordan nahegelegt hat, auch die Hinreise über Bayern zu machen - so ängstlich war man damals in Wien gegenüber Franzosen und Bayern! Mit dem Viehtransport ging es über Schaffhausen nach Ulm, "um ihn da unmittelbar auf der Donau einzuschiffen. Der Himmel gebe zu allem seinen Segen, und in kurzem soll alles erlittene Ungemach wieder vergessen seyn." Sogar die Namen der "zwey Individuen", die Jordan auf seiner Reise begleiteten, wissen wir, weil Jordan für sie und für sich einen Reisepass beantragte. Es waren der "Wirthschaftsaufseher Joseph Hopfher, gebürtig aus Aschaffenburg im Reiche, und der Kühe-Knecht Andräas Binder vom Zillerthale in Tyrol."

Die Lizitationen

Offenbar machte sich das Schweizer Vieh in Vösendorf erneut sehr gut. Nach Mitteilung von Tierzuchtdirektor Max Partl kann es sich dabei wohl nur um Braunvieh gehandelt haben. Wäre es Simmentaler Vieh gewesen, hätte man es nicht im Canton Schwyz zu kaufen bekommen. Wenn die rund 30 Kühe regelmäßig gekalbt haben, wird sich in Vösendorf bald Nachwuchs und damit ein Überhang an Stieren eingestellt haben. Was tun mit der "Remonte"? Es ist das Lizitations-Protocoll vom 20ten April 1812 erhalten "Über den Verkauf 6 Stück Original Schweitzer Stiere und 1 Kalbin". Wie heute auch werden die "Bedingnisse" genau angegeben: 1. Erlag des Kaufschillings nach geschlossener Versteigerung; 2. Übergang des Eigenthums nebst Gefahr und Sorge an den Käufer nach vollendetem Meistboth; 3. Gewöhnliches Knechts Trinkgeld nach Belieben."

Der 3. Punkt ist ganz typisch für Peter Jordan: Er hat sich in seiner ganzen Zeit als Güterverwalter immer für seine Leute eingesetzt. Er hat für sie auch Teuerungsabgeltungen und Steuerbefreiungen erreicht.

Im Begleitschreiben zum Protokoll erklärt Jordan dem Grafen Wrbna, der selbst in Böhmen ausgedehnte Güter besaß, warum die eine Kalbin verkauft wurde: Weil sie mißfarbig war, und im Vergleiche zu den übrigen aus der Art zu schlagen schien. Auch das hat sich bis heute bewährt: Rinder, die nicht zur Herde passen, werden abgestoßen. Die Ausrufspreise der Stiere stiegen mit dem Alter. Der jüngste wurde um 100 Gulden, der älteste um 300 ausgerufen. Das Meistboth richtete sich nach der Qualität. Die Summe aller sieben Ausrufspreise lag bei 1325 Gulden, die Meistbothe ergaben 2445 Gulden. Käufer der Stiere waren zweimal ein Baron Bartenstein, zweimal die mährische Staatsgüter-Administration, der Graf Hoyos und "für L. Trautmannsdorf". Die Kalbin kaufte ein Lefebrè.

Jordan nimmt die Abgabe dieses so erfreulichen Berichtes zum Anlass, um die Bewilligung zum Bau eines Kälberstalles anzusuchen. Der würde dazu dienen, die Tiere bis zur Versteigerung gut zu halten (noch heute sprechen Tierzüchter von einer "Versteigerungs-Kondition"!). Seine Lage abseits des Hauptstalles könnte im Fall von Seuchen von Vorteil sein. Auch bei Seuchen hatte Jordan Erfahrung: Als einmal in der Gegend eine Seuche ausbrach, musste er in "Vösendorf 36 Stücke des schönsten Tyrolerviehes nebst 3 Kalbinnen begraben." Die davon abgesonderten Schweizerinnen - offenbar die von der ersten Lieferung, der Brief ist "sine dato", also ohne Datum geschrieben - überstellte er Hals über Kopf in den "ehemals harrachschen, jetzt kaiserlichen Garten" in der Ungargasse. (Als der Verfasser diesen Garten, in dem sich jetzt eine Bundesschule befindet, vor ein paar Jahren für einen Lichtbildervortrag fotografieren wollte, wurde ihm dies mit dem Hinweis, dass er dafür eine schriftliche Bewilligung des k.k. Ministeriums für Unterricht und Kultus brauche, verboten.)

Weitere Versteigerungen

Das nächste Versteigerungsprotokoll, das überliefert ist, stammt aus 1816. Acht Stiere, fünf Kalben und vier Kühe wurden um 200 bis 1000 Gulden ausgerufen. Die Summe aller Ausrufspreise war 6500 Gulden, also mehr als drei Jahresgehälter von Jordan, die Summe aller Verkaufspreise lag bei 13.483. Die Kühe, alle trächtig, waren zehn und elf Jahre alt,`waren also noch in der Schweiz geboren. Trotz ihres hohen Alters erreichten sie Preise von 710 bis 1001 Gulden, mehr als den doppelten Ausrufspreis. Die Käufer waren zum Teil mit denen von 1812 identisch, dazu kamen Bräumeister, Gubernialräte und Hofräte. Den jüngsten Stier kaufte der Oberstkämmerer Wrbna. Die teuerste Kalbin, eine 23 Monate alte Tochter der Kuh "Stallmeisterin", kaufte Hofrat von Gürtler um 1220 Gulden (Ausruf 1000 Gulden). Wenn man bedenkt, dass die Anschaffung der ganzen Herde 10.000 Gulden gekostet hat, dann wird das kaiserliche Lob, das am Beginn dieses Artikels abgedruckt ist, verständlich.

Ganz neue Erkenntnisse brachte das Absatzjahr 1817. Auf der Frühjahrsversteigerung wurden fünf von zwölf Stieren nicht verkauft. Vier von fünf Kalben gingen nur um den Ausrufspreis weg, die fünfte wurde nicht verkauft. Von den acht Kühen wurden nur fünf verkauft. In Summe betrugen die Ausrufpreise 10.300, die Verkaufserlöse nur 7.780 Gulden. War der Markt bereits gesättigt? Auch die Erzherzoge Johann, Albrecht und Ferdinand, die je ein Stück kauften, konnten diese Absatzveranstaltung zu keinem Erfolg machen,

Ab-Hof-Verkauf

Im Jahr 1817 fand offenbar erstmalig auch eine Versteigerung im Herbst statt. Alle 19 dabei angebotenen Tiere erhielten ein Angebot. Summe der Ausrufspreise 4745 Gulden, Meistbote 6693 Gulden. Schon vor der Versteigerung hatten drei jüngere Kälber so sehr das Wohlgefallen des Thronfolgers, Erzherzog Ferdinand, gefunden, dass "ich es für unschicklich würde gehalten haben, dem Wunsche desselben nicht zu willfahren." Im selben Brief an den Oberstkämmerer berichtet Jordan auch, dass er die Stiere, als den "lasziveren" Teil der Herde, auf einer getrennten Koppel halten wolle. Der Kälberhof ist mit 30 hoffnungsvollen Kälbern besetzt. Jordan hat bemerkt, dass der Herbst nicht die beste Zeit ist, Stiere zu verkaufen. In Jordans blumiger Sprache: "...Sie geben, wie die Leute sagen, zu wenig Milch, um das Futter über Winter auszuzahlen."

Vom April 1820 ist ein Schreiben Jordans an Wrbna erhalten, worin er darum bittet, "die in der k.k. Herrschaft Vösendorf Meyerey überzähligen Sprungstiere einzeln aus freyer Hand verkaufen zu dürfen." Jordan begründet das Ansuchen damit, dass es nicht wirtschaftlich sei, einzelne Gutsbesitzer "als sie sich eben hier einfinden" auf die nächste Versteigerung zu vertrösten. Viel vernünftiger sei es, die Stiere "an die sich meldenden Käufer aus freyer Hand, unter Controle des diesherrschaftlichen Beamten abgeben zu dürfen."

Versteigerung, Ab-Hof-Verkauf und alles drum herum scheint also nicht, wie manche meinen, erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden worden zu sein. Schon am Beginn des 19. Jahrhunderts hat der Tiroler Peter Jordan, der am 2. Februar 1751 in Seilrain getauft wurde, in Vösendorf bei Wien mit Erfolg Zuchtrinder versteigert. Sein 250. Geburtstag scheint ein würdiger Anlass, diesen Umstand einem größeren Kreis von Interessenten bekannt zu machen. Wer die alte Schrift lesen kann und sich in den Briefwechsel und die wunderschön geschriebenen Protokolle einlesen will, dem gibt der Verfasser mit Vergnügen Einblick in und Auskunft über den ganzen Aktenberg.

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