Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Des Wohlstands Abfall stinkt zum Himmel

Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ?1987
Kategorisierung Klärschlamm; Umwelt; 1987

Umweltbombe Klärschlamm

DIE GRÖSSTEN FREMDKÖRPER werden beim Klärvorgang entfernt - trotzdem bleibt eine Menge chemischer Substanzen in dem zur Düngung verwendeten Klärschlamm zurück. Im Bild die inzwischen bereits in Betrieb genommene Anlage in Telfs. (Foto: Dipl.-lng. Hofinger)

Fremdkörper gehören nicht ins Kanalnetz

Jedermann wird dafür sein, daß alles das, was die Haushalte, die Gewerbebetriebe und die Fabriken in flüssiger Form als Abfall verläßt, nicht weiterhin die Flüsse versaut. Daß also geklärt wird. Welche Umweltprobleme damit verbunden sind, zeigt der folgende Artikel.

Es werden oder wurden in ganz Österreich um viele Milliarden Schilling Klärwerke gebaut. Das, was am Ende des Klärvorganges als stinkende, klebrige, schwärzliche Masse über die Förderbänder geht, enthält fast alles, was oben in Klosetts und Ausgüsse geschüttet wurde. Nur die größten Fremdkörper wurden vorher abgefischt. Vor dem letzten Eindicken wird noch eine scharfe Chemikalie, die das Ausfällen befördern soll, zugesetzt - aber es ist das alles auch so schon scharf genug.

Nicht alles ins Klo

Klärschlamm enthält zunächst viel organisches Material. Das, was von Äckern und Feldern geerntet wurde, was an Fleisch oder Eiern dem Menschen vorgesetzt, von ihm verzehrt und zum Teil wieder ausgeschieden wurde, wandert in den Kanal. Daß sehr viele Zeitgenossen - ohne böse Absicht, nur mangels höherer Einsicht - das Klosett als Müllentsorger (für Kaffeefilter, Aschenbecher, Hygieneartikel usw.) verwendet haben, erschwert die Arbeit der Klärwerker und läßt das Endprodukt weniger brauchbar werden. Eine mit Klärschlamm humisierte Skipiste kann unter Umständen wie die Deponie einer Apotheken-Drogerie ausschauen ... Das alles ist, wie gesagt, ein Informationsproblem. Viele gutwillige Menschen (der Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen) werfen nach der Einsicht darüber, was Müll im Klo für das Klärwerk bedeutet, nichts mehr hinein, was nicht hineingehört. Es ist natürlich mühsamer, altes Speiseöl zu sammeln und umweltfreundlich zu entsorgen, statt es ablaufen zu lassen. Die kleinen blauen Würfel im Klo sind allesamt, trotz gegenteiliger Behauptung im Werbefernsehen, höchst aggressiv. Ein Stoff, der das Klo in eine Insel der Frische verwandelt, richtet natürlich auch im Klärwerk einiges an! Der Klärschlamm enthält also nicht nur sehr viel Stickstoff und jene Schwermetalle, auf die er regelmäßig untersucht wird, sondern auch alles andere, was mit den Fäkalien oben in das Kanalnetz hineinkam. Ein Mitarbeiter der Stickstoffwerke Linz erzählte vor 2 Jahren auf der Lecher Skipistenkonferenz folgende Geschichte:

Unfruchtbare Kühe

Die Kühe eines neben einer Schuhfabrik stehenden Bauernhofes wurden unfruchtbar. Keine Untersuchung des Bodens, des Futters, der Tiere brachte eine Lösung. Bis man den "organischen" Dünger des Hofes näher untersuchte, den Inhalt der Klärgrube der Schuhfabrik. Dabei stellte sich heraus, daß über die Hälfte der Mitarbeiterinnen Antibabypillen zu sich nahmen, was auch bei den Kühen empfängnisverhütend wirkte - auch über Klärgrube und Futterpflanzen. Alles andere, das nicht eigens untersucht wird, ist ebenfalls im Klärschlamm. In Grünlandgebieten kommt noch ein weiteres Problem dazu: Es werden hier pro Hektar drei bis vier Großvieheinheiten gehalten. Der Dünger, den diese produzieren, stellt für viele Böden eine an die Grenze der Erträglichkeit gehende Stickstoffbelastung dar (das ist auch der Grund dafür, daß in Grünlandgebieten praktisch kein mineralischer Stickstoffdünger verbraucht wird). In den alpinen Grünlandgebieten sind außerdem die möglichen Flächen für die Aufnahme von Klärschlamm mehrfach begrenzt.

Am Beispiel Tirol: Hier ist etwa ein Drittel der Landesfläche Ödland und Gletscher und ca. 40 Prozent Wald. Etwa ein Viertel ist landwirtschaftlich genutzt - wovon vieles zu steil, zu flachgründig, fernab von jedem Klärwerk gelegen ist. Ausgerechnet in der Umgebung der großen Klärwerke ist der Viehbesatz schon jetzt an der Obergrenze dessen angelangt, was die Äcker und Felder vertragen. Im Grünland ist auch die Saison für das Ausbringen sehr beschränkt: Es bleibt oft nur eine Woche im Herbst zwischen dem Ende des Weidebetriebes und dem ersten Frost. (In den Ackerbaugebieten, wo es schon viele viehlose landwirtschaftliche Betriebe gibt, stellt sich das Problem der Überdüngung mit Stickstoff wenigstens nicht.)

Was ist also zu tun? Diese Frage wurde bisher kaum gestellt. Nun, da die meisten Klärwerke im Bau oder schon fertiggestellt sind, ist es an sich für solche Fragestellungen viel zu spät. Der Versuch einer Teilantwort: - Begonnen werden muß am oberen Ende der Ursachenpyramide, bei den Haushalten. Es muß endlich die umweit- und gesundheitsschädigende Werbung gesetzlich verboten werden (so wie jene für Drogen, scharfen Alkohol und Nikotin - niemandem würde einfallen, unser Land deshalb als unfrei zu bezeichnen, weil diese Stoffe nicht in Radio und Fernsehen beworben werden dürfen).

  1. Die Klärwerke sollten verpflichtet werden, für je eine bestimmte Anzahl von Einwohnergleichwerten einen Berater zu bezahlen, der die Hausfrauen und die Abnehmer des Schlammes werksunabhängig zu beraten hätte. Die Müllvermeidungsberater der Steiermark, Niederösterreichs und anderer Länder weisen da den Weg.
  2. Die Untersuchung des Klärschlammes muß über Schwermetalle und Stickstoff hinausgehen. Der Einsatz "hygienisierter", das heißt, von lebenden Wurmeiern und anderen Schädlingen befreiter Schlamm muß gesetzlich geregelt werden. Bisher haben nur wenige Bundesländer (z. B. Vorarlberg) eigene Klärschlammgesetze.
  3. Alle Bestrebungen, die Bauern zur Abnahme von Klärschlamm zu verpflichten, wenn sie aufnahmefähige Böden besitzen, sind schleunigst wieder zu vergessen.
  4. Die Verbrennung des Klärschlammes, die teuer und aufwendig ist, kann nur dann als Alternative angesehen werden, wenn sichergestellt ist, daß das, was an Giftstoffen im Schlamm enthalten ist, nicht ungefiltert bei den Kaminen oben herauskommt.
  5. Die Verfrachtung des Schlammes in devisenhungrige Ostblockländer ist Kolonialismus, Das Problem wird dadurch nur verlagert.
  6. Alle Versuche, das Zeug mit anderem zu neutralisieren (etwa mit Hausmüll) oder in der Zementindustrie zu verbrennen, sind zu forcieren. Es ist schon spät genug dazu.

Insgesamt ist das Problem, das gerade wegen seiner Unappetitlichkeit kein heißes Partygesprächsthema sein wird, ein Musterbeispiel für mangelnde Planung. Nicht die Bauern und ihre Knechte in den Interessenvertretungen (wie der Schreiber dieser Zeilen) sind daran Schuld, daß das Problem zum Himmel stinkt. Sondern jene, die nicht über den Gitterzaun ihres Werkes hinausgedachthaben.

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