Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum Jänner 1982
Kategorisierung Verkehr; 1982

Der neue Adel

Überliefert ist die Geschichte, darin ein sterbender Wiener Patriarch, nachdem er sein ganzes Vermögen verteilt und alles für die Zeit nach seinem Ableben geregelt hat, den Lieblingsenkel an sein Totenbett holt und ihm das Abonnement für die "Philharmonischen" übergibt. Heute wird ein Greis der besseren Gesellschaft seinem Lieblingsenkel die vier- oder gar dreistellige Autonummer vermachen. Vergebens: Der junge Mann wird, wenn er versucht, mit Großvaters Autonummer bei den Behörden eine Übertragung der schon oft ausgebesserten und öfters nachgefärbelten Tafel auf sein Auto zu erreichen, bitter enttäuscht Die Nummer wird rigoros eingezogen. Es werden Summen von 20.000 Schilling genannt, die dafür aufzubringen wären, damit die Erbfolge gelingt.

Bis zum Beweis des Gegenteiles wollen wir annehmen, daß dieses Geld in den Fonds der Witwen und Waisen nach den im Dienst umgekommenen Polizisten eingezahlt wird. Alle anderen Vermutungen würden darauf hinauslaufen, daß sich seit Winters Verurteilung nichts geändert hat. So bleibt uns also die Gewißheit, daß der Nummerntafeladel ein echt republikanischer Adel ist - die Vorrechte der Geburt und der Abstammung von einem Besitzer niederer Nummern sind nicht erblich. Sie sind eine reine Funktion des Geldes. Wenn schon die vierstellige Nummer runde 20.000 Schilling kostet, dann müßte die dreistellige, wenn alles seine Ordnung hat, zehnmal so viel kosten, weil es rund zehnmal so viele vierstellige gibt.

Nur gibt es die dreistelligen aber nicht einfach zu kaufen. Karl Schranz erhielt eine solche zu seiner Hochzeit, und sie wird ihn vermutlich mehr gefreut haben als das Privileg, mit dem Kanzler auf dem Balkon des Ballhausplatzes dem Volk zuwinken zu dürfen. Zumal sich der Kanzler an diese schöne Szene anno 1972 absolut nicht erinnern will.

Kurt Waldheim wird der Abschied aus New York wesentlich erleichtert durch die Aussicht, daß im Wiener Polizeipräsidium die schönste aller noch freien dreistelligen Nummern, nämlich W 200, auf ihn wartet. Wer weiß, mit welcher schäbigen Zahlenkombination er in seinem bisherigen Arbeitsort herumfahren mußte.

Berichtet wird, daß der Besitzer einer dreistelligen O-Nummer in ganz Österreich freien Kredit und freie Durchfahrt erhielt, weil niemand bedachte, daß die Herren von Oberösterreich Linzer Nummern fahren, während die niedrigen O-Nummern bedeuten, daß ihr glücklicher Besitzer aus dem Bezirk Braunau kommt Überlegt wird nun in Linz schon lange, diese Unregelmäßigkeit einzustellen, die niederen O-Nummern sukzessive einzuziehen. Damit der Nummernadel unter sich bleibt, frei von Nullen aus dem Innviertel.

Warum über diesen absonderlichen Snobismus nie etwas geschrieben wird, vor allem nicht über die Art und Weise, wie im Osten (vielleicht auch im Süden und Westen?) solche Adelsprädikate erstanden werden müssen? Weil die Chefredakteure der Zeitungen und natürlich auch des ORF selbst meinen, sie seien schon etwas besseres, wenn sie dreistellig einherfahren. Sie greifen Winter ungeniert an und sagen nicht laut, wie sie zu ihrer drei- oder vierzackigen Krone kamen.

Warum so viele Zeilen über ein so unwichtiges Thema? Weil der Verfasser immer noch sechsstellig fahren muß und daher auch noch bei keiner Geschwindigkeitskontrolle durchgewinkt wurde ...

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