Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Der erste landwirtschaftliche Wanderprediger

Autor Winfried Hofinger
Medium  ?
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ?1967
Kategorisierung Agrargeschichte; Adolf Trientl; 1966


Am 26. August jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag von Adolf Trientl. In Tirol, wo er vor gut 100 Jahren - als "Mistapostel" verspottet - von Dorf zu Dorf zog, um die landwirtschaftlichen Erkenntnisse seiner Zeit ins Volk zu bringen,bemüht man sich dieser Tage das Andenken an dieses Original wieder etwas aufzufrischen.

Adolf Trientl wurde am 28. August 1817 als Sohn eines Landarztes in Ötz geboren. Er besuchte das Gymnasium in Solbad Hall und trat dann in Graz in den Jesuitenorden ein. Als seine Ordensprovinz 1848 aufgelöst wurde, trat Trientl in die Seelsorge über. Von 1848 bis 1871 wirkte er als Kaplan in verschiedenen Orten Nordtirols; 1871 wurde 2. Waldauf'scher Kaplan. Diese Stelle gestattete es ihm seine Lehrtätigkeit voll auszuüben.

Der "Mistapostel" Trientl kannte die damals noch sehr neuen Lehren des großen deutschen Chemikers Justus von Liebig sehr genau. Aber was hätte es genützt, wenn er den Tiroler Bauern seiner Zeit mit den doch etwas schwer zu verstehenden Worten Liebigs gekommen wäre? Trientl "übersetzt" - und man versteht, was Liebig meint! "Der Stoff, der einmal Pflanzen und Tiere gebildet hat, kann im Kreislaufe der Natur wie der zu solchem werden. Für den Landmann aber, der ihn vergeudet, wird er sowenig mehr zu irgendetwas, als das Geld, das er verloren und verschwendet hat. Wer seinem Felde nicht dieselben Stoffe, welche er in den Ernten oder seinem Vieh verkauft hat, in Gestalt von Dünger vollständig ersetzt, vermindert das Bodenkapital der Fruchtbarkelt so gut wie sein Stammvermögen, wenn er Kapitalien abtreibt und sie nicht mehr anlegt, sondern verspielt oder vertrinkt. Er treibt also eine Raubwirtschaft. Wer durch eine schlechte Düngerwirtschaft viele Düngerstoffe verlorengehen läßt, verliert Boden und Umtriebskapital so gut, als wie derjenige, welcher den Erlös des Marktes im Heimgehen vertrinkt. Er treibt ebenfalls eine Raubwirtschaft. Wer endlich beides tut, was bei uns das gewöhnliche ist, der treibt eine doppelte Raubwirtschaft. Beide Arten der Raubwirtschaft müssen wir aufgeben, wenn wir nicht fortwährend ärmer werden sollen. Der 1. Schritt zur Besserung besteht in der Erkenntnis seiner Fehler."

Wenn Trientl auch der Düngung die erste Aufmerksamkeit schenkte, so war er sich doch im klaren darüber, daß zu einem geordneten Landwirtschaft mehr gehört. Er lehrt Tierzucht, Milchverarbeitung, Pflanzenbau. Er empfiehlt, die Ziegen auszurotten, weil sie den Wald schädigen. Denn: die künftigen Geschlechter im Lande brauchen mehr Holz als wir, weil sie zahlreicher sein werden. So wie wir mehr davon nötig haben als unsere Ahnen."

Trientl schreibt im "Tiroler Boten" und in den "Tiroler Stimmen" auch über Randprobleme der Landwirtschaft. So zu den "Abgebrachten Feiertagen": "Wir dürfen annehmen, daß 100.000 Menschen an den 20 abgebrachten Feiertagen nicht arbeiten; das macht 2.000.000 Arbeitstage im Lande." Er schlägt vor, daß man gesetzliche Arbeitsfreie Tage schaffe, für Knechte und Mägde getrennt" in Rücksicht auf die Sittlichkeit." Solche Feiertage (Urlaub würden wir heute dazu sagen) könnten sehr wohl auch im Sommer gegeben werden "weil man sich sonst nicht so oft waschen und neu kleiden tät ..."

Schon in den Sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts prophezeit Trientl der Elektrizität einen Siegeszug in der ganzen Welt. Auch in der Landwirtschaft wird sie vielfältige Anwendung finden« Er erfindet einen Sparofen, der Brennholz sparen helfen soll. Die Einführung des Thermometers im Kuhstall empfiehlt er dringend; gegen die Maul- und Klauenseuche rät er die Verwendung von Karbolsäure.

Was sagten seine Landsleute zu diesem Priester, der lehrend und mahnend durch die Dörfer zog? Er selbst schreibt daüber: "Obschon ich überall mit einer unverdienten Zuvorkommenheit und Gastfreundlichkeit aufgenommen worden bin, so habe ich doch sowohl in diesen Gegenden als auch anderswo vereinzelte Erfahrungen zu fühlen bekommen, die jedoch meist recht komischer Natur waren. Die Vollständigkeit meines Berichtes verlangt, daß ich auch zu diesen etwas sage. So gesellte sich nicht selten unseren Versammlungen ein Betrunkener bei, oder was der Wirkung nach gleich ist, irgend einer jener Potentaten, deren unvermeidliche Eigenschaft es ist, in allen Dingen und allein Allwissenheit und Recht zu besitzen. Ein paar Male wurde ich gelegentlich wohl auch von Kindern weidlich ausgelacht. Andere gab es, die meinten, es sei ganz und gar nicht anständig von einem Geistlichen, im Lande so umherzuziehen und von wirtschaftlichen, ja sogar schmutzigen Dingen zu reden, wie z. B vom Dünger. Solche Christenlehren wie ich sie vorbrächte hätte man nicht erwartet, man habe auch keine Lust, sie anzuhören. Jemand sagte mir sehr wohlmeinend, er habe mein Büchlein über den Dünger gelesen, aber er müsse sagen, es habe ihn immer als unanständig mißfallen, daß sich ein Geistlicher unterstanden habe,so etwas zu schreiben. Auch öffentlich im Gasthause wurde laut geschimpft, ich hätte heimzugehen und andere Pflichten zu erfüllen anstatt wie Dörcher durchs Land zu fahren, mir sei der Mist lieber als das Seelenheil anderer. usw. ...

Übrigens fühlte ich es selbst wohl heraus, daß ich nicht alle meine Zuhörer befriedigen konnte und daß viele mit Recht an meinen Vorträgen ausstellen konnten; denn ich habe weder die umfassende Kenntnis noch die lichte Klarheit, wie sie ein vollendeter Lehrer und Vertreter der Landwirtschaft haben soll und oft wohl mögen mir Worte entwischt sein, die den örtlichen Verhältnissen nicht entsprachen. Man möge also meinen gewiß guten Willen das mangelnde verzeihen."

Nach Jahren voll von Betriebsamkeit und unstetem Umherreisen verbrachte Adolf Trientl, den man als den ersten Wanderlehrer Österreichs bezeichnen kann, seinen Lebensabend als Kaplan in der Fraktion Köfels der Gemeinde Umhausen, wo er an 6. März 1897 im Alter von 79 Jahren starb.


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