Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Der Schriftleiter der Bauernzeitung ermordet!

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernkalender
Texttyp Aufsatz
Erscheinungsdatum 2005
Kategorisierung Tiroler Bauernkalender; Historisches;2005


Es geschah vor 75 Jahren: Der Schriftleiter der Bauernzeitung ermordet!

Auf dem Fußweg von Amras zum Schloss Ambras stößt man, kurz bevor man die Höhe des Schlosses erreicht, auf ein schlichtes Marterl. Es erinnert daran, dass an dieser Stelle der Schriftleiter der Tiroler Bauernzeitung, Josef Gufler, Ende September 1930 das Opfer eines Raubüberfalles wurde, an dem er am 2. Oktober, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben, verstarb. Gufler war in der Nacht alleine und zu Fuß unterwegs. Das Angebot seiner Begleiter, mit denen er den ganzen Sonntag im Oberland dienstlich unterwegs war, ihn mit dem Auto in seine Wohnung in einem Nebengebäude von Schloss Ambras zu bringen, lehnte er ab. Wer ihn zu mitternächtlicher Stunde überfiel und schwer am Kopf verletzte, wurde nie geklärt.

Politische Motive scheint es für die Untat nicht gegeben zu haben. Eine goldene Uhr und die Brieftasche wurden ihm gestohlen. Ein junger Mann, ein Bauernknecht aus Aldrans, der ihn am Boden liegend fand, meldete den Vorfall im nahen Mauthaus - die Mautnerin unternahm nichts, weil sie, wie sie sagte, das Haus voller kleiner Kinder hatte. So blieb Gufler bis zum Morgengrauen unbetreut am Boden liegen. Alles Bemühen der Ärzte in der Innsbrucker Klinik war dann allerdings vergebens.

Von den vier Kindern, die Josef Gufler hinterließ, lebt die jüngste Tochter, Antonia, die zur Tatzeit gerade zehn Monate alt war, in Innsbruck. Sie kann sich natürlich an die schrecklichen Tage nicht erinnern. Sie betont aber im Gespräch, dass nach ihres Vaters Tod in der Familie nicht die blanke Not eingekehrt ist. Sie und ihre Geschwister konnten teilweise studieren - Antonia arbeitete in den 60er Jahren in der Innsbrucker Brixnerstraße, also im Bauernbundhaus, bei der Landwirtschaftskammer, ehe sie heiratete und 1967 ihr erstes Kind geboren hat. Lechner, Liebscher, Weiler, Sandner, Halder sind ihr ebenso ihn lebhafter Erinnerung wie die Sekretärinnen Vogl und Huber, und viele andere.


Journalist aus Berufung

Josef Gufler hatte ein bewegtes berufliches Leben hinter sich, ehe er 1929 Schriftleiter der Tiroler Bauernzeitung wurde. Geboren ist er 1872 in Meran. Nach dem Besuch des Gymnasiums und der Matura trat er in das Stift Stams ein, von wo er aber auf Anraten des Abtes bald wieder weg ging. Das daraufhin begonnene Jusstudium konnte er, wie der "Tiroler Anzeiger" in einem ausführlichen Nachruf schrieb, aus Geldmangel nicht fortsetzen. Seine Tochter fügt hinzu: Er war immer von panischen Prüfungsängsten geplagt. Seine journalistische Laufbahn begann den "Tiroler Stimmen"; das war jene konservative Zeitung, die die Bewegungen der Christlichsozialen und des Bauernbundes mit Hass, mit Spott und Hohn verfolgte. Zum Bauerntag im Juni 1904 in Sterzing konnten die "Stimmen" nicht viel mehr sagen als dass es doch schade um das viele Geld sei, wenn tausende Bauern mitten im Sommer zu einer Versammlung fuhren. Es war der Schriftleiter Dr. Jehly, der für den unversöhnlichen Ton der "Stimmen" verantwortlich war. Als Jehly 1906 plötzlich verstarb, wurde Gufler sein Nachfolger. Der nun doch versöhnlichere Ton der Zeitung war, so steht es in allen Nachrufen, auch Guflers Verdienst, der humorvoller war als sein auch von seinen Gesinnungsfreunden ob seiner Schärfe und Aufsässigkeit bedauerte Vorgänger. Von 1919 bis 1921 war Gufler Chefredakteur des mit den "Stimmen" vereinigten "Tiroler Anzeigers". Es folgten ein paar Jahre bei Zeitungen in Südtirol, was in der Faschistenzeit eine überaus schwierige Sache war. 1929 wurde er Chefredakteur der Tiroler Bauernzeitung.


Der große Prozess

Am 15. Mai 1910 wurde auf den Patscher Feldern ein Wegkreuz geschändet. Da neben dem zerschlagenen Corpus eine Nummer der Zeitschrift "Der Tiroler Wastl" lag, schlossen die "Stimmen" wie der "Tiroler Anzeiger", dass der Täter ein Gesinnungsgenosse des Herausgebers und einzigen Redakteurs des "Wastl", des Rudolf Christoph Jenny gewesen sein müsse. Es kam zu einem Aufsehen erregenden Presseprozess. Gufler, verantwortlich für die "Stimmen" und der Schriftleiter des Anzeigers wurden freigesprochen. Der "Tiroler Wastl" schäumte natürlich - und R. Ch. Jenny verfasste über die ganze Geschichte eine weitere Schmähschrift. (Der "Wastl" hat übrigens die Gründung des Tiroler Bauernbundes ein paar Jahre zuvor, also 1904, freudig begrüßt: In mehreren Beiträgen lobte er das Aufstehen der Bauern gegen die Herren in höchsten Tönen. Sogar eine Zeichnung zierte die betreffenden Artikel - ein offenbar ländlicher jüngerer Mensch tritt einen Stadtmenschen in den Hintern ...)


Ein heiterer und friedlicher Mensch

Im Nachruf im "Tiroler Anzeiger" wird versucht, auch den Menschen Gufler zu charakterisieren. "Josef Gufler war eine heitere, offene und liebenswürdige Natur. Er hatte viele Freunde, namentlich unter den Mitgliedern der Studentenverbindung Austria, der er auch selbst während seiner Universitätszeit angehört hat und in die er 1895 eingetreten ist. Aber auch alle sonstigen Persönlichkeiten, die mit ihm beruflich oder gesellschaftlich in Berührung kamen, standen mit ihm auf gutem Fuße. Im Bauernbund hat er sich in der kurzen Zeit seiner Wirksamkeit viele treue Anhänger erworben. Es ist nicht bekannt geworden, dass er sich durch seine journalistische Tätigkeit jemanden jemals zum Feinde gemacht hätte." Die Freunde der Austria errichteten ihm das Marterl am Weg nach Ambras. Aus Anlass des bevorstehenden 75. Todestages haben sie die schlichte Säule renoviert, sodass der Sinnspruch darauf wieder gut leserlich ist. Er lautet: "

Ein Mann aus der dritten Reihe. Oft sagen sie, mit ihrem unauffälligen schlichten Wirken, über eine Zeit, ihre Hintergründe und Abgründe, mehr aus als jene, die tagaus tagein im Rampenlicht stehen.


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