Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Mistapostel

Autor R.N. recte Winfried Hofinger
Medium Agrarische Rundschau
Texttyp Buchbesprechung
Erscheinungsdatum Mai 1993
Kategorisierung Adolf Trientl; Agrargeschichte; 1993

BUCHBESPRECHUNG

Der Mistapostel. Ein Leben für den Bauernstand. Adolf Trientl 1817-1897

Winfried Hofinger, Haymann Verlag [sic!], Kochstraße 10, 6020 Innsbruck; 1993, 206 Seiten, zahlreiche Abbildungen, öS 390,- inkl. 10% Mehrwertsteuer.

In Tirol, wo er sein langes Leben (1817-1897) hauptsächlich verbrachte, gehört es unter "Agrariern" inzwischen wohl zum guten Ton, zu wissen, wer Adolf Trientl war. Ein Jahr lang hat man hier den "Mistapostel" gefeiert: Mit einem Buch, einer Ausstellung in Ötz, mit Trientltagen an der Lehranstalt Imst, mit einem Lichtbildervortrag, den inzwischen weit über tausend Menschen gesehen haben. Das alles zum 175. Geburtstag im Jahre 1992.

Trientl ist es wert, über Tirol hinaus bekannt gemacht zu werden. Er schreibt in seiner Autobiographie selbst, "daß ich der erste Wanderlehrer in Österreich gewesen bin". Und wie so oft, ist der erste gleich auch der größte. Trientl schreibt, seine "erste Reise durch das Land war wirklich eine Art Triumphzug". Es folgten noch drei große, über Monate dauernde, Reisen und viele kleine. Wie das mit dem Triumphzug war? "Überall wurde ich freundlichst empfangen und bewirthet und die Zeitungen gaben fast von jedem meiner Vorträge Nachricht." Liest man die Zeitungsbände seiner Zeit nach, dann ist das eine gewaltige Übertreibung. In einem seiner Reiseberichte schreibt er, wie es ihm in der Praxis so ergangen ist: Mehrfach wurde er "abgesagt", da "glänzte ganz Nassereith durch seine Anwesenheit", oder es ließ sich, in Wenns, niemand blicken. Oft wurde er angepöbelt, daß er als Priester eine solch eigenartige Christenlehre verbreite. Es sei doch ganz unter seiner Berufung, daß er sich mit so schmutziger Sache wie Mist und Jauche befasse. Den Übernamen "Mistapostel", unter dem er in ganz Tirol bekannt ist, gaben ihm seine geistlichen Mitbrüder - schreibt Ludwig Steub, ein "liberaler" Reiseschriftsteller - weil sie ihm seinen Ruhm neideten.

Trientl galt, was damals für einen katholischen Priester in Tirol ein ziemlich arger Vorwurf war, als Liberaler. Er hat sich diese Punzierung selbst eingehandelt: Am Ende des Berichtes über seine erste Reise schreibt er, daß der Landtag und seine konservative Mehrheit in Wahrheit eine "Landesstiefmutter" sei, weil er für alles Geld habe, nur nicht für das wichtigste aller materiellen Landesinteressen. Es nütze dem Tiroler Kind gar nichts, wenn ihm seine Mutter "blos vorbetet und nichts kocht".

Um diesen, aus dem Mund oder aus der Feder eines Priesters doch erstaunlichen Satz zu verstehen, muß man wissen, daß sich der Tiroler Landtag in der Mitte des vorigen Jahrhunderts jahrzehntelang gegenseitig bei jeder vernünftigen Arbeit behinderte. Man hat mit einer Erbitterung und mit einer Grobheit, die uns heute nicht mehr recht verständlich ist, um die sogenannte "Glaubenseinheit" gestritten: Die Errichtung eines Bethauses für die evangelischen Christen von Meran wurde - 70 Jahre nach Erlassung des Toleranzpatentes! - zu einer Überlebensfrage des "Heiligen Landes" hochstilisiert. Die staatliche Aufsicht über die Schule wurde ebenso heftig bekämpft wie die Zivilehe.

Durch seine direkten Angriffe auf die konservative Landtagsmehrheit hat sich Trientl selbst ins "liberale" Eck gestellt. Er hätte diese politischen Auseinandersetzungen sicher nicht so unbeschadet überstanden, wenn er fachlich nicht so gut gewesen wäre. Seine Lehrinhalte - die auch der große Justus von Liebig ganz auf der Höhe der Zeit befand - wurden von den 16 Autoren des Buches "Der Mistapostel. Ein Leben für den Bauernstand. Adolf Trientl 1817-1897" mit unserem heutigem Wissensstand verglichen. Sie fanden erstaunliche Einsichten, etwa in der Forstwirtschaft (Das wichtigste im Bannwald ist eine kräftige Verjüngung - das Reichsforstgesetz 1852 hat uns das Gegenteil gebracht!), in der Wildbach- und Lawinenkunde (Der Wald kann viel, aber nicht alles), im Bildungswesen (Wer in der Ausbildung nicht den weiblichen Teil der Bevölkerung mitbedenkt, macht eine halbe Sache), in der Milchwirtschaft ("Die Milch ist wie eine Frau, sie will rein und zart behandelt werden!"). Professor Franz Fliri weist im Buch nach, daß Trientl die erste plausible Föhntheorie aufgestellt hat.

Natürlich hat er sich auch geirrt, was bei einem so umfassenden Arbeitsfeld - praktisch die gesamte Land- und Forstwirtschaft seiner Zeit - gar nicht anders möglich ist. Sein erstes Anliegen ist das Denken in geschlossenen Kreisläufen: Man muß dem Boden wieder zurückgeben, was man ihm durch die Ernten genommen hat. Das geht am besten, wenn man die "Gottesgabe des Mistes" und die "Goldtinktur der Jauche" besser behandelt als das damals offenbar üblich war, indem man Kompost macht, Kunstdünger verwendet ("Ich würde ihn Kraftdünger nennen"). Sein Ratschlag, "Gyps" auf die Felder zu streuen, wird von seinen Nachfolgern als Düngerberater nicht mehr gegeben. Daß der Mist so frisch wie möglich auf Feld und Acker soll, gilt heute als falsch.

Wo holte sich Trientl sein umfassendes Wissen? Er absolvierte das Gymnasium in Hall. Im Jahr 1835 trat er in Graz in den Jesuitenorden ein; 1845 wurde er in Innsbruck zum Priester geweiht, anschließend war er in einem adeligen Konvikt in Lemberg Lehrer für Mathematik und Physik. Von der 48er-Revolution aus Galizien vertrieben, war er von 1851 bis 1856, inzwischen aus dem Jesuitenorden ausgetreten, Gymnasialprofessor in Feldkirch. Seine ersten landwirtschaftlichen Briefe schrieb er aus Obergurgl, wo er anschließend an Feldkirch, "sieben recht vergnügte Jahre" als Kurat verbrachte. "Hier begann ich meine landwirtschaftlichen Studien", schreibt er selbst. Hier hat er, mit etwa 40 Jahren, begonnen, sein Wissen in Mathematik, Physik und Chemie in die Praxis umzusetzen. Die zweite Hälfte seines Lebens war er der unbestrittene geistige Wegbereiter des landwirtschaftlichen Fortschrittes.

Seine ersten Lehrfahrten finanzierte Carolina Augusta, Witwe nach Franz I. und Wohltäterin mit Zweitwohnsitz in Salzburg. Ab 1871 war er Inhaber eines gut dotierten Benefiziums und damit finanziell - und geistig - unabhängig. Im Jahr 1882 wurde der Landeskulturrat gegründet. "Durch das Gesetz, welches den Landeskulturrath in Tirol einführte, wurde ich dem direkten landwirtschaftlichen Leben mehr entfremdet, weil ich eines jeden Grundbesitzes bar und ledig, in keiner landwirtschaftlichen Bezirksgenossenschaft nach dem Gesetze Platz finden konnte. Es war auch schon gut, daß mehrere und jüngere Kräfte auf den Plan traten."

Er muß Tag und Nacht gearbeitet haben. Über 1200 Seiten umfaßt alles, was wir von ihm gesammelt haben, wobei viele hundert ungezeichnete Artikel in den "Landwirtschaftlichen Blättern" dem Stil nach nur von ihm geschrieben sein können. Als Greis geht er als Seelsorger wieder in die Einschicht. Mit Stolz blickt er auf ein reiches Lebenswerk zurück. Kurz nach seinem Tod erhält er an der Außenmauer seiner Taufkirche in Ötz ein schönes Marmordenkmal: "...Dem verdienstvollen Vorkämpfer für landwirtschaftlichen Fortschritt." R. N.


Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen