Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Der Lebensstandard fällt nach Süden ab

Autor Winfried Hofinger
Medium Salzburger Nachrichten
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum Dezember 1969
Kategorisierung Statistik; 1969

In unregelmäßigen Abständen bekommt man aus dem Osten des Bundesgebietes mit Hilfe von Zahlentricks immer wieder zu hören, daß Österreich aus einem blühenden, übersatten Westen und aus einem armen, unterentwickelten Osten bestehe. Die Absicht, die dahinter steckt, ist offensichtlich: Man will, gestützt auf das allgemeine Mitleid, möglichst viel von jenen Geldern, die zum Ausbau der Infrastruktur und der Belebung unterentwickelter Gebiete dienen können, für sich gewinnen.

Der Kardinalfehler bei all diesen Untersuchungen besteht darin, daß man die Region Wien/Niederösterreich/Burgenland nicht als Einheit betrachtet, sondern daß man Wien für sich nimmt — die Bundeshauptstadt paßt dann in das West-Ost-Schema nur selten hinein — und die beiden Bundesländer ebenfalls. Nach Ansicht aller Fachleute (nicht der Historiker und Juristen) ist Wien aber die eigentliche Hauptstadt dieser Region. Es ist daher unerlaubt, in allen jenen Fällen, in denen man über regionale Unterschiede spricht, diese Region zu zerreißen.

Ob Steueraufkommen, Volkseinkommen, Pkw-Dichte pro Einwohner oder was immer — ohne ihre Landeshauptstädte würden auch die Bundesländer Tirol, Salzburg, Oberösterreich u. a. ein ganz anderes Bild ergeben. Was im "goldenen Westen" natürlich unerlaubt wäre, nämlich die Betrachtung des flachen Landes ohne die Metropole, wird im Osten ständig praktiziert.

So schrieb die "Industrie" in ihrer Nr. 45 unter dem Zwischentitel "Einkommensgefälle Westen-Osten": "Wie aus der Tabelle I hervorgeht, zeigt das Volkseinkommen je Einwohner nach den letzten zur Verfügung stehenden Zahlen ein deutliches Einkommensgefälle von Westen nach Osten. Während 1964 in Vorarlberg das Volkseinkommen je Einwohner 26.100 S betrug, in Salzburg mit 24.000 S und in Oberösterreich mit 21.000 S in der Mitte lag, weist das Burgenland ein solches von 16.300 S aus. Eine Ausnahme bildet aber Wien mit dem höchsten Einkommen von 32.900 S."

Richtig betrachtet, gibt es in Wahrheit dieses Gefälle beim Volkseinkommen nicht (bei anderen Kriterien wie Wasserklosetts, Badewannen, Unterschriften für Arbeitszeitverkürzung mag es bestehen). Nimmt man nämlich die Region Wien, Niederösterreich und das Burgenland als ganze, so beträgt dort das Volkseinkommen je Einwohner rund 26.200 S, also um über 100 S mehr als im gelobten Land Vorarlberg. Alle westlichen Bundesländer liegen unter jener Marke von 26.200 Schilling; es ist nur eine einfache Rechenfrage, wollte man ausrechnen, um wieviel: Es sind im Durchschnitt Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg 23.100 S, also um 3100 S weniger als im Osten.

Dabei kann natürlich nicht bestritten werden, daß es im Osten echte Notstandsgebiete gibt - es gibt sie aber auch im Westen. Was den einen ihr Südburgenland, ihre Bucklige Welt, ihr Waldviertel, das ist den anderen ihr Mühlviertel, der Lungau, Osttirol u. a. Während aber im Osten diese benachteiligten Regionen nicht durch die Mithilfe einer starken Landeshauptstadt ausgewogen werden (Eisenstadt ist eine Hauptstadt nur im Sinne Parkinsons, Niederösterreich hat überhaupt keine), werden im Westen der Lungau und die Landeshauptstadt Salzburg, Osttirol und Innsbruck in ein und denselben statistischen Topf geworfen. Viel richtiger wäre es, von einem Nord-Süd-Gefälle zu sprechen: In Kärnten betrug das Volkseinkommen je Einwohner im Jahr 1964 19.100 S, in der Steiermark 18.600 S. Zählt man zum Süden wie die nationalsozialistischen "Raumordner" noch jene Teile anderer Bundesländer, die südlich des Alpenhauptkammes liegen, also Osttirol und das Südburgenland (zwei ausgesprochene Notstandsgebiete), dann stellt man fest, daß Österreich südlich des Alpenhauptkammes zur Region Wien / Niederösterreich / Burgenland (Nord) einen Abstand von ca. 8000 S im Volkseinkommen aufweist, zum Wahlkreisverband IV (Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg) einen solchen von etwa 5000. Nicht der Osten ist also entwicklungsbedürftig, sondern der Süden.

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