Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Der Bauer schuf das Alpenland

Autor Winfried Hofinger
Medium Tirol - immer einen Urlaub wert
Texttyp Heftbeitrag
Erscheinungsdatum Winter 1981/82
Kategorisierung Landeskulturrat; Agrargeschichte;1982

100 JAHRE BERUFSVEREINIGUNG DER TIROLER BAUERN - ZEITEN DES AUFBRUCHES UND DES WANDELS - VON DER MEHRHEIT ZUR MINDERHEIT

Im Frühjahr 1982 feiert die Tiroler Land- und Forstwirtschaft ein großes Fest: 100 Jahre sind dann seit der Gründung des "Landeskulturrates" vergangen, seit der Schaffung einer gesetzlichen Interessenvertretung der Bauern. Welcher Wandel seither! Geblieben sind fast nur die Berge und Täler und - ja, was sonst noch? Bis zu den Flüssen und Seen, bis zu Straßen, Äk-kern und Häusern hat sich fast alles geändert, besonders auch die Menschen. Das Land selbst hat neue Grenzen bekommen: Der südliche Teil Tirols, das nicht nur bis Salurn, sondern bis zum Gardasee reichte, wurde gegen den Willen seiner Bewohner von Norden und Osten abgetrennt. Vor 1882 waren es vor allem die Großgrundbesitzer und andere an der Landwirtschaft interessierte Personen, die sich um die Weiterbildung, die wirtschaftliche Förderung und die Interessenvertretung des Nährstandes kümmerten. Erzherzog Johann, wegen seiner fortschrittlichen Ideen aus Wien verbannt, hat in der Steiermark und in Tirol die Weiterentwicklung der Landwirtschaft gefördert. Der Landeskulturrat, dessen gesetzliche Basis ein Landesgesetz vom 24. September 1881 über die Errichtung von Bezirksgenossenschaften der Landwirte und eines Landeskulturrates in Tirol war, konnte sich, was Ausbildung und Förderung betraf, auf die Vorarbeiten der Ackerbaugesellschaft (1766 bis 1838) und der k. k. Landwirtschaftsgesellschaft (1838 bis 1882) stützen. Neu hinzugekommen ist die Interessenvertretung, der, dem Zeitgeist gemäß, nicht ein gewählter Präsident vorstand, sondern der vom Kaiser ernannte Dr. Julius von Riccabona. Bei der Gründungsversammlung am 12. April 1882 waren Obmänner der neuen landwirtschaftlichen Bezirksgenossenschaften bereits anwesend. Riccabona bezeichnete in dieser Versammlung den Landeskulturrat als eine mit öffentlichen Befugnissen ausgestattete Institution, ähnlich den Handels- und Gewerbekammern.

Bildung macht frei

Zwei Landwirtschaftsschulen gab es im großen Tirol vor 100 Jahren: Eine in St. Michele an der Etsch und eine in Rotholz im Inntal. Sie sollten auf Jahrzehnte die einzigen bleiben. Ein alter Kurat namens Adolf Trientl zog als "Mistapostel" von Dorf zu Dorf, um den Bauern die moderne Landwirtschaft und vor allem eine bessere Düngerwirtschaft auf der Grundlage der Lehren von Justus von Liebig zu vermitteln. Heute haben die zahlreichen Landwirtschaftsschulen für Burschen und Mädchen eine Vielfalt und einen Schülerstand erreicht wie nie zuvor; die landwirtschaftliche Fachberatung ist ausgebildet wie in allen entwickelten Agrarländern. Vor 100 Jahren kam ein Bauernkind nur dann in eine höhere Schule, wenn der Pfarrer es als besonders begabt erkannte. Dann konnte es ins Borro-mäum nach Salzburg oder ins Vinzentinum nach Brixen "einrücken". Heute hat jeder Bezirk eine höhere Schule; die Hauptschule ist für viele die Grundlage für eine weitere Ausbildung. Vor 100 Jahren und bis 1914, zogen, nach einer kurzen Winterschule, Kinder von Oberländer Kleinbauern als "Schwabenkinder" in den Bodenseeraum, um sich einen Sommer lang als Hüterbuben und Kindsdirnen zu verdingen. Viele von ihnen konnten sich den Fahrpreis auf der in diesen Jahren fertig werdenden Arlbergbahn nicht leisten; sie gingen weiterhin zu Fuß, bei Eis und Schnee und Lawinen. Ihre Urenkel, deren Eltern jährlich den Gegenwert einer mittleren Kalbin als Kinderbeihilfe erhalten, fahren täglich umsonst in Schulen, deren Besuch natürlich auch nichts kostet. Wenn sie in Internaten wohnen müssen, gibt es auch dafür Beihilfen. Es ist kein Zufall, daß diese Darstellung der Entwicklung der letzten 100 Jahre Landwirtschaft und Bauernstand in Tirol mit Schulfragen beginnt. Das geltende Landwirtschaftskammergesetz macht es der Kammer ausdrücklich zur Aufgabe, sich neben den wirtschaftlichen und sozialen auch um die kulturellen Belange ihrer Mitglieder zu kümmern. Das haben bäuerliche Vertreter immer getan. Von Trientl bis heute war man in der bäuerlichen Welt immer überzeugt, daß eine umfassende "Kopfdüngung" die Voraussetzung dafür schafft, daß der Bauernstand den Herausforderungen der Zeit gewachsen ist und daß der Bauer gleich gut wie die übrige Bevölkerung leben kann. Erst in unserem Jahrhundert hat man erste Schritte zur Weiterbildung auch der Bäuerin gesetzt. Heute ist der Bildungswille bei den Bäuerinnen trotz der enormen, statistisch untermauerten Arbeitsbelastung besonders auffallend. Moderne Lehr- und Lernmethoden sind in der Fortbildungsarbeit ganz selbstverständlich geworden. Die Mitarbeit der Betroffenen in der Gestaltung des Bildungsangebotes und in seiner Durchführung wird mit Erfolg praktiziert.

Das Zeitalter der Eisenbahnen

Vor etwa 100 Jahren war das Eisenbahnnetz im Lande schon fast so ausgebaut, wie wir es heute noch haben (noch fehlten die Karwendelbahn, Zil-lertal- und Achenseebahn). Die damalige Situation an der Brennerstrecke schildert Ludwig von Hörmann in der blumigen Sprache seiner Zeit so: "Fast der ganze Güterverkehr wurde der schwerfälligen Achse abgenommen und den Lastenzügen übergeben und damit waren momentan tausend tätige Arme erwerbslos; die Wirtshäuser an der Straße feierten ebenso wie die Vorsetzpferde und das Heer der lustigen Kellnerinnen und Hausknechte. Auf der prachtvollen Chaussee, die nur aus strategischen Gründen noch in leidlichem Stand gehalten wird, wuchs Gras . . . Was Wunder, wenn das ganze Wipp- und Eisacktal trauerte und statt Segen des Himmels Fluch auf dieses ,Teufelswerk' herabrief." Die Erschließung Europas mit Eisenbahnen, um 1880 im wesentlichen vollendet, machte abertausende Fuhrleute, Pferdeknechte, Kellner und andere arbeitslos. Die damit verbundene wesentliche Senkung der Transportkosten und -Zeiten hat auch die Land- und Forstwirtschaft in ungeheurem Maße beeinflußt. Plötzlich war die Ernährung einer Region nicht mehr davon abhängig, ob es eine gute oder eine schlechte Ernte gegeben hatte. Lokale Hungersnöte wurden ab dem Ausbau des Eisenbahnnetzes mehr oder weniger unbekannt; ihre Abwendung war "nur" mehr eine Geldfrage. Andererseits mußte nun der Bauer des Gebirgs-landes in Konkurrenz treten mit den Landwirten aus den europäischen Gunstlagen, eine Konkurrenz, vor der ihn vorher eben diese hohen Transportkosten schützten. Jetzt beeinflußten die Getreidepreise von Mailand und Paris und Budapest den Getreidepreis im Etschtal wie im Inntal; mit dem Bau der Dampfschiffe kam die Getreidebörse von Boston dazu. Das ist bis heute so geblieben. Was sich geändert hat, ist unter anderem dies: Mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ist unser Land, dem andere Staaten die Beteiligung an diesem großen Markt verbieten, ringsum von beinahe unüberwindbaren Grenzbarrieren umgeben. Ein Großteil der wirtschaftlichen Interessenvertretung der Landwirtschaftskammern besteht heute darin, die Folgen dieser Aussperrung zu mildern und Ersatzmärkte für Vieh, Fleisch und Milchprodukte zu suchen. Die Landwirtschaft wurde das Opfer des teilweisen Arrangements der übrigen Wirtschaft Österreichs mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, ohne daß ihr dafür Dank oder ein finanzieller Ausgleich zugekommen wäre. Lange Jahre vor der Erfindung bzw. Verbreitung des Automobils war die Eisenbahn der Hauptträger auch der touristischen Entwicklung. Wo es Eisenbahnen gab, kamen Fremdengäste in wirtschaftlich interessanter Anzahl hin; in besonders schöne Teile der Alpen, in touristisch lohnende Ziele wurden eigene Bahnlinien gebaut. Meu-rer's "Illustrierter Führer durch Osttirol mit dem Pinzgau und den Dolomiten" gibt z. B. für Mayrhofen, damals noch ohne Eisenbahnanschluß, diesen "letzten ansehnlichen Ort im Ziller-Thale" im Jahre 1886 fünf Häuser an: "Neuhaus; Stern; Post; alle gut; Kramer und Pichler einfacher." Heute zählt Mayrhofen an die 10.000 Fremdenbetten mit rund einer Million Übernachtungen; hundert Beispiele ähnlicher Art ließen sich anfügen. Vor 100 Jahren hatte nur ein verschwindend kleiner Bruchteil der (arbeitenden) Bevölkerung Zeit und Geld, auf Urlaub zu fahren. Heute erreicht der Massentourismus fast alle Gemeinden des Landes und auch die bäuerliche Bevölkerung.

Der Wald wird wertvoll

Die Erschließung des Landes mit Eisenbahnen, verbunden mit dem Holzbedarf der industriellen Revolution und der Gründerzeit, machte das Holz nach Jahrhunderten, in denen es nur örtlich verwertbarer Bau- und Brennstoff war, plötzlich zu einem begehrten Handelsobjekt. Der Holzbedarf der Poebene führte zu einer Ausplünderung der Wälder vor allem im italienischsprachigen Teil Tirols. Die dem Raubbau folgenden verheerenden Überschwemmungen von 1881 waren der Anlaß für die Schaffung des seit 1884 geltenden ersten Wildbachverbauungsgesetzes. Nur in Österreich sind die Wildbachverbauer Forstleute, weil man um die Zusammenhänge von Wald und Sicherheit im Gebirge weiß und weil einem das damals so deutlich vor Augen geführt wurde. In einer von einem Beamten der Handelskammer (!) Bozen herausgegebenen Schrift wird die Enteignung der Wälder verlangt, weil anders ihre Vernachlässigung bzw. Ausplünderung durch die Eigentümer nicht verhindert werden könne, und das trotz des strengen Reichsforstgesetzes aus 1852. Und heute, nach dem ein Jahrhundert währenden strengen Forstregime? Nun zeigen sich gebietsweise auch die Nachteile der übervorsichtigen Nutzung: Die Vergreisung der Wälder, vor allem in den Hochlagen, wird nicht zuletzt darauf zurückgeführt, daß man sich nicht getraut hat, in diesen Wäldern "ins Holz zu gehen". Tirol hat die größten Durchforstungsrückstände von ganz Österreich. Kultivieren war durch Jahrtausende gleichbedeutend mit dem Beseitigen von Bäumen. In der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts hat sich (nicht nur) dieser Kulturbegriff ins Gegenteil verkehrt. Nun nimmt die bewaldete Fläche wieder zu, und die meisten Mitbürger würden diese Entwicklung, so man ihnen davon erzählte, begrüßen; auch wenn sie in Reutte oder Pfaffen-schwendt, in einem der vielen Reith oder in Brandberg zu Hause sind, in Orten also, die in ihrem Namen ausdrücken, daß sie der Rodung von Wald ihre Existenz verdanken. Die Eisenbahn, die industrielle Revolution und die Gründerzeit löschten aber auch die Selbstversorgerwirtschaft weiter Regionen aus. Wohl hat es in unserem Land bis zum Zweiten Weltkrieg gedauert, bis sich Bauern im Geschäft Brot, Salat und Sauerkraut, Milch und Fleisch kauften, anstatt es selbst herzustellen. Die leichte Transportfähigkeit des Getreides (als Nahrungsmittel und als Futtermittel) ließ die Produzentenpreise auf den Märkten sinken, der Kapitalbedarf der Gründerzeit die Zinsen steigen. Gegen die enorm zunehmende Verschuldung wehrten sich die Bauern mit der Gründung von Raiffeisenkas-sen, die dem Landeskulturrat von Anfang an ein ernstes Anliegen war. Das Aufblühen dieser ursprünglich fast rein bäuerlichen Organisation erfolgte, mit Unterstützung des Landeskulturrates, in den letzten zwanzig Jahren des vorigen Jahrhunderts. Riccabona selbst wurde zum Präsidenten des Anwaltsverbandes der Kassen gewählt. Gegen das "Bauernlegen", das in Tirol nie das Ausmaß anderer Kronländer annahm, wurden das Höfegesetz und andere Landesgesetze geschaffen. Geldgebern und Spekulanten war es damit verwehrt, in Höfen zu spekulieren; Höfe waren und sind nur wieder für den Bauern erwerbbar. Heute ist die Tiroler Landwirtschaft, trotz der gewaltigen Investitionen im Fremdenverkehr, die aus der Landwirtschaft finanziert wurden, nur mäßig verschuldet. Daran sind freilich auch zwei Weltkriege mit den ihnen folgenden Entschuldungen" wesentlich mitbeteiligt, sodaß die Tiroler (und die österreichische) Landwirtschaft wesentlich geringer verschuldet sind als jene der vergleichsweise viel reicheren Schweiz.


Tierzucht, Pflanzen- und Obstbau

Der Aufbruch im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts öffnete auch der Tierzucht die Grenzen. Im Jahre 1838 schrieb Johann Jakob Staffier in seiner Landestopographie: "Jene Gemeinden, die vorzugsweise Viehzucht betreiben, sind in der Regel die wohlhabendsten . . . Die immer lebhafte Nachfrage des nahen Italiens und die Leichtigkeit der Ausfuhr dieser sich selbst befrachtenden Ware verbürgen ihr einen sicheren Absatz und bleiben unter allen Verhältnissen umwandelbare Förderungs- und Schutzmittel dieses Erwerbszweiges, der auch wesentlich dazu beiträgt, um die Lücken in der Ökonomie des getreidearmen Landes auszufüllen." Vor 100 Jahren wurden, zur Hebung eben dieser Rinderzucht, bisher fremde "Racen" in Tirol eingeführt: das Sim-mentaler und das Montafoner Rind. Das heimische Grauvieh, genügsam und milchreich, war um die Jahrhundertwende auch im Ausland so begehrt, daß sein Bestand wegen der allgemeinen Nachfrage in Gefahr geriet. 1882 entdeckte Robert Koch den Tuberkelbazillus - erst nach dem Zweiten Weltkrieg ging man mit Erfolg daran, diese Krankheit beim Rind auszurotten. Inzwischen werden, dank der künstlichen Besamung und dem Tiefgefrierverfahren, auch amerikanische Gene in die Tiroler Rinderzucht eingebracht. Rinderexporte gehen nicht nur nach Italien und Deutschland, sondern bis Afrika, nach Spanien und in den Balkan. Die Ökonomie des "getreidearmen Landes": Dank der weiteren Verbilli-gung des Transportwesens bzw. im Zuge der weiteren Spezialisierung wurde der heimische Pflanzenbau für die menschliche Ernährung immer unbedeutender. Vor 100 Jahren wurde die mangelnde Eignung weiter Teile des Landes für den Pflanzenbau als von der Natur gegebene Herausforderung aufgenommen. Man baute Weizen, Körnermais, Kartoffeln, Mohn, Flachs, Gerste und Hafer trotz widriger Umstände an - schon weil man kein Bargeld hatte, sich Lebensmittel und dem Vieh Futter zu kaufen. Heute ist der Getreidebau auf ein damals sicher nicht vorstellbares Minimum zurückgegangen. Es gibt ganze Täler ohne Getreidebau; Generationen von Bergbauern-kindern wissen nicht mehr, wie ein Pflug funktioniert. Andererseits hat, dank der Züchtung der Hybridsorten, der Maisbau stark zugenommen: Mais ist nun, als Futterpflanze, in Regionen verbreitet, wo er in seinen früher bekannten Sorten nie ausgereift wäre. Er prägt, von Juli bis September, das Bild weiter Landesteile. Wenn man vom Obstbau in Tirol sprach, meinte man jenen südlich des Brenners. Inzwischen haben in Nordtirol zahlreiche Betriebe - vor allem im trockenen kleinbäuerlich strukturierten Oberland - im Obstbau oder Beerenanbau eine interessante Alternative gefunden. Das alles - der Wandel im Getreide- und Futterbau, die Hinwendung zu neuen Betriebszweigen - wurde von der Kammer unterstützt und in der Beratung vorgeschlagen. Hinter allem stand aber jeweils ein Bauer, der den Mut hatte, neue Betriebsformen oder -zweige auszuprobieren, auch wenn das in seiner Gegend nie der Brauch war.

Maschinen statt Handarbeit und Dienstboten

Der größte Wandel in den letzten 100 Jahren, besser gesagt: in den vergangenen 30 Jahren war eine weitgehende Entlastung des Bauern bei der Handarbeit durch die Mechanisierung. Das Graben und Hacken, das Heben schwerster Lasten und das Sägen haben dem Bauern Maschinen abgenommen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war in jenen Regionen des Landes, in denen die Bauern zu arm waren, um sich ein Pferd leisten zu können, die Zugleistung noch eines von mehreren Zuchtzielen beim Rind. Heute sind auch die Pferde in erster Linie ein "Freizeitgerät". Filme von Zugleistungsprüfungen, in den fünfziger Jahren Attraktion auf Haflingerfesten, wirken heute wie aus einer anderen Zeit. Vor über 15 Jahren wurde von der Landwirtschaftskammer die Idee der Maschinenringe nach Tirol und Österreich importiert. Diese Zusammenarbeit der Voll- und Nebenerwerbsbauern in den Maschinenringen ist die Antwort auf die immer teurer werdenden Maschinen. Landmaschinen und vor allem bergbäuerliche Maschinen sind so teuer, daß viele Bauern bald nur mehr für den Kauf und die Erhaltung dieser Hilfsmittel zu arbeiten scheinen. Alternativen dazu weiß allerdings auch niemand. In dem Maße, in dem die Maschinen auf den Höfen Einzug gehalten haben, verschwand das Heer der Knechte und Mägde, Schaffer, Futterer, Rosser, Bauknechte usw. Auf vielen Höfen, die noch vor ein, zwei Generationen eine Stube von Dienstboten ernährten, arbeiten heute Vater und Sohn alleine. Dieses "Aussterben" der ehemaligen Dienstleute ist eine der größten Änderungen, die in der Bevölkerung unseres Landes vor sich gegangen sind. Nach Staffier gab es 1837 im Oberinntal 18.700 Bauern und 10.500 Taglöhner und Dienstboten, im Unterland 26.800 Bauern und 26.000 Dienstboten, in Pustertal 15.600 Bauern und 21.800 Dienstboten. Da in der Zahl der "Bauern" die Frauen und Kinder mitenthalten waren, während die Dienstboten weitgehend familienlos bleiben mußten, traf es auf jeden Bauernhof mehrere Dienstboten. Noch in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts waren die Landarbeiter die weitaus größte Gruppe der Unselbständigen. Heute gibt es in Tirol mehr Ärzte als Landarbeiter. Die verbleibenden Landarbeiter sind gutausgebildete Spezialisten, die gleich viel verdienen wie die Unselbständigen in der übrigen Wirtschaft und für die eine eigene Familie und ein Eigenheim eine Selbstverständlichkeit sind. Hier ist eine Tiroler Besonderheit zu erwähnen: In einer Landeslandwirtschaftskammer sind Dienstgeber und -nehmer, Selbständige und Un-selbständige, vereint. Der Klassenkampf fand hier nie statt, die Sozialpartnerschaft brauchte nicht erst erfunden zu werden.

Das politische Erwachen

Es waren, vor 100 Jahren, weniger die Bauern selbst, die bei der Gründung und in den ersten Jahren des Landeskulturrates das große Wort führten. Die Bauern waren wohl seit 1848 endgültig befreit, aber sie waren als Klasse noch nicht zu jenem Maß an Selbständigkeit emanzipiert, daß sie sich alleine an die Arbeit gewagt hätten. Es waren Grundbesitzer und menschenfreundliche Gelehrte, Juristen oder Priester, die als Präsidenten und Funktionäre im Landeskulturrat werkten. 1904 erst wurde, gegen starke Widerstände von Seiten des Adels, der Konservativen und der hohen Geistlichkeit, der Bauernbund gegründet, unter tätiger Mithilfe des niederen Klerus. 1907 wurde die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes von den Bauern mit Bergfeuern begrüßt: Die Zählung von Köpfen - statt der bisherigen Einteilung in (Steuer-)Klassen - brachte ihnen in den gesetzgebenden Körperschaften klare und solide Mehrheiten. Immer haben es die Bauern allerdings verstanden, an verantwortliche Stellen auch Leute zu berufen, die selbst nicht Bauern waren, Kaufleute, Wirte, ja Universitätsprofessoren, was ihre Wahlvorschläge auch für jene wählbar erscheinen ließ, die schon vor ein, zwei Generationen die Lösung von der bäuerlichen Welt vollzogen hatten. Das "Bauernregiment" in der stärksten Partei im Lande dauerte von 1907 bis 1934 und dann wieder ab 1945. Heute gründet sich diese Gewichtigkeit vor allem auf Persönlichkeiten. Daß ein Viertel der Abgeordneten zum Tiroler Landtag bäuerlich ist (obwohl die Bauern nur mehr ein Zehntel der Bevölkerung stellen), mag daran liegen, daß sich bäuerliche Vertreter immer auch als Vertreter aller Menschen im "ländlichen Raum" verstanden haben, lange bevor dieses Wort ein politischer Modebegriff wurde. Im Jahre 1936 wurde der Landeskulturrat in die Landwirtschaftskammer umgewandelt. Geblieben sind dabei die Aufgaben der Förderung und der Interessenvertretung. Die Trennung von der Politik im engeren Sinn wurde nun vollzogen; diese obliegt nun den politischen Gruppierungen (von denen neben dem starken Bauernbund keine andere irgendeine Bedeutung erhielt), während die Kammer die Interessen aller Bauern zu vertreten hat. In der Praxis ist diese Trennung noch schwerer durchführbar als in der Theorie: Das Handeln der Interessenvertretung ist immer auch ein politisches; die politische Aktion kann nie Selbstzweck sein, sondern sie muß, in einem demokratischen Gefüge zumal, immer auch das Interesse der Wähler im Auge haben, will sie erfolgreich sein. Bauernbund und -kammer haben sich in den vergangenen Jahrzehnten gemeinsam bemüht, den Bauern den Ubergang von der Selbstversorgerwirtschaft zur Marktwirtschaft, vom Gesindebetrieb zum (voll)mechanisierten Einmannbetrieb zu weisen. Vieles ist gelungen; mancher Irrweg wurde mit allen Experten ringsum beschritten. Gemeinsam stehen heute der Bauer und seine Freunde in Interessenvertretungen, auf Ämtern und Behörden, einer nichtbäuerlichen Mehrheit gegenüber, die mehr in Worten als in Taten volles Verständnis für die Probleme der Bauern hat...

In Zukunft nur mehr Landschaftsgärtner?

Wie wird das alles weitergehen? Was soll heute ein Bauer, der von seinen Vätern einen für das Land typischen mittelgroßen Hof geerbt hat, seinen Kindern raten? Hat es noch einen Sinn, nach all dem, was die letzten hundert, was vor allem die letzten dreißig Jahre dem Bauernstand brachten, seinen Kindern ein Bauernleben als erstrebenswert hinzustellen? Die Antwort darauf dürfen eigentlich nicht wir "Schreibtischbauern" geben. Die muß in jeder Familie aufs neue erarbeitet werden, und wir wissen, daß es sich kaum eine leicht dabei macht. Mit Recht reagieren die Bauern allergisch darauf, wenn jemand, der womöglich selbst in seinem zweiten Lebensjahrzehnt der Landwirtschaft den Rücken gekehrt hat, das Leben, das er selbst nicht führen will, als erstrebenswert hinstellt und wenn er jeden, der für sich eine bessere Alternative weiß, als charakterlosen Flüchtling hinstellt. Der Rückgang der Betriebe in den vergangenen Jahrzehnten wird von kaum jemand als beängstigend empfunden. Während die einen jedem Arbeitsplatz in der Landwirtschaft nachweinen, malen sich die anderen aus, was wohl geschähe, wenn das heute nun einmal für die Landwirtschaft verfügbare Einkommen auf doppelt so viele Köpfe, wie sie noch vor zwanzig, dreißig Jahren auf unseren Höfen gezählt wurden, verteilt werden müßte. Die größte Hoffnung stellt für alle, die sich um den Bestand der Land- und Forstwirtschaft in Tirol bekümmern, die bäuerliche Jugend dar. Die sind nicht so sentimental wie die Agrarro-mantiker in den Behörden und auf den Universitäten. Sie haben zur Technik ein nüchternes Verhältnis. Sie haben rechnen gelernt; sie haben auf den Fachschulen aber auch gelernt, daß sich vieles, was die bäuerliche Existenz auch in unseren Tagen ausmacht, nicht in Zahlen ausdrücken läßt. Diese bäuerliche Jugend, die Generation der Landwirtschaftsmeister, ist zur Zeit politisch erstaunlich schwach vertreten, was nicht nur mit der Arbeitsbelastung des Einmannbetriebes erklärt werden kann.

Und die bäuerliche Interessenvertretung?

Sie wird in Zukunft, wenn der Anteil der Bauern an der Gesamtbevölkerung noch weiter sinkt, noch wichtiger werden, als sie das schon bisher ist. Auch die Bedeutung des Bauernstandes kann mit abnehmender Zahl eher noch zunehmen - so wie etwa die Bedeutung der Ärzte oder der Kaminkehrer nicht an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung gemessen werden kann. Gerade an diesen beiden Gruppen kann man ablesen, was eine starke einige Interessenvertretung vermag; es ließen sich weitere anführen. Die Bauern der Zukunft werden von ihrer Kammer weniger dringend einen Ratschlag in züchterischen Fragen oder auf irgendeinem produktionstechni-chen Gebiet einholen. Sie haben fast alle die Fachschulen besucht, wo sie zwei, drei Jahre lang das alles bestens gelernt haben. Von seiner Kammer wird sich der Bauer in Zukunft erwarten, daß sie seine Interessen gegenüber der Mehrheit der Bevölkerung vertritt. Daß er sie immer dann gerüstet und argumentationsstark vorfindet, wenn andere auf seinem Grund und Boden herumplanen, ihm Beschränkungen auferlegen, ihm ungewünschte Ratschläge und Direktiven geben wollen. Da die Zahl der Nichtbauern immer größer wird, da Grund und Boden nicht vermehrbar sind und sich damit das, was die Bauern 1907 mit Freudenfeuern begrüßten (nämlich die Zählung nach Köpfen und nicht nach Eigentum, Abstammung und Steuerleistung), sich gegen sie zu wenden beginnt, ist es wichtig, daß sie eine starke Vertretung haben. Die Bauern und mit ihnen ihre Interessenvertretung werden es sich nicht leisten können, die Wünsche des "Restes der Bevölkerung", der stimmberechtigten Mitbewohner ihrer Täler und Dörfer, geringzuachten. Aber es wird darauf hinzuweisen sein, daß die Partnerschaft aller Bewohner des Landes von gegenseitiger Achtung und von Rücksichtnahme getragen sein muß. Die Bauern werden anerkennen müssen, daß sie keinen Anspruch auf besondere Vorrechte haben. Sie werden aber, in der Erfüllung ganz besonderer Aufgaben, jenen Schutz und jene Hilfen fordern, ohne die sie diese unvertretbaren Aufgaben nicht erfüllen können.

Was damit gemeint ist?

Wer im Gebirgsland Ackerbau und Viehzucht betreibt, erzeugt nicht nur Nahrungsmittel unter Bedingungen, die mit den Gunstlagen nicht vergleichbar sind. Wenn das Land will, daß sein Gesicht trotz aller Narben, die ihm die Goldgräbermentalität der letzten zwanzig, dreißig Jahre geschlagen hat, liebenswert erhalten bleibt, dann kann es auf eine funktionierende Landwirtschaft nicht verzichten. Es ist ein großes Wort, daß es der Bauer war, der das Alpenland schuf; seinen Wahrheitsgehalt beweist es dort, wo sich der Bauer - wegen der Ungunst der Verhältnisse und weil er sich zuwenig verstanden und geachtet fühlt - zurückgezogen hat. Der Bauer der Zukunft als Landschaftsgärtner? Nicht nur, aber diese seit Jahrhunderten gratis ausgeübte Funktion wird in Zukunft einen viel höheren Stellenwert erhalten. Sie wird als Leistung bezahlt werden müssen. Unser Gebirgsland kann auf seine Bauern nicht verzichten. Das ist die Stärke der Bauern in Zukunft. Diese Chance gilt es zu nutzen, nüchtern und selbstbewußt.

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