Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum  ?2004
Kategorisierung Roger Schütz; Kirchliches; 2004

Bruder Roger

Wer je, und sei es auch nur wenige Stunden, in Taize war, hat mit großem Entsetzen die Nachricht vernommen, dass Roger Schutz, der Gründer dieser christlichen Gemeinschaft im südlichen Burgund, ermordet wurde. Es war vor rund 25 Jahren. Nein, so sagte man uns, für Touristen sei das eigentlich nicht gedacht. Aber weil wir so traurig dreinschauten, konnten wir bleiben und in einem Bauwagen übernachten. Wenn wir in der Kirche noch einen Platz finden wollten, so sagte man uns noch, dann sollten wir, an einem Samstag um sechs Uhr am Abend, bald einmal hineingehen. Herausgegangen sind wir dann so gegen zwei Uhr früh. Ein unvergessliches Erlebnis: Als Roger Schutz durch die am Boden liegenden, knienden, sitzenden Menschen ging, sprang ein junger Mann auf und riss ihn fast zu Boden. Sie saßen eine halbe Stunde beisammen. Dann legte er dem jungen Mann die Hände auf, und der strahlte über das ganze, verweinte Gesicht, wie ich nie ein Gesicht strahlen gesehen habe.

Bald darauf sagte Bruder Roger: Wisst ihr eigentlich, was morgen für ein Fest ist? Es ist Fronleichnam, das Fest der Eucharistie. Er ging zu jenem Altar, wo das verwandelte Brot auf katholisch aufbewahrt war, setzte es aus, wie man bei uns sagt, und daraufhin wurde mit einer Fröhlichkeit und Frömmigkeit Fronleichnam gefeiert, wie ich das nie vorher und nie wieder seither erlebt habe.

Vor drei Jahren, bei unserem letzten Besuch, fielen uns die vielen mittelalten Leute mit heranwachsenden Kindern auf. Sie zeigten offenbar ihren Kindern, wo sie ihren Glauben gewonnen hatten, in der stillen Hoffnung, dass sie auch ergriffen würden.

Von großer Professionalität war und ist wie immer die dort gespielte und gesungene Musik. Nur wer von Musik gar nichts versteht, erkennt nicht den Unterschied zwischen dem vielen Schrott, den es unter den neueren Kirchenliedern auch gibt, und dem, was aus Taize kommt. Die sind von einer Schlichtheit und Raffinesse zugleich, die allein schon ganz einmalig ist. Allenfalls der gregorianische Choral reicht da heran. Der evangelische Christ Roger Schutz empfing natürlich so wie alle anderen Anwesenden die katholisch zubereitete heilige Kommunion - so, wie vor ein paar Monaten auf dem Petersplatz, noch dazu aus der Hand des späteren Papstes. Es war eine der schäbigsten Presseaussendungen, die der Vatikan je herausgegeben hat, als man nachträglich behauptete, man habe den protestantischen Greis im Rollstuhl nicht erkannt und halt nicht brüskieren wollen. Übrigens, auch die Reporter des ORF erkannten Roger Schutz nicht. Für mich ist er der größte Christ der letzten hundert Jahre.


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