Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Brief an Hye

Autor Winfried Hofinger
Medium nicht erschienen
Texttyp Brief
Erscheinungsdatum 6. Jänner 1991
Kategorisierung St. Johann; Franz-Heinz Hye; Fehlersuche; 1991
Anmerkung des Autors Anruf Hye ein paar Tage später: beleidigt.

Herrn Dozent Dr. Franz-Heinz Hye

als Schriftleiter des "St. Johanner Buches"'

Bruder-Wilram-Str 5

6020 Innsbruck


Sehr geehrter Herr Dozent, lieber Freund Hye!

Wirklich daheim ist ein Mensch nur dort, wo er seine Kindheit verbracht hat. Meine Heimat ist, trotz 37-jähriger Abwesenheit, St. Johann. Wenn ich die melodische Sprache meiner Kindheit höre, dann werden in mir ganz tiefe Saiten angerührt. Innsbruckerisch habe ich nie erlernt. Wann immer mich mein Beruf in die Gegend führt, freut mich das besonders.

Ich bin also befangen, wenn ich zum St. Johanner Buch etwas sage. Andererseits bestehe ich darauf, daß Emotionen der wesentlichere Teil des Lebens sind.

Nun ist zum St. Johanner Buch zunächst viel Lob zu sagen. Es ist gediegen gestaltet, abwechslungsreich gemacht. Die starke Betonung der Bäuerlichkeit wird einen, der sich in der Bauernkammer sein Brot verdient, nicht stören; es ist dieser Schwerpunkt genau so sachlich begründet wie die ausführliche Beleuchtung der Kirchengeschichte. Auch das wird einen, der aus einer so klerikalen Familie stammt und der im Dechantshof von St. Johann oft und gerne zu Gast war, der Dekan Ritter in der Pfarrkirche ebenso wie in der Einsiedelei ministriert hat, und der wie alle, die ihn gekannt haben, Benefiziat Hierzinger besonders gern gehabt hat, in keiner Weise stören.

Die Zuverlässigkeit eines solchen Buches überprüft man am besten so wie ein Lexikon: Man schaut dort nach, wo man sich wirklich auskennt - und das ist in diesem Falle natürlich die eigene Sippe. Und da schaut es leider nicht erfreulich aus. Der Bericht über die Primizfeier des Johannes H. auf Seite 208 wird überschrieben mit Josef B. Hofinger, im Text heißt Onkel Hans dann einmal Josef Baptist (Josef der Täufer?) und einmal Johann Baptist. Dann heißt es, daß er der dritte Priester war, der aus dieser Familie hervorging - dabei war er der vierte, was auf Seite 213 nachzulesen wäre. Auf Seite 896 wird das Land, in dem Onkel Karl gefallen ist, falsch angegeben. Auf Seite 87 wird gesagt, daß das E-Werk in Wiesenschwang die Gemeinde erbaut hätte - nach unserer Familientradition war das unser Großvater, nach dem das EVU von St. Johann bis in die 50er Jahre "Josef Hofinger und Consorten" hieß.Wenn man nun schon bei der eigenen Familie so viele Irrtümer entdeckt, dann fragt man sich natürlich, wie es bei den anderen sein wird.

Als einzig möglicher Ausweg, um solche Fehlermengen zu vermeiden, schiene mir: Nach Redaktionsschluß läßt man wichtige Leute am Ort oder auswärts die fertigen Beiträge noch einmal durchlesen. Betroffene können über so eindeutige Irrtümer gar nicht hinweglesen.

Ich möchte noch einmal betonen, daß viele Beiträge des schönen Werkes meine ungeteilte Zustimmung finden. Das gilt allerdings nicht für den Artikel des mir persönlich unbekannten Mag. Heinz Trendl "St. Johann von 1919 bis 1938". Es besteht für den Kenner der Situation kein Zweifel darüber, daß leider sehr viele St. Johanner dem Nationalsozialismus heftig angehangen haben. Es wäre sicher unerlaubt, dies in einem Geschichtsbuch zu verschleiern. Das heißt aber nicht, daß den Artikel jemand schreiben muß, der selbst offenbar an diesem Gedankengut einigen Gefallen findet und der darüber so wenig weiß, daß der Schriftleiter ihn mehrfach korrigieren muß. Ob diese Korrekturen nicht besser so erfolgt wären, daß der irrende Autor die Irrtümer im Text verbessert hätte, statt daß, wie auf Seite 201 und anderswo, die Redaktion anmerken muß, daß sich der Autor da offenbar irrt, weil er z.B. von der 1000-Mark-Sperre halt nichts weiß. Im Text wird von einer Volksabstimmung im Frühjahr 1938 gesprochen, der Bildtext von Hye auf Seite 215 stellt richtig, daß es sich da nur um eine sogenannte Volksabstimmung gehandelt hat.

Die große Frage für den Verfasser und den Herausgeber eines solchen Werkes ist natürlich die, wie weit in die Gegenwart herein ich Zeitgeschichte betreibe. Einerseits muß man viel Verständnis dafür haben, daß mit 1938 Schluß gemacht wird - es leben noch viele Kinder von Tätern und Opfern aus dieser Zeit. Sie sind allesamt ehrsame Bürger der Gemeinde und es würde niemandem nützen, wenn heute in alten Wunden gewühlt würde. Durch diese sicher begründbare und menschlich begrüßenswerte Beschränkung fällt aber ein Ereignis ganz unter den Tisch, das inzwischen mehrfach dokumentiert ist - und das wieder mit unserer Familie zu tun hat: Im Frühjahr 1945 waren im Klausnerkeller ein paar Dutzend der wertvollsten Bilder des kunsthistorischen Museums aus Wien gelagert (Albrecht Dürers Kaiser Maximilian, P. Breughels Bethlehemitischer Kindermord, das Salzfaß von Benvenuto Cellini usw.) Die Rettung dieser Kunstschätze durch den Bürgermeister Josef Hofinger. ist nicht nur für unsere Familie eine denkwürdige Sache - in diesen Tagen wurde im Klausnerkeller Kunstgeschichte gemacht.

Unter jenen Bereichen, die bei der Erstellung des Buches ganz untergegangen sind, die, so weit ich das bisher gesehen habe, mit kaum einem Wort erwähnt sind, zählen auch die österreichischen Bundesforste. Sie sind in St. Johann ein bedeutender Grundbesitzer Zahlreiche Häuser, Bauern, Gastwirte, Gewerbetreibende, Kleinhäusler sind beim Ärar eingeforstet. Auch viele Almen beziehen Bau- und Brennholz aus dem umliegenden Staatswald. Vielleicht habe ich es überlesen - aber gerade einer Erwähnung hätte dieses an sich recht interessante Rechtsgebiet schon verdient, gerade wenn man bedenkt, wie sehr sonst oft ins Detail gegangen wird. Auch in diesem Kritikpunkt bin ich befangen - als Geschäftsführer jener Genossenschaft, die die Eingeforsteten zu betreuen hat. Sicher haben andere auch solche Briefe geschrieben, in denen neben der grundsätzlichen Anerkennung und neben dem Lob für das Werk kritische Anmerkungen stehen. Es wäre gut denkbar, daß aus allen Nachträgen, Ergänzungen und Verbesserungen ein dritter Band gemacht wird, womit dann alle zufrieden sein könnten. Bei allem Lob für den Großteil des bisher Vorgelegten - noch bin ich es nicht.

In Erwartung des Bandes 3 grüßt "inzwischen" freundlich

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