Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum Dezember 1998
Kategorisierung ORF; Medien; 1998

Belanglos

Ab dem nächsten Jahr wird es im ORF weder im Fernsehen noch im Hörfunk Belangsendungen geben. Das kam so: Eine Gruppe, die bisher nicht unter denen war, die ihre Belange unzensuriert im staatlichen Rundfunk verbreiten durften, ging zum Höchstgericht. Das gab den bisher zu kurz gekommenen recht: Die Aufteilung der Sendetermine unter relativ wenigen Privilegierten sei gegen den Gleichheitsgrundsatz. Daraufhin nahm man nicht etwa diese in den Kreis der schon bisher Berechtigten auf - sondern man schaffte die Belangsendungen insgesamt ab. Der Protest der Alteingesessenen hielt sich in Grenzen. Das alles kostete den ärmeren unter ihnen zu viel Geld. Die reichen wissen andere, unauffällige Wege, ihre Anliegen im Volk zu verbreiten. Sie kaufen Zeitungsseiten und Sendezeiten, und sie deklarieren das, entgegen den gesetzlichen Bestimmungen, oft nicht als entgeltliche Einschaltungen.

Wenigen Radiohörern oder Fernsehern werden die Belangsendungen abgehen. Der Verfasser dieses Nachrufes gesteht, daß er in seiner Wehklage befangen ist, hat er doch in den letzten 33 Jahren an die tausend Belangsendungen für den Hörfunk geschrieben und gesprochen. Ohne lange einen Redakteur für ein bäuerliches Anliegen oder für ein Problem des ländlichen Raumes gewinnen zu müssen, konnten wir da in drei Minuten sagen, was wir dazu dachten. Drei Minuten, das ist etwa die Zeit, die man braucht, um einen mittelgroßen Leitartikel einer Zeitung zu verlesen.

Das alles ist ab 1999 Geschichte. Es ist um die Belangsendungen viel mehr schad als um die Stempelmarken, auch wenn beides österreichische Besonderheiten sind. Sie waren ein zu Bild oder Ton gewordener Ausdruck der österreichischen Form der Sozialpartnerschaft: Wer aufgrund gesetzlichen Auftrages eine Gruppe vertritt, kann an Verhandlungstischen - und konnte vor Mikrophonen - Platz nehmen. Er muß nicht im Regen stehen. Oder den Hausmeister bestechen, um eingelassen zu werden.


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