Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum November 1997
Kategorisierung Reinhold Stecher; Alois Kothgasser;;Kirchliches;1997

Beklemmung

Wie das Problem zu lösen ist, steht, wie fast alles, schon in der Bibel: Als die Jünger darum feilschten, wer in der ewigen Seligkeit rechts und links von ihrem Meister sitzen würde, da wusch ihnen dieser die Köpfe. Wer der erste sein will, muß in erster Linie der Diener aller sein. "Servus servorum Dei", Diener der Diener Gottes, ist einer der Titel des Bischofs von Rom. Keiner soll sich Vater nennen lassen. Wenn man 400 Sitzplätze zu vergeben hat und 4.000 Leute meinen, sie hätten Anrecht auf einen, weil sie doch jahraus, jahrein die Last der Arbeit im Weinberg des Herrn oder seiner Kirche tragen - was macht man dann? Man gibt 400 Eintrittskarten aus und hat 3.600 Leute beleidigt. Der Gedanke an das frierende Volk vor der Kirche, vom neuen Bischof angesprochen, ließ jene, die eine Karte ergattert hatten, die relative Wärme im Dom nicht mehr so recht genießen. Die Lösung? - Sie bestünde darin, im Sommer ein Fest zu gestalten, zu dem wirklich alle Zugang haben. Jemand meinte, er habe in der geschlossenen Gesellschaft im Dom auch Männer gesehen, die dort viel weniger zu suchen gehabt hätten als diese(r) und jene(r) von vor dem Dom. Übrigens - Männer: Es wurde sehr schön gesungen und vorgelesen von jeweils einer Frau. Das war es aber dann schon. Sonst war im Altarraum von Frauen nichts zu sehen, abgesehen von der Lukas-Cranach-Madonna. "Er lasse uns wie Brüder sein", wurde von Männern und Frauen gedankenlos gesungen. Wie bei Schiller oder Beethoven, wo alle Menschen Brüder werden sollten. Geht das? Wer da etwa singt, daß alle Geschwister sein sollten, wird als tumber Emanzenknecht böse angeschaut. Die Bischöfe, die im Dom zu Wort kamen, sagten alle mit großer Selbstverständlichkeit "Schwestern und Brüder". Das sollte ja wirklich kein Thema mehr sein. Beim Empfang im Stadtsaal konnten es sich Bürgermeister und Landeshauptmann nicht verkneifen, das Thema der quer durch Tirol verlaufenden Diözesangrenze anzusprechen. Zwischenrufe von den anwesenden "Salzburgern". Der Innsbrucker Bischof ist nicht der Landesbischof für ganz Tirol. Wer diese Grenze, die eine der ältesten im Alpenraum ist - Diözesangrenze seit dem 8. Jahrhundert, Provinzgrenze schon Jahrhunderte vorher - verändern will, wird gut tun, darüber das Volk zu befragen. Und nicht ausgerechnet, wie geschehen, die Bürgermeister. Gebärden sagen viel mehr als Worte: Bischof Stecher strahlte über das ganze Gesicht - weil er den Nachfolger bekommen hat, dem er sein Amt gerne übergibt. Der durchschnittliche Österreicher ist in Stechers Alter schon zwanzig Jahre lang in Pension. Nun kann er singen, malen, schreiben, bergsteigen, beten, wann ihm danach ist, ohne den täglichen Zwang des Terminkalenders. Und auch die vielen Sorgen eines Bischofs hat nun ein anderer zu tragen. Bischof Alois Kothgasser ist alles Gute zu wünschen.

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