Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche

Aus dem Tagebuch eines Bergbauern

Autor Johann Holzknecht
Medium Tourismuszeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ? 1991
Kategorisierung Wald; Johann Holzknecht;1991
Anmerkung des Herausgebers Kommentiert in Erlogener Bauer wirbt, siehe auch Beim Wort genommen

Viel wird geredet von der Zweckgemeinschaft Tourismus und Landwirtschaft. Nicht immer ist das Wissen um die Sorgen und Nöte des "Partners" in dieser Gemeinschaft vorhanden. Im folgenden sehr persönlich gehaltenen Bericht wollen wir die Probleme eines der 18.000 Tiroler Bergbauern aus seiner Sicht schildern lassen.


Alle im Haus freuen sich, daß der Fernseher hin ist. Endlich können wir wieder ungestört miteinander reden. Ich kann die alte Übung, daß ich ins Tagebuch schreibe, wieder aufnehmen. Es hätte uns ja niemand daran gehindert, den Kasten nach der "Zeit im Bild" jeweils abzudrehen und miteinander zu reden. Aber irgendjemand war immer in der Stube, der gerade noch was schauen wollte. Die Kinder und die Fremden sind da die ärgsten...

Heute hat die Flocke Zwillinge geboren. Wir haben in diesem Winter fast nur Kuhkälber gehabt. Wir werden sie, bis auf das eine, das gar nichts verspricht, alle aufziehen. Ob wir für die Stierkälber, die wir nur mit Vollmilch mästen, den guten Preis bekommen werden, den sie in der Bauernzeitung für Vollmilchkälber versprochen haben? Die Metzger wissen davon meistens nicht viel, vor allem außer der Saison. Dafür lassen sie sich Meistermetzger nennen.

Heute war ich mit dem Markus im Wald. Der Holzpreis hat sich so weit erholt, daß wir damit rechnen können, so viel Geld zu erlösen, wie wir für den neuen Transporter brauchen. Beinahe hätten wir mit dem letzten Baum, den wir umgeschnitten haben, einen einsamen Tourengeher erschlagen. Er hat sich uns ganz heimlich genähert. Bei dem Lärm, den die Motorsäge macht, wäre er nicht zu hören gewesen. Nicht auszudenken, was da hätte passieren können...

Der Älteste hat aus Graz geschrieben. Er studiert nun schon das sechste Jahr Technische Chemie. Er sagt, daß man unter neun, zehn Jahren mit diesem Studium nicht fertig werden kann. Er kostet uns seit der Matura keinen Schilling mehr. Weil er so weit vom Wohnort der Eltern entfernt studiert und unser Einkommen eher gering ist und weil wir noch einige andere Kinder haben, bekommt er das höchste Stipendium. Die Reisen in die weite Welt bezahlt er mit dem, was er im Sommer verdient.

Gestern bin ich, über meinen eigenen Grund und Boden - wie jeden Tag -zum Futterstadel gegangen.

Es war schon die beginnende Dämmerung, trotzdem fuhren noch einige Skifahrer über unser Feld. Sicher, ich bekomme dafür eine ganz angemessene und angenehme Entschädigung; aber wie mich der junge Deutsche gestern beschimpft hat, weil ich quer über die Skipiste gegangen bin. Und das auf meinem eigenen Feld! Mein Vater, wenn ihm das passiert wäre, der hätte noch in dieser Nacht auf die ganze Abfahrt Mist ausgefahren.

Morgen muß ich mit meiner Frau in die Stadt fahren. Sie hat, nach vielen Wochen, endlich einen Termin beim Frauenarzt bekommen. Was ihr wirklich fehlt, das weiß sie auch nicht genau. Letztlich ist es die viele Arbeit, nicht nur vor und nach den Geburten, die ihren Leib Jahre früher alt werden lassen hat. Wenn ich mir im Dorf unten manche gleich alte Frau anschaue -denen ist auch nicht alles geschenkt worden. Aber das viele Heben von Lasten aller Art macht einfach alt. Und daß die Arbeit nie aufhört.

Im Vorjahr sind wir erstmals, seit wir verheiratet sind, gemeinsam länger auf Urlaub gefahren. Das ganze nannte sich Erholung für Ehepaare, wurde von den Kassen unterstützt. Es hat uns das sehr gut getan. Meine Frau konnte seit Jahrzehnten das erste Mal zu einem gedeckten Tisch gehen, wie sonst nur am Muttertag. Wir hatten nach langen Jahren wieder einmal Zeit nur für uns zwei. Wer meint, daß sich Leute, die am selben Hof arbeiten, täglich aussprechen könnten, irrt gewaltig. Für uns war das ganz was Neues.

Den Hof wird, so schaut es aus, der Jüngste übernehmen. Er war schon als Kind mehr als alle seine Geschwister am Vieh interessiert. In Rotholz war er ein guter Schüler. Sie haben viel gelernt dort, sogar mit dem Computer haben sie umgehen gelernt. Aber wenn er zu scharf rechnet, ist das auch nicht nur gut. Wenn er draufkommt, wie wenig sein Stundenlohn sein wird, wenn er das Jahreseinkommen eines Bauern durch die Arbeitsstunden teilt, - wer weiß, ob er dann nicht Briefträger oder Busfahrer werden will. Ob er so eine gute Bäuerin finden wird wie ich?

In einem unserer vier Fremdenbetten schläft derzeit ein Holländer, der in Brüssel tätig ist. Ein netter Mensch, und sehr direkt und ehrlich, wie die da oben offenbar alle sind. Wir haben unlängst wieder mit ihm darüber gesprochen, was uns Bergbauern die EG bringen wird. Bisher hat er meistens so herumgeredet, aber zuletzt nach ein paar Stamperl von unserem Selbergebrannten, da hat er erstmals ausgepackt. Und es war nicht erfreulich, was er uns sagte: In der EG sind unsere Obergrenzen, wie sie sogar in den Gesetzen genannt sind, die Untergrenzen! Wissen das unsere Vertreter?

Manchmal fragen uns die Gäste, die in unserem Haus, und solche, die am Feld vorbei gehen, ob wir überhaupt wüßten, in welch schönem Land wir wohnen. Ich hab' dafür früher auch kein solches Auge gehabt. Aber je älter ich werde, und ein paar Mal bin ich in den letzten Jahren mit Lehrfahrten auch ins Ausland gekommen, umso mehr wird mir bewußt, wie wahnsinnig schön unser Land trotz allem, trotz aller Autobahnen und Zersiedelung, immer noch ist. Die Gäste sagen das mit dem laut ausgesprochenen oder gedachten Nebensatz, daß bei so viel Schönheit der Gegend das Einkommen ruhig ein wenig geringer sein kann. Sag das dem Kassier in der Kasse, die die Raten für den Schlepper gezahlt haben will!

Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen