Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Am grünen Inn?

Autor Johann Holzknecht
Medium nicht gedruckt
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Erscheinungsdatum nicht erschienen 1967
Kategorisierung Verkehr; Stadtplanung; Johann Holzknecht;1967
Anmerkung des Autors als "zu scharf" nicht genommen

Auf einem Chirurgenkongress steht Dr. B. auf und spricht: "Im Fall des Patienten Alois M. schlage ich vor, die Hände an die Stelle der Füße zu verpflanzen und umgekehrt. Weil es aber sehr unpraktisch ist, auf den Händen zu gehen und mit den Füßen zu essen, schlage ich vor, auch den Kopf und die Genitalien ihren Platz tauschen zu lassen. Ich weiß, daß ich mich damit auf platonisches Glatteis begebe ..." Spätestens hier brechen alle Kongreßteilnehmer in ein wahrhaft homerisches Gelächter aus. Chirurgen haben meistens eine humanistische Bildung mit auf ihren Lebensweg bekommen. Sie wissen sehr genau, daß es den Begriff "Platonisches Glatteis" nicht gibt. Anders bei den Raumplanern und Städtebauern. Die haben meistens eine Realschule oder gar eine Gewerbeschule besucht. Ihnen ist der Begriff des "Homerischen Gelächters" daher genau so fremd wie der des "Platonischen Glatteises". Auf deren Ordentlichen Generalversammlung im April (!) dieses Jahres konnte daher der Stadtbaudirektor von Innsbruck fröhlich kundtun:

"Der Inn teilt die Stadt ihrer ganzen Länge nach nicht nur in zwei Hälften -auf die aus dieser Tatsache resultierenden besonderen Verkehrsprobleme brauche ich vor ihrem Forum wohl nicht besonders eingehen - sondern durchzieht sie außerdem mit einem weit nach Norden ausholenden Mäanderbogen. Ich weiß, daß ich mich mit dem folgenden Satz auf "platonisches Glatteis" begebe. Aber trotzdem - könnten wir ihn strecken, also diesen Bogen ausschalten, würden wir ca. 180.000 qm wertvollstes Bauland im Zentrum der Stadt, oder mit anderen Worten, die Fläche für ca. 8-10 Schulen einschließlich ihrer notwendigen Freiluftanlagen gewinnen. Hier hat also der Inn - fast wäre man geneigt, es so zu formulieren - der Entwicklung der Stadt, die seinen Namen trägt, einen bösen Streich gespielt".

Der unbefangene Leser ist eher geneigt anzunehmen, oder gar bereit, zu formulieren! "Hier haben dem Herrn Stadtbaudirektor seine Gedanken einen bösen Streich gespielt, respektive sie sind ihm - wie weiland der Schnecke von Morgenstern - durchgegangen. Man stelle sich die ganze Ungeheuerlichkeit des in einer öffentlichen Versammlung vor Fachleuten aus dem In- und Ausland gesagten einmal vor. (Die Fachleute aus dem In- und Ausland konnten sich das viel weniger ausmalen als die Leser dieser Zeitschrift! Sie besitzen die nötige Ortskenntnis und verfügen über genügend Zeit, sodaß Sie sich die "Innverlegung" plastisch ausmalen können, während die Regional- und Städteplaner aus aller Welt nur beifällig die Köpfe schüttelten ob des Gedankens Höhenflug).

Der Inn wird gestreckt! Das heißt, ihm etwa ab der Kirche Maria am Gestade ein neues Bett geben, das quer durch das dichtverbaute Wilten führt, auf halbem Weg würde sich in einem mehrere Meter hohen Wasserfall die Sill in den Inn stürzen. Vorbei beim Tollinger über freies Feld, südlich des Eisstadions, mitten durch das Dorf Amras (vielleicht wie in Wilten kanalisiert?) und weiter bis in die Rossau. Und was gewinnt man dafür? Doch wohl nicht den vom Stadtbaudirektor offensichtlich benötigten Baugrund für 8-10 Schulen! Vielmehr ein ausgetrocknetes Flußbett in das sich viele kleine Bäche und die Kanalisation ganzer Stadtteile ergießen. Zum Millionenprojekt Innverlegung käme also noch ein Millionenprojekts Kanalisierung aller linksufrigen Innzuflüsse vom Gießen bis zum Mühlauer Bach. Und was gewinnt man dafür? Den benötigten Baugrund?

Vielmehr würde - es ist sinnlos, diesen Gedanken weiter zu spinnen. Man verweile besser beim Bild des ausgetrockneten Inn, der von dieser Kalklandschaft umgebenen Altstadt, man stelle sich den Blick auf Mariahilf oder St. Nikolaus ohne den grünen Inn im Vordergrund dar Der Quadratmeter Baugrund im alten Innbett käme auf mehrere tausend Schilling zu stehen - würde man es nicht ohnedies vorziehen, die Eisenbahn und eine Schnellstraße durch den alten Inn zu leiten ... Innsbrucks Städteplaner sind recht unbekümmerte Zeitgenossen. Als es darum ging, den Jurymitgliedern beim Kongreßhausbau zu zeigen, wo das Kongreßhaus einmal hinkommen werde, fuhr man mit diesen Experten einfach auf die Hungerburg - und hat sich gar nicht davor gefürchtet, daß die weitgereisten Experten da oben die Hände vor das Gesicht schlügen, angesichts der städtebaulichen Greuel, die unter ihnen liegen. Ein Teilnehmer an dieser Hungerburgexkursion hat vermutlich schon mehr gesehen als alle anderen: Für ihn durchschnitt der Inn bereits Wiltener Gebiet, während sich vor seinem geistigen (!) Auge im alten Flußbeet schon 10 Schulen befanden. Vom Innsteg warfen besorgte Saggener Mütter ihren Sprößlingen die Jause in den Schulhof, während von der Höttinger Brücke Liebesbriefe in Flugzeugform in eine dort angesiedelte Mädchenschule hinuntersegelten. Hatten sie dort Turnunterricht im Freien, dann waren die Ringe des ehemaligen Siegmundufers dicht besetzt. Man genoß von dort eine herrliche Aussicht.

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