Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum März 1981
Kategorisierung Trivia; 1981

Alpine Arbeitszeitverkürzung

So geht es vor einem normalen Wochenende, vom Mittwoch bis zum Vormittag des Freitag, in einem beliebigen alpenländischen Büro zu ("man" fährt nicht mehr mit Skilifts, sondern macht am Samstag wie am Sonntag eine "Tour"): Es werden Geheimtips abgehandelt, wo es den besten Pulverschnee gibt, zu welcher Minute welcher Stunde der Südhang des X-Kopfes den besten Firnschnee hat, wie man, wenn man vom Sowiesograt auf die andere Seite abfährt, wieder zu den Autos zurückkommt, wo noch am wenigsten Münchner und doch ein paar Einheimische gehen, was man gegen schlecht klebende Felle tun kann. Und so fort. Die ersten Bürostunden am Montag dienen einem tiefschürfenden Gedankenaustausch: Man erzählt sich, wo man war, wie der Pulverschnee staubte, ob man Firnschnee angetroffen hat ("wie wenn man mit dem Messer auf einem Butterklotz zeichnet"), wie wenig zerfahren die Geheimabfahrt war, und vor allem, daß man beim Aufstieg die am Freitag als Untergrenze angegebene Aufstiegszeit doch glatt um noch eine halbe Stunde unterboten hat. Und man nimmt sich vor, am - noch so weit entfernten - nächsten Wochenende die als am besten geschilderte Tour des letzten Wochenendes zu gehen. Hoffentlich hält das Wetter. Meist erkennt man das Wochenende ja daran, daß es eintrübt, zumacht, daß es Niederschläge gibt, unter 1200 m als Regen fallend ... In der Zürcher "Weltwoche" stand vor Jahren zu lesen, der normale Innsbrucker gehe ab Mitte November nur noch mit den Skischuhen ins Büro, die Skier am Autodach - weil es könnte ja doch am Vormittag plötzlich zu schneien beginnen, und dann hätte man, welch schrecklicher Gedanke, keine Brettln mit, um sich mit ihrer Hilfe die Mittagspause auf der "Seegrube" sinnvoll zu vertreiben. Das ist alles längst vorbei. Heute sind die traditionellen Liftberge allenfalls den Ausländern gut genug. Die Zünftigen zieht es jedes Wochenende (und an unter der Woche ruck-zuck frei genommenen Tagen) in jene Gräben, in denen es noch keine "mechanischen Aufstiegshilfen" gibt. Mit selbstklebenden Fellen, also recht unmechanischen Aufstiegshilfen, geht es ein paar hundert bis über tausend Höhenmeter bergauf. Schwitzend und schnaufend. Am Montag kann man im Büro stundenlang mit seiner Tour angeben. Man braucht von Schweiß und Schnauf ja nichts zu berichten; auch daß man ein paar hundert Meter unterhalb des Gipfels umgekehrt ist, geht niemand etwas an. Die Abfahrt war "traum"; nein, der Bruchharsch bereitete keine Schwierigkeiten. Mit der fünfmaligen zügigen Bewältigung einer liftnahen "Autobahn" kann man am Montag niemandem imponieren. Mit der Schilderung der letzten Menschenschlangen am Schlepplift läßt sich die Arbeitszeit, der Beginn der Arbeitswoche, nie so erfolgreich hinauszögern. Ach, wenn's doch schon wieder Samstag wäre ...


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