Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Scheibenwischer
Erscheinungsdatum Juli 1980
Kategorisierung Schulpolitik; 1980

Alles nachrechnen, bitte!

Schon mehrfach hat sich der "Scheibenwischer" die Mühe gemacht, durch den Gebrauch des kleinen Einmaleins politische Argumentationen zu erschüttern. Die Politiker rechnen sehr oft damit, daß die meisten Leute nicht rechnen können.

Durch die Ausstattung aller Menschen schon im Pflichtschulalter mit Rechenmaschinen wird die Fähigkeit, einfache Zahlen zusammenzuzählen oder voneinander abzuziehen, auf ein Minimum - auf die Zahlen unter zehn - reduziert. Multiplizieren (das ist, wenn beim Computer ein x steht) und dividieren (da steht ein Doppelpunkt), kann fast niemand mehr im Kopf. Sagt dann ein Politiker in "Zeit im Bild" ein paar Zahlen, dann muß man sie ihm einfach glauben, weil man im Finstern nicht gut rechnen kann, zumal der Computer entweder schon in der Schultasche für morgen ist, oder im Hausarbeitsraum (zur Berechnung des Abnehmens der Maschen beim Stricken) oder im Auto (36 Liter auf 430 km gibt wieviel Liter auf 100 km?).

Als vor kurzem gefordert wurde, die Kinderbeihilfe für ältere Kinder anzuheben, weil die einfach mehr kosten als Säuglinge, da wurde ungerührt entgegnet, für die großen Kinder gebe es dafür die freien Schulbücher. Im Prinzip nichts gegen das freie Schulbuch, höchstens Kritik an Details bei der Durchführung dieser Aktion. Aber daß niemand bei der Aufrechnung der freien Schulbücher gegen die höheren Lebenskosten von Heranwachsenden laut aufgeschrien hat, belegt die These von der "Anarithmetisierung" der Bevölkerung.

Das sogenannte freie Schulbuch ist in Wahrheit gar nicht frei: In den ersten Volksschulklassen dürfen dafür nur S 390.- ausgegeben werden, nur in besonders komplizierten technischgewerblichen Schultypen steigt die Obergrenze auf über S 1000.- pro Schuljahr. Wenn der Wunsch, besser gesagt: Die berechtigte Forderung nach monatlich um S 500.- höhere Kinderbeihilfen für ältere Kinder, also nach S 6000.- im Jahr mit dem Hinweis auf - durchschnittlich - S 600.-im Jahr für die Schulbücher vom Tisch gefegt werden kann, dann ist dies ein weiterer Beleg für die Behauptung: Ein Großteil der Bevölkerung kann mit Zahlen über zehn nichts anfangen. Die Forderung nach einer bestimmten Summe ist mit dem Hinweis auf ein Geschenk, das recht genau zehn Prozent der Forderung ausmacht, verstummt. Oder haben Sie nach dieser "Rechnung" jemanden "halt!" rufen gehört? Es sei hiermit nachgeholt.

Die Schulbücher machen im Schnitt also nur fünf Prozent der derzeitigen Kinderbeihilfe aus, die für große Kinder um mindestens 50 Prozent zu niedrig ist (rechnen Sie sofort nach, ob das stimmt; tun Sie das bei allen Zahlen in Politikerreden und in Zeitungsartikeln, Sie werden staunen, wie oft Sie auf Fehler stoßen!). Was die lieben Kleinen in diesen Wochen sonst noch kosten: Alles andere, was neben den Schulbüchern die - neue -Schultasche füllen muß ("Die Erziehungsberechtigten haben die Schüler mit den nötigen ...."), vom Lineal bis zum Computer (!) von den Heften bis zu den Farbstiften und Füllfedern, müssen die Eltern bezahlen. Die Turnschuhe sind durchgewetzt; der Anzug wurde zu klein. Eines braucht einen neuen Schreibtisch.

Es muß neben den hohen Kosten und dem Spott der Frau Staatssekretär noch etwas anderes sein, warum sich trotzdem immer noch Ehepaare die Plage antun, heutzutage Kinder aufzuziehen. Vielleicht fällt Ihnen ein, was gemeint ist, wenn Sie Ihr Ältester gelegentlich im Schach gewinnen läßt, wenn der Zweitgeborene mit Ihnen im Duett singt und wenn die Jüngste sich mit strahlenden Augen dafür bedankt, daß Sie ihr so lange vorgelesen haben.

Der Verfasser dieser Zeilen soll überhaupt nicht klagen: Er bekommt für diesen Artikel so viel, daß er zum Schulanfang einem seiner Kinder neue Schuhe kaufen kann ...


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