Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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Aktion Nummerntafel

Autor Winfried Hofinger
Medium präsent
Texttyp Kommentar, Meine Meinung
Erscheinungsdatum 1988?
Kategorisierung Verkehr; Entwicklungshilfe; 1988
Dipl.-Ing. Winfried Hofinger ist Leiter der Abt Forst- und Jagdwesen der LLw -Kammer Tirol und Vorsitzender des Landesnaturschutzbeirates Tirol

Meine Meinung

Wer sich in den nächsten Jahren ein neues Auto kauft, kann sich hinter dem Länder- oder Bezirkskennzeichen ein paar Buchstaben selber aussuchen - wenn er bereit ist, dafür über S 2000,- auf den Tisch zu legen. Wenn man sieht, wieviel die Leute - unter dem Tisch - für sogenannte schöne Nummern ausgeben, für solche mit wenig Stellen oder mit auffälligen Zahlen, dann darf man vermuten, daß eine große Zahl an Österreichern bereit sein wird, für „SUSI 6" oder „BUBI 4" so viel zu bezahlen. Eine eigene Kommission achtet darauf, daß ja keine offenen oder versteckten Schweinereien von österreichischen Nummerntafeln lachen. Manche Länder haben schon zu verstehen gegeben, sie seien dabei sicher überfordert.

ZWEITER TATBESTAND: Es gibt in Europa kein Land, das so wenig für die Entwicklungshilfe tut, wie unseres. Die Kirchen geben materiell und finanziell sehr viel. Der Staat denkt sich offenbar, daß er sich seine Schäbigkeit (anders kann man das angesichts des Reichtumes unseres Landes nicht nennen) leisten kann, weil die Kirchen ja ohnedies so viel hergeben. Und außerdem, so vermuten viele, sei manches von dem, was sich Entwicklungshilfe nennt, ohnedies nur versteckter Kolonialismus - eine Vermutung, die nicht ganz falsch ist, wenn man Erzählungen von Einheimischen glaubt, die etwa von geschenkten Traktoren mehr als fünf Farbschichten heruntergekratzt haben. Ich nenn das Geberland nicht, weil wir ohnedies austauschbar sind, wir reichen Prasser, die wir nicht einmal die Brosamen von unseren Tischen herschenken. Nun bitte ich die Leser von präsent, mit mir die beiden Tatbestände - die Einführung kaufbarer Nummern, die beschämend niedrige österreichische Entwicklungshilfe - sinnvoll zu verbinden. Jawohl, ich habe folgendes ausgedacht: Wir machen eine Aktion, daß die für die Nummerntafeln nach eigenem Geschmack aufzubringenden Gelder in die Entwicklungshilfe umgeleitet werden. Um jene S 2000,-, die eine „schöne" Nummerntafel kosten wird, soll es bei einer anerkannten Entwicklungshilfeorganisation ein Pickerl zu kaufen geben, auf dem der edle Zweck draufsteht. Also etwa: „Brunnen- statt Nasenbohren" oder „Helfen ist schön - Nummernkaufen ist doof" oder, nein, es werden anderen schönere Sprüche einfallen.

NATÜRLICH BRAUCHT die Idee mehr Verbreitung als nur unter den Lesern von präsent Ich stelle sie daher ab sofort gratis zur Verfügung. In Frage kommen alle, die ernsthaft für die Dritte oder Vierte Welt tätig sind. Vor allem hätte ich an die Caritas gedacht und zuletzt an staatliche Einrichtungen. Jeder (Jugend-) Politiker darf damit hausieren gehen und öffentlich sagen: Statt Nummern zu kaufen, geben wir S 2000,- denen, die Hungernden helfen. Für die Politiker und andere sehr wichtige Leute gäbe es noch einen Sondervorschlag: Die dürfen sich ein Pickerl der vorgeschlagenen Art und eine schöne Autonummer kaufen. Man kann ihnen wirklich nicht zumuten, daß sie etwa mit S-BSF 23 oder mit N-DTZ 35 herumfahren, ganz gewöhnlich, so wie jene, die sich keine Sondernummer kaufen können - oder wie jene, die S 2000- gespendet haben, statt zu kaufen. Gemessen am österreichischen Durchschnittseinkommen sind natürlich auch die S 2000,- nicht mehr als Brosamen vom Tisch der Reichen.

Die in dieser Sparte veröffentlichten Kommentare geben die persönliche Meinung des Autors wieder.


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