Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

Wechseln zu: Navigation, Suche

Aberglaube

Autor Winfried Hofinger
Medium Brief
Texttyp Leserbrief
Erscheinungsdatum 1996
Kategorisierung Aberglaube; Esoterik; nicht gedruckt; 1996
Anmerkung des Herausgebers Beantwortet vom Angespochenen per Brief

Die von mir so sehr geschätzte Zeitschrift "Der fortschrittliche Landwirt" hat in ihrer Nummer 3 vom 1. Februar 1996 drei Seiten dem Rückschritt geschenkt. Die Ausführungen von Dr. Gottfried Briemle über den richtigen Zeitpunkt im Umgang mit der Natur sind in ihrer vollen Länge für einen denkenden Menschen eine einzige Zumutung.

Wann immer man mit Anhängern dieser Lehren über ihren Glauben spricht, und kritisch fragt, wo denn für alles das Beweise lägen, dann wird einem die Fragestellung selbst schon übelgenommen: Die "Alten", wer immer das ist, die hätten schon gewußt; wer nach Beweisen frage, sei ein ganz altmodischer Rationalist. Der Fehler sei schon gemacht, wenn man nach Beweisen frage ... Nun bin ich natürlich auch überzeugt, daß es vieles gibt, das sich dem Messen und Wägen entzieht. Ehrlich wäre es, dies zu bekennen. Aber die Anhänger all dieser obskuren Lehren sagen ja ganz etwas anderes: Wir wissen, "daß sich Vorgänge im Makrokosmos, also im Weltall, auch immer auf unserer Erde (Mikrokosmos) widerspiegeln, um dann im täglichen Leben Gesetzmäßigkeit zu erlangen". Dieser ganz und gar unbewiesene Satz wird sogar "Gesetz" genannt! Es gibt keinen Beweis dafür, daß sich irgendetwas auf unserer Erde davon beeinflussen lasse, in welcher Relation irgendwelche - in Wahrheit ja nur eingebildeten - Sternbilder zum Mond stehen.

Wer an die Sternbilder glaubt, müßte also ehrlicherweise sagen: Ich glaube, daß es Sternbilder gibt und daß das, was wir so nennen, das Leben auf der Erde beeinflußt - aber beweisen kann ich das nicht. Wenn mir irgendjemand beweist, warum es am Vormittag des 18. Juni besser sein soll als an anderen Terminen, Unkraut mechanisch zu bekämpfen, dann bin ich dabei. Wenn er das nur so sagt, weil das angeblich "die Alten" auch immer schon gewußt hätten, oder weil da der Mond mit dem Krokodil in Korrelation steht und der Jupiter ist nicht weit, dann ist das für mich reine Volksverdummung. Mit denen, die an all das glauben, zu reden ist ganz sinnlos. Wogegen man sich wehren muß, ist dies: Daß sie ihren Aberglauben als bewiesene, erprobte, erfahrene Sache hinstellen.

Wenn in einer Kammerzeitung steht, daß für die Ernte von Brennholz der 21. bis 24. Jänner viel besser sind als etwa der 20 oder 25. Jänner, dann ist das purer Unsinn. Warum diese Tollereien so fröhliche Urständ feiern? Warum ein so abgrundtief dummes Buch wie jenes vom richtigen Zeitpunkt seit vielen Jahren das am meiste verkaufte "Sachbuch" Österreichs ist? Das sind Fragen, die sich Volksbildner, Berater, ja sogar Politiker stellen müßten: Warum fliehen so viele Menschen aus unserer vom Verstand geprägten Welt? - Weil sie dort mit ihrer etwas einfachen Bildung nicht mehr mitkommen. Weil die ganze Verstandeswelt in sehr vielem abgewirtschaftet hat. Weil dort die Werte des Gefühls eindeutig zu kurz kommen: Weil es sehr kalt ist, wo nur das Nützlichkeitsdenken vorherrscht.

Es gibt ärgere Sorgen als die, daß sich Menschen des 20. Jahrhunderts beim Nägel- oder Haarschneiden nach Mond und Sternen richten. Aber man soll das als Rückschritt in den Aberglauben aufzeigen dürfen, ohne gleich als kalter Rationalist verurteilt zu werden.


Persönliche Werkzeuge
Buch erstellen