Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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475 Jahre Bauernaufstand 1525

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum 23. Februar 1999
Kategorisierung Michael Gaismair; Historisches; 1999

... Damit kein Unterschied der Menschen entstehe


Der persönliche Zugang zum Thema:

Es war im Winter 1975. Im Festsaal der Arbeiterkammer in Innsbruck hielt der Journalist Winfried Werner Linde einen Vortrag zu den Ereignissen von 1525. Mit dem Historiker und damaligen Kurier-Redakteur Michael Forcher saß ich unter den Zuhörern. Wir waren uns rasch einig, daß es, bei allem Verdienst von Linde, dabei nicht bleiben dürfe. An einem Tag im Frühjahr standen unter dem Motto "Tirol verschweigt den Schöpfer seiner grandiosen Landesordnung" Huldigungsartikel über Gaismair im Tirol-Kurier, in der Tiroler Bauernzeitung - nie wieder habe ich seither dort die Seite 1 für mich gehabt - und in der Tiroler Tageszeitung. Christa Hauser war damals Kulturchefin der TT. Als Folge dieses geballten Medieneinsatzes nahm sich auch das Land des Themas an, vor allem seine Bildungsanstalt Grillhof. Hermann Weber, einen der konsequentesten Querdenker im Lande, ließ der geniale Mann nicht mehr los. Weber gab dem tschechischen Historiker Josef Macek, der als 1968er wußte, wie es eigenständigen Denkern in einer Diktatur geht, am Grillhof Heimat und Quartier. Von Macek stammen zwei Bücher zu unserem Thema. Das Land veranstaltete am Grillhof ein überaus bemerkenswertes Symposion zum Bauernaufstand und seinem brillantesten Kopf. Tiroler Sozialisten gründeten eine nach dem offenen Bekenner Gaismair genannte Tarnorganisation. Es wurde schick, sich mit Gaismair zu befassen und überhaupt zu wissen, wer er war.

Wer war er wirklich?

Es gibt von Gaismair kein Bild. Wohl aber einen Steckbrief aus der Zeit um 1525. Darin steht, daß er "ein langer aufgeschossner, heger, dunner man" sei, mit einem dunklen braunen Bart, mit einem schönen kleinen Gesicht, einen beschornen Kopf und "in seinem gang etwas mit dem kopf niderträchtig oder pugglet". Er wird um 1490 in Tschöfs bei Sterzing geboren worden sein. Der Vater war ein gutgestellter Grundbesitzer und Unternehmer. Aus seinen schriftlichen Werken kann man entnehmen, daß Michael Gaismair eine Ausbildung weit über dem damaligen Durchschnitt empfangen hat. Er war Sekretär beim Landeshauptmann und anschließend beim Fürstbischof von Brixen, der in jenen Zeiten (ähnlich wie seine Kollegen in Trient oder Salzburg) in Brixen und Umgebung auch Landesherr war.

Der Aufstand bricht los

Am 10. Mai 1525 hätte in Milland bei Brixen der Bauer Peter Passler enthauptet werden sollen. Sein Verbrechen bestand darin, daß er dem Fürstbischof die Fehde angesagt hatte. Nicht nur, daß diese freimütige Ansage, der Wunsch nach einer öffentlichen Abhandlung einer Meinungsverschiedenheit, ignoriert wurde - sie sollte als rebellischer Akt mit dem Tode bestraft werden. Gaismair war bei der Verhandlung und bei der Urteilsverkündigung anwesend. Er stand damals noch auf der anderen Seite. Um die Enthauptung Passlers zu verhindern, versammelten sich die Bauern aus der Umgebung am Henkersplatz, und dann schlugen sie los. Als Passler befreit war, gab es kein Halten mehr. Das Kloster Neustift, dem zahlreiche Bauern im Herrschaftsbereich von Brixen zinspflichtig waren, wurde gestürmt. Als der Verwalter vor aller Augen das Buch mit ihren Lasten mit dem Messer bearbeitete und in den Abtritt warf, schien ihnen das ausreichend, und sie taten sich an den Schätzen des Weinkellers, der schon damals bemerkenswert war, gütlich. Der Katalog mit den Lasten ist ebenso erhalten wie das Tor der bischöflichen Burg mit den zahlreichen Einstichen von Bauernwaffen; daß man diese Tür in den vielen Jahren seither nicht wegrestauriert hat, zeugt von Einsicht und Geschichtsbewußtsein.

Der Brixener Aufstand steht in der Geschichte Mitteleuropas nicht isoliert da. Bauernaufstände gab es damals im ganzen süddeutschen Raum. Die Unzufriedenheit mit den weltlichen und den kirchlichen Zuständen war weit verbreitet. Sicher unter dem Einfluß der Reformation wurde noch mehr Leuten bewußt, wie sehr sich die Kirche vom Evangelium entfernt hatte. Am schlimmsten war es dort, wo die Bischöfe zugleich Landesherren waren. Dazu kam in Tirol, daß nach dem Tod Maximilians, der hier keineswegs so populär war, wie manchmal von Jägern behauptet wird, im ganzen Land Aufruhr in der Luft lag. Roboten wurden verweigert, das Wild wurde als frei bezeichnet und eigenmächtig auf einen mit der Landeskultur verträglichen Stand reduziert. Die neuen Herren, Maximilians spanische Enkel Karl und Ferdinand und deren Gefolge, die nicht einmal die Landessprachen beherrschten, waren zutiefst verhaßt. Aus dem ganzen Land gingen bei F.D. (Fürstlicher Durchlaucht) hunderte Beschwerden ein. Im Grunde ging es bei all diesen Beschwerden darum, daß die Feudalherren eigenmächtig und ersatzlos altes Herkommen und alte Rechte beseitigten. Ein paar Beispiele für viele: Die Gemeinde Kaltem rügt schon 1519 in 20 Artikeln unter anderem, daß der Pfleger weder lesen noch schreiben kann, "das doch am endt vast not wer, dieweil wir geschribne Statut und recht haben ...". Die Nachperschafft am Obernperg begehrt gegen Herrn Hans Trautson "das die buecher und urbar umb pesserer erleutrung willen gezaigt werden, wie man ob anderthalbhundert iarn geben hat." Die Leute von Larmos beklagen sich, daß sie dem Schloß Erenberg Wein liefern müßten, was man nicht mehr tun will, "sunder will ein Pleger trincken, fuer er den wein selbs auf." 1908 hat Hermann Wopfner diese Beschwerdeartikel herausgegeben. Besonders umfangreich sind die Meraner Artikel. Sie wurden auf einem von den beiden niedrigen Ständen - den Städten und den Gemeinden (also den Bauern) - ohne Bewilligung von oben beschickten Landtag 1525 verabschiedet. Nach den Unruhen in Brixen berief Ferdinand in Innsbruck einen Landtag ein, der auch von Adel und hohem Klerus beschickt wurde; allerdings wurde der Geistlichkeit der Zutritt von Bürgern und Bauern verwehrt. Erst 1526 wurden die Innsbrucker Beschlüsse, vielfach abgeschwächt, in etwa als Landesordnung veröffentlicht.

Ein gantz neue Landsordnung

Gaismair, der von den Bauern und Bürgern zum Feldhauptmann gewählte Herrscher über das Gebiet von Brixen, wurde vom Innsbrucker Hofrat nach Innsbruck geladen. Er tappte in die Falle - daß er eingesperrt würde, hat er nicht vorausgesehen; sonst wäre er wohl nicht gekommen. Nach einigen Wochen Kerkerhaft wurde er befreit, floh zunächst in seine engere Heimat und dann in die Schweiz, wo er in einem langen Winter an seiner "ganz neuen Landesordnung" arbeitete. Diese Landesordnung ist es, die ihn aus der Schar vieler Landsknechtführer und Rebellen so turmhoch herausragen läßt. Natürlich ist bei weitem nicht alles von ihm erdacht worden. Wer könnte schon so etwas zustandebringen? Ein komplettes Modell einer gerechten Gesellschaft, ohne sich auf Vorgedachtes zu berufen? Zunächst ist die Ehre Gottes in allem zu suchen. Was Gottes Wille ist, sollten der Regierung drei des Evangeliums kundige Berater sagen. Alle Unterschiede unter den Menschen haben aufgehoben zu werden, Burgen und Stadtmauern sind daher zu schleifen. Die Messe sollte abgeschafft werden - also letztlich die protestantische Reformation. Das Gerichtswesen sollte volksnäher gestaltet werden. Sitz der Regierung sollte Brixen werden, wo ohnedies nun viele kirchliche Gebäude funktionslos wären, und außerdem liegt es im Zentrum des Landes. In Brixen sollte auch die Landesuniversität ihren Sitz haben. Die grundherrlichen Abgaben sollten nur vorläufig erhalten bleiben, weil man ja, um diese freie Republik zu verteidigen, sicher Geld brauchen würde. Vom Zehent dürften sich die Pfarrer nur das Nötigste behalten, den Rest bekommen die Armen. Die Fürsorge für Arme und Alte sollen die ehemaligen Deutschordenshäuser übernehmen. Gleiches Maß und gleiches Gewicht, damit der "gemeine Mann" nicht dauernd betrogen wird. Ausführliche Hinweise zur Reform des Bergwesens, von dem Gaismair als Sohn eines Kleinunternehmers und da er seiner Jugend in Schwaz Bergschreiber war, viel verstand. Die Bergwerksunternehmer sollten ersatzlos enteignet werden - denn sie haben ihren Besitz verwirkt.

Wer als Rebell gilt

Der weitere Lebensweg von Michael Gaismair, bis er am 15. April 1532 in der Gegend von Padua ermordet wurde, ist nicht so wichtig. Er kann in guten Geschichtsbüchern nachgelesen werden. Zu hinterfragen ist, warum das ganze Land Tirol diese kraftvolle, auch schillernde und tragische Figur so beharrlich verschwiegen oder kleingemacht hat, während es über jeden Statisten von 1809 Bücher und Theaterstücke gibt? Weil er natürlich gegen das Haus Habsburg war - jenes Herrscherhaus, das ihm nach dem Leben trachtete und eine hohe Kopfprämie ausgeschrieben hatte (die Mörder erhielten ihren Lohn übrigens nicht, mit der Begründung, sie hätten gewinn- und eigensüchtig gehandelt ...) Weil er von den Protestanten und von den Nationalsozialisten und von den Kommunisten, angefangen von Friedrich Engels, als Großer gefeiert wurde. Weil er für die Reinheit des Evangeliums, die Gleichheit aller Menschen eintrat? In den letzten 25 Jahren ist die Aufnahme Gaismairs in den Kreis der größten Tiroler vollzogen worden. Als in Wilten eine Straße nach diesem radikalen Mann benannt wurde, da waren viele katholische Tiroler Christen entsetzt darüber, auch meine Großeltern und Großtanten. Wer sich mit Gaismair wirklich beschäftigt, könnte in ihm keinen lutherischen Bösewicht, sondern eher einen christlichen Propheten sehen. Aber der gilt ja nichts in seinem Vaterlande.

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