Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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150 Jahre Tiroler Forstverein

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernzeitung und im Internet: http://www.forstverein.it
Texttyp Rede in der Hofburg Innsbruck
Erscheinungsdatum 2004
Kategorisierung Forstverein; Agrargeschichte; 2004

150 Jahre Tiroler Forstverein

Es ist eine Anmaßung wie eine Herausforderung, eine derart festliche Versammlung eine Viertelstunde lang fesseln zu wollen - ohne Power-Point, ohne Dias und Film. Nur wer so naiv ist wie ich, übernimmt es, in Zeiten, in denen üblicherweise jede Silbe und jedes Hilfszeitwort an die Wand geworfen wird, nur auf das gesprochene Wort zu setzen. Ein Bild haben wir allerdings da: Es ist das Ölgemälde des ersten Obmannes des Tiroler Forstvereins, Andreas Sauter. Mitgebracht hat es sein Urenkel, der auch Andreas Sauter heißt. Vor ein paar Wochen habe ich Andreas am Mutterer Kirchplatz gefragt: Sauter, Sauter, hast du mit dem gleichnamigen Gründungs-Obmann des Forstvereines was zu tun? - Ja freilich, das ist mein Urgroßvater. Andreas der mittlere (inzwischen gibt es schon wieder einen Enkel Andreas S.) war beruflich durch Jahrzehnte Techniker. Seine Mutter war die allen halbwegs belesenen Tirolern bekannte Dichterin und Kustodin von Schloss Ambras Lilly von Sauter. Das Bild hat die Landschafts- und Porträtmalerin Anna Stainer Knittel gemalt - diese Frau ist besser bekannt unter ihrem Spitznamen Geierwally. Und sie ist wieder eine Urgroßmutter der vielen Pechlaner... Tirol ist wie ein kleines Dorf, wo jeder jeden kennt, und fast alle miteinander verwandt sind. Andreas Sauter hat, wie viele Forstleute im alten Österreich, die Fachausbildung in Mariabrunn, in einem aufgelassenen Kloster in Hütteldorf bei Wien, absolviert. Heute ist in diesem Haus wieder die forstliche Bundesversuchsanstalt untergebracht, nachdem sie ein paar Jahrzehnte in einem Betonklotz im Tirolergarten (!) von Schönbrunn ihr Hauptquartier hatte. Andreas Sauter, geboren 1802 in Werfen, stammte aus einer angesehenen, vielseitig begabten Beamtenfamilie aus dem Salzburgischen. Aber unser Thema ist nicht die Geschichte der Familie Sauter, sondern jene des Tiroler Forstvereines.


Das Vereinspatent aus 1852

Es begann das alles 1854, also vor genau 150 Jahren, nicht beim Nullpunkt. Schon 1851 wurde in Salzburg auf der XIV. Versammlung deutscher Land- und Forstwirte beschlossen, zwei Forstvereine zu gründen: Einen Reichsforstverein zur Förderung der allgemeinen forstlichen Interessen des gesamten Kaiserreiches, und einen "Forstverein der österreichischen Alpenländer", der sich auch schon 1851 konstituierte. Die Gründung von Untervereinen war erwünscht. Und so gab es zunächst einen Forstverein für Nordtirol und Vorarlberg und einen für Südtirol. Als sich dann der Forstverein für die Alpenländer bald einmal auflöste, schlossen sich die Südtiroler und die Trentiner mit den Nordtirolern und den Vorarlbergern zusammen, und sie blieben bis nach dem 1. Weltkrieg beisammen. Unser Tiroler Forstverein konstituierte sich am 20. Juni 1854, also fast auf den Tag genau vor 150 Jahren in Brixlegg. Die formale Vereinigung mit den Südtirolern und Trentinern erfolgte erst im Herbst 1861, nachdem Se. k.k. apostolische Majestät mit allerhöchster Entschließung vom 23. Oktober 1861 diese Zusammenlegung genehmiget hatte.


An die Arbeit

Nachdem die bürokratischen Hürden gemeistert waren, konnte man an die Arbeit gehen. Diese Hürden sind seit der Erlassung des Vereinspatents aus 1852 bis heute nicht viel kleiner geworden - was jeder bestätigen wird, der schon jemals einen Verein gegründet hat. Wer waren die Herren - von Damen ist weit und breit (und ist fast bis heute?) kaum die Rede - die den Forstverein begründet haben? Nach den Mitgliederlisten, die in den Berichten laufend abgedruckt wurden, waren es in erster Linie, so wie heute, diejenigen, die im Wald verwaltend tätig waren, also zunächst einmal das gesamte Forstpersonal, von den Forstwarten bis zu den Landesforstdirektoren. Agrargemeinschaften oder deren Funktionäre waren schon deshalb nicht vertreten, weil es die im 19. Jahrhundert nicht gegeben hat. Das Gemeindegut, aus dem damals die Bewohner des Landes vor allem im Westen ihren Haus- und Gutsbedarf deckten, war durch einige Bürgermeister vertreten. Großgrundbesitzer mit nennenswertem Waldbesitz gab und gibt es in Tirol kaum. Wenn Coburger oder Auersperger in Tirol Flächen im Hochgebirge kauften, dann taten sie das in erster Linie wegen der Gemsjagd. Mitglieder aus dem Kreis der Freunde des Waldes waren vereinzelt dabei. Der Wald war für die Bauern im 19. und teilweise noch im 20. Jahrhundert in erster Linie eine Fläche, auf der leider wenig Gras und gar kein Getreide wuchs. Eine Fläche vom forstlichen Bewuchs zu befreien hieß sie "kultivieren*", während heute Forstleute eine gelungene Aufforstung eine "Kultur" nennen. Diese Auseinandersetzung zwischen Heger und Nutzer um dieselben, an sich zu wenig vorhandenen Flächen, führte zu einer weitgehenden Verwüstung der Wälder, zur Holznot (weil ja gleichzeitig die Bevölkerung und damit der Bedarf an Bau- und Brennholz zunahm) und zur Vermehrung von Schadlawinen und zu Vermurungen. Der Bau der Eisenbahnen um die Mitte des 19. Jahrhunderts führte einerseits zur Entlastung der Wälder - weil Kohle, etwa als Brennstoff für die Saline in Hall, einfach und massenweise transportiert werden konnte. Andererseits wurde das Holz nun erst selbst zu einem Handelsgut, das ohne großen Aufwand über weitere Strecken geliefert werden konnte.


Ein Einzelkämpfer

Wer hat den Bauern damals gesagt, wie sie den Wald nachhaltig, anders und besser als bisher bewirtschaften könnten? Fast niemand. Es war der von seinen geistlichen Mitbrüdern abfällig als "Mistaposter verspottete Adolf Trientl, der, von einem unglaublichen Bildungsfeuer erfüllt, predigend durch das Land zog. Den Forstwirten ist kaum bekannt, was Trientl da geleistet hat. Auf allen seinen Wanderreisen, die mehrere Monate gedauert haben und die ihn "im kalten Theile Tirols" in fast jedes Nest geführt haben, hat er nicht nur die rechte Behandlung des Mistes und der "Goldtinktur der Jauche" gelehrt, sondern überall auch gegen die schlechte Behandlung des Waldes angeredet. Es gab in der Tat vieles zu beklagen: Die Wälder wurden als Weideland genutzt; von lebenden Bäumen wurde Aststreu gewonnen (ich kenne alte Gerloser, die als junge Männer noch "geschnoatet" haben!), vom Boden wurde Strebe, also Einstreu gekratzt. Lärchen wurden zur Gewinnung von Lörget oder Terpentin angebohrt. Beim Bau von Häusern, von Zäunen usw. wurde ebenso wenig an Holz gespart wie beim Einheizen (Trientl propagierte den Sparherd anstelle des offenen Feuers in den Küchen). Er hatte auch deshalb sehr wenig Erfolg, weil die Bauern zu ihrem Tun keine Alternative wussten, weil sie dem geistlichen Herrn daher nicht glaubten - und weil die Strafen für das allgemein verbreitete Misshandeln der Wälder und der Bäume, wenn es denn überhaupt strafbar war, gering waren. Dieses längere Verweilen bei einem konkreten Mitglied des Tiroler Forstvereins habe ich mir nicht nur deshalb erlaubt, weil mir der originelle wie sympathische geistliche Herr besonders ans Herz gewachsen ist, sondern weil er unter allen Vereinsmitgliedern im 19. Jahrhundert fast der einzige ist, der sein Wissen dem einfachen Volk in verständlicher Sprache mitgeteilt hat. Öffentlichkeitsarbeit für den Wald also, mit einfachen Mitteln: Vorträge, Zeitungsartikel, Kalender, Broschüren. Die Forstleute waren aufklärend kaum tätig - eher strafend und verbietend ...


Ein bildungswilliger Wanderverein

Den meisten Mitgliedern unseres Forstvereines diente dieser der Weiterbildung in geselligem Rahmen. Auf die Gesetzgebung und auf die Waldbehandlung durch die Besitzer hatte der Verein im 19. Jahrhundert noch weniger Einfluss als im 20. Der Gründungs-Vorstand Andreas Sauter trat 1861 zurück, nachdem die Forstorganisation, wie er sie erträumt hatte, nach ein paar Jahren wieder aufgehoben wurde. Sauter ging mit der NichtVerwirklichung des Einheitsforstamtes, wie wir es aus Bayern bis heute kennen, als Forstmann schon vorher in den Ruhestand. Sein Nachfolger im Verein, Josef Edler von Posch, dessen Name jedem ein Begriff ist, der jemals Servitutenregulierungsurkunden entziffert hat, wurde als einer der Verantwortlichen für die Servitutenregulierung von dieser in der Tat schwierigen Aufgabe dermaßen in Anspruch genommen, dass er 1872 den Vorstandsposten an Hermann Hradetzky abgab. Der 1878 zu seinem Nachfolger gewählte Karl Graf Belrupt-Tissac nahm die in seiner Abwesenheit erfolgte Wahl erst gar nicht an. 1886 wurde Hugo Graf Enzenberg Vorsitzender; in seinen ersten Jahren blühte das Vereinsleben auf. Warum es gegen Ende seiner letzten Funktionsperiode zu einem mehrjährigen Stillstand gekommen ist, konnte auch Hofrat Franz Koller, der eine umfassende Chronik des Tiroler Forstvereins verfasst hat und auf die ich mich stütze, nicht herausbringen. Auf Enzenberg folgte 1893 Dr. Anton Freiherr von Longo- Liebenstein und er blieb bis zur Teilung Tirols an der Vereinsspitze. 1894 schied Adolf Trientl, fast 80 Jahre alt, wegen Altersschwäche aus dem Vorstand aus, nachdem er viele Jahre als auch als forstlicher Wanderlehrer gewirkt hatte.


Widerpart Bauernbund

In diesen Tagen wurde der Tiroler Bauernbund 100 Jahre alt. Am Beginn dieser hoch politischen Erhebung standen Forderungen wie die Verstaatlichung des Notariatswesens, die Einführung einer progressiven Einkommenssteuer ("Rotschild zahlt nur fünf Prozent!"), die Verkürzung des Militärdienstes. Auch der Wald wurde zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Wenn heute über den sehr heftig geführten Teilwaldstreit nicht mehr berichtet wird, so hängt dies damit zusammen, dass die meisten Mitbürger oder Forstleute aus anderen Bundesländern gar nicht wissen, was ein Teilwald ist - eine Besitzform, die es laut Hofrat Dr. Eberhard Lang, der darüber mehrere Bücher geschrieben hat, auf der ganzen Welt nur in Tirol gibt. Weil auch Gäste von außerhalb Tirols da sind: Beim Teilwald gehören Streu und Bäume dem Berechtigten, Grund und Boden stehen im Eigentum der Gemeinde oder einer Agrargemeinschaft - und das ist doch etwas ganz anderes als ein Einforstungsrecht. Der Bauernbund war natürlich dafür, dass auch das Grundeigentum bei der in Tirol sehr spät erfolgten Anlegung des Grundbuches den Berechtigten zufalle - die Forstpartie stand auf Seiten der Gemeinden. Mehrere Redner forderten bei der Konstituierung des Bauernbundes im Spätherbst 1904 im Innsbrucker Löwenhaus ein neues, das heißt: ein nicht so strenges Forstgesetz. Und mehr Verständnis des k.k. Ärars für seine Eingeforsteten. In der blumigen Sprache des Münsterer Abgeordneten Karl Niedrist, der auch sonst oft die Lacher auf seiner Seite hatte: "Ich schicke voraus, dass ich damit nicht auf die Förster haue. Die Forstorgane sind arme Teufel, die in den Wäldern und Bergen herumlaufen und sich mit der Bevölkerung herumschlagen müssen, und die oft ihrem Dienst nicht nachkommen können, weil die Paragraphen des Gesetzes so streng sind ..."


Zwei Weltkriege mit hohem Blutzoll

Von 1914 bis 1921 ruhte die Tätigkeit des Forstvereines. Nach der Abtrennung Südtirols wurde die Zahl der Mitglieder halbiert - sie schwankte die ganze Zwischenkriegszeit um die 200. Die wirtschaftliche Not dieser Jahre wird in den Protokollen sichtbar. Im Frühjahr 1938 ging der Tiroler Forstverein im großdeutschen auf. Wieder ruhte jede Vereinsarbeit. Nach 1945 war es gar nicht so leicht, Funktionäre zu finden, die unbelastet waren. Doch bald ging es mit ganz Österreich und mit seiner Forstwirtschaft wieder aufwärts. Viele Anwesende haben diese Zeiten bewusst erlebt, sodass es nicht nötig ist, allzu viel davon zu erzählen. Zwei Ereignisse seien doch besonders hervorgehoben:

  • In diesem Frühjahr haben wir in Sistrans Walter Hensler, den langjährigen Präsidenten des Tiroler Forstvereines begraben. Er ist allen, die dabei waren, als selbstbewusster Vorsitzender in bester Erinnerung, als im April 1975 die Jäger einen Vortrag von Professor Hannes Mayer sprengen wollten. Dank Henslers Ruhe und Souveränität waren am Ende jene, die Mayer am Reden hindern wollten, die Beschämten.
  • Im Sommer 1988, 50 Jahre nach 1938, wurde auf der Praa-Alm in der Wildschönau ein Kreuz eingeweiht, das jenen Mitgliedern des Forstvereines gewidmet ist, die von 1938 bis 1945 auf der anderen Seite gestanden sind: Dipl. Ing. Walter Caldonazzi, Oberforstwart Karl Mayr aus Baumkirchen und Dipl.Ing Viktor Czerny, Forstmeister der Bundesforste in Ried im oberen Gericht. Czernys Söhne berichteten bei dieser stimmungsvollen Feier, dass ihr Vater im Mail945 am Balkon des Forsthauses in Ried erschossen wurde, weil er die österreichische Fahne einen Tag zu früh gehisst hatte.


Reisen bildet

Es gibt kein Thema, das für den Wald im weitesten Sinn von Bedeutung wäre, das der Forstverein nicht angeschnitten hätte. Die Listen seiner Vortragsveranstaltungen, von Hofrat Koller aufgelistet, sind umfassend und daher beeindruckend. Hat der Forstverein damit Politik gemacht? Ich meine schon. Wenn Fachleute ein Thema klar und ohne Widerspruch dargelegt haben, dann gilt, was gesagt wurde, bis zum Beweis des Gegenteils. Der Nachfolger Walter Henslers als Obmann, Huber Rieder iun., hat unter anderem durch seine eigene Reisefreudigkeit den Forstverein viele Jahre geprägt. Was der Austausch von Kollegen aus Ländern hinter dem eisernen Vorhang vor allem für diese bedeutet hat, haben sie uns oft erzählt - für die Tiroler hatten Reisen in diese Länder die Nebenwirkung, dass wir mit den Zuständen in unserem Land wieder eher zufrieden waren. Auch die Verleihung des "Grünen Zweiges" ist Forstpolitik im weitesten Sinn. Wenn man in Zeiten, da das Holzheizen in unserem Land fast abgekommen ist, ja zuweilen diskriminiert wurde, den Terfener Pionieren den "Grünen Zweig" verlieh, dann ist das eine deutliche Stellungnahme. Die Liste der Träger des "Grünen Zweiges", eine Zirbenholztafel und kein Schilling Preisgeld, ist eine ehrenhafte. Sie reicht bis zum Altbischof Reinhold Stecher. Der Auftrag lautete, einen kurzen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Nicht vorgekommen sind dabei die Geschäftsführer und ihre Sekretärinnen, die den Löwenanteil der Arbeit zu erledigen haben. Kaum vorgekommen sind die Lebenden, bis hin zum derzeitigen Vorstand mit Vizebürgermeister Eugen Sprenger an der Spitze. Die müssen sich jetzt bewähren. Sie sollen in 25 Jahren belobigt werden, wenn der Tiroler Forstverein 175 Jahre alt wird.


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