Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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...das Letzte auf der Mühle

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernkalender
Texttyp Aufsatz
Erscheinungsdatum 2009
Kategorisierung Tiroler Bauernkalender;Historisches;Johann Holzknecht;1809;2009


Johann Holzknecht: Ein Mann aus der 2. Reihe

Johann Holzknecht, Stroblwirt in St. Leonhard im Pässeier, schrieb am 30. November 1809 an "Andreas Hofer, Sandwürth, Wo er ist Liebster Bruder Sandwirt! Mit beklemtem aufrichtigem Herzen muss ich dir sagen, dass mir unsere Laage nicht mehr gefällt. Es scheint wirklich an dem zu sein, dass wir das Letzte auf der Mühle haben. Lieber Bruder, rete dich und die Deinigen, uns, unsere Häuser und die noch wenigen Habseligkeiten, vor einem größeren Unglück, da noch Zeit ist. Die Zeit ist zwar kurz, aber deine eigene Verwendung, wenn selbe gleich geschieht, kann noch vielen grossen Übeln zuvorkommen. Man sieht augenscheinlich, dass man sich aufeinander nicht mehr verlassen kann. Der eine spricht weiss, der andere schwarz. Die Erfahrung hat uns schon zum öftern gezeigt, dass gerade diejenigen am schlechtesten sind, die am ärgsten pochen ..." Wer war dieser Johann Holzknecht? Er war mit Hofer mehrfach verwandt - beide stammten sie von Christian Hofer (1624 - 1648) ab; Holzknechts Mutter war Maria Hofer (geb. 1730), eine Urenkelin des Christian Hofer. Holzknechts Frau Theresia war eine geborene Ladurner, Tochter des Meraner Rotadlerwirtes Johann Ladurner. Auch Hofers Gattin Anna war eine geborene Ladurner, eine Bauerntochter aus Algund. (Schließlich heiratete Johann Holzknechts Neffe Josef, geboren 1800, im Februar 1830 die Tochter des Sandwirts Rosa von (!) Hofer, geboren 1798 - da war der Vater der Braut aber schon zwanzig Jahre tot.) Es war aber nicht nur die weitschichtige Verwandtschaft, die den Stroblwirt zu solch vertraulichem Ton ermächtigte. Er war dem Sandwirt während der kriegerischen Ereignisse des ganzen Jahres 1809 treu gefolgt. Er gilt als der "Finanzminister" des Tiroler Bauern-Regimentes nach der Bergisel-Schlacht Mitte August in der Innsbrucker Hofburg. Wie schwer da Ordnung zu halten war, zumal ja alle regulären Einnahmen fehlten, geht auch aus der Geschichte mit den englischen Unterstützungen hervor. Da sich Hofer um Geldsachen kaum gekümmert hatte, konnte Holzknecht darin ziemlich selbstherrlich schalten und walten.

Ein redlicher Mann, ein kluger Kopf

Selbst bayrische Staatsmänner haben, zitiert nach Josef Hirn, dem Johann Holzknecht nach Beendigung des Aufstandes ein gutes Zeugnis ausgestellt. Ein Graf Taufkirchen schrieb an den K. GeneraIpostdirektor Drechsel: "Er hat sich um Tirol viele Verdienste erworben, viel Schlechtes verhindert, für die Gefangenen eifrig gesorgt, er ist ein redlicher Mann, aber auch ein kluger Kopf." Als Holzknecht den eingangs zitierten Brief an seinen "liebsten Bruder" schrieb, ging es darum, Hofer (nach dem Schönbrunner Frieden vom 14. Oktober) zur Aufgabe zu bewegen. In diesem Friedenssehluss wurde für Tirol das Gegenteil von dem vereinbart, was noch am 29. Mai 1809 von Franz I. gesagt wurde: "...und dass ich keinen anderen Frieden unterzeichnen werde - als den, - der dieses Land an Meine Monarchie unauflöslich knüpft." Wir wissen inzwischen, dass sich letztlich jene um den "Rotbart" durchgesetzt haben, die von einem Nachgeben nichts wissen wollten. Hätte sich Hofer an das ihm bereits von Holzknecht und anderen abgerungene Versprechen, die Waffen nun endgültig zu strecken, gehalten - er wäre nicht in Mantua verurteilt und erschossen worden. Und er wäre damit auch nicht als tragischer Held in die Geschichte eingegangen. Vielleicht wäre er dann so vergessen wie sein Schwager Johann Holzknecht, den auch dicke Bücher über die Geschichte des Landes mit keinem Wort erwähnen. Josef Hirn wird dem Mann sehr wohl gerecht.

"Anderls Türsteher"

In einem Theaterstück von Karl Pfötscher ("Der Mann vom Land Tirol"), das 1960 im Tiroler Landestheater aufgeführt wurde, wird der Stroblwirt als halber Kretin dargestellt, was eine seiner Ururenkelinnen zu einem wütenden Leserbrief im "Volksboten" veranlasste. Aber das ist jene künstlerische Freiheit, die sich zuletzt auch Filmemacher zu Eigen gemacht haben: Wenn sie etwa Andreas Hofer in der Hofburg nicht nur schlafen, sondern auch beischlafen ließen ... Holzknecht schließt seinen besorgten Brief so: "Überlege alles wohl und traue nicht gar zu viel auf dich selbst, ausser es hat Dich Gott durch einen Engel versichern lassen, dass deine Standhaftigkeit uns zur Rettung oder zu unserm noch größern Unglück bestimmt sei." Er möge auf rechtschaffene Priester hören - soll heißen, nicht auf P. Haspinger. "Gott, Maria und alle Heiligen leite deine Gedanken und führen dich zu dem, was Gott angenehm und uns erspriesslich ist. Amen. Verschmähe nicht diese paar Zeilen. Sie sind gewiss aufrichtig von Deinem bekannten Freund, der Dich jederzeit liebt und in den Schutz Gottes befiehlt und unter herzlichen Gruß."

Das Stroblwirtshaus in St. Leonhard im Passeier, früher einmal "Zum Einhorn" genannt, gibt es immer noch. Die heutige Besitzerfamilie hält die Erinnerung an Johann Holzknecht wach. Im Gedächtnisjahr wird von ihm allerdings so wenig die Rede sein wie von Christian Blattl, Rupert Wintersteller, Andreas Himer, Josef Hechenberger, Josef Atzwanger und vielen anderen. Von diesen Leuten wissen allenfalls ihre Nachkommen zu erzählen, auch wenn sie, wie im Fall von Johann Holzknecht, anders heißen, weil dessen "Mannesstamm" mit Johanns Sohn Franz 1862 ausgestorben ist. Die weitere Geschichte des Stroblwirtshauses, heute ein Wellnesshotel mit vielen Sternen, spiegelt die wechselvolle Geschichte Südtirols im 20. Jahrhundert wider - bis hin zu einer Beschlagnahme in jener Zeit, in der in Südtirol zuletzt wieder mit Sprengstoff hantiert wurde.

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