Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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... und hängt vom Milchpreis ab

Autor Winfried Hofinger
Medium  ? Tiroler Bauernzeitung
Texttyp Artikel
Erscheinungsdatum  ?1967
Kategorisierung Milchwirtschaft; EU; Bertolt Brecht; 1967

In den Dreißigerjähren meinte Bert Brecht: "Der Bauer kümmert sich um seinen Acker, hält sein Vieh in Stand, zahlt Steuern. Macht Kinder, damit er die Knechte einspart, und hängt vom Milchpreis ab". In unseren Tagen kauft der Bauer Maschinen, damit er die Knechte einspart; sonst hat Brecht sehr richtig gesehen - auch wenn er weiter formuliert: "Die Städter reden von der Liebe zur Scholle, vom gesunden Bauernstamm und daß der Bauer das Fundament der Nation ist". Sicher ist der Bauer das Fundament der österreichischen Volkspartei; von der Liebe zur Scholle kann man in unserem Land überall dort reden, wo ein paar steilen Hängen zuliebe freiwillig ein niederer Lebensstandard ertragen wird. Wer Statistiken richtig liest, wird allerdings an den nicht "gesunden Bauernstamm" glauben. Während in der Stadt nur rund fünf von hundert untauglich sind, den Wehrdienst zu erfüllen, ist jeder zehnte Bauernbursch dazu nicht geeignet. Der Tiroler Bauer hängt vom Milchpreis ab: Im Produktionsgebiet "Hochalpengebiet", zu dem Tirol mit Ausnahme seiner tiefstgelegenen Gebiete um Kufstein gehört, kommen 72,5 Prozent des Rohertrages der Landwirtschaft aus der Tierhaltung; von diesem Rohertrag aus der Tierhaltung entfallen wieder 45,4 Prozent auf Milch. Recht genau ein Drittel der Einkünfte der Tiroler Bauern macht also das Milchgeld aus. Sinkt nun das Milchgeld pro Liter um 10 Prozent (man nenne das wie immer, Krisengroschen, Exportförderungsbeitrag oder sonst wie), so bedeutet dies eine Verminderung des Roheinkommens um 3 Prozent. Das Milchgeld stellt - im Gegensatz zu den anderen Einnahmequellen der Bauern - die einzig regelmäßige Einnahme dar. Es hat beinahe die Funktion eines Gehaltes angenommen und der wurde im heurigen Frühjahr um 10 Prozent gekürzt.


In Festschriften und Festansprachen der vereinigten Europäer ist bisweilen zu lesen, wie herrlich weit es die EWG gebracht habe mit der Verwirklichung des Europagedankens. Das Gegenteil davon ist wahr: Durch ein ausgeklügeltes Abschöpfungssystem hat man den Interessensverband der Sechs so stark nach außen abgeschirmt, daß es Nichtmitgliedern - die aber, mit Verlaub, auch Europäer sind - so gut wie unmöglich gemacht wird, ihre Produkte in der EWG auf den Markt zu bringen. Innerhalb eines Jahres ist z. B. die Abschöpfung für Hartkäse von S 2,00 auf S 22,00 gestiegen. Dies heißt, daß der traditionelle Export von Hartkäse aus Tirol nach Italien vollständig unterbunden wurde, denn niemand kann bis 100 Prozent Zoll zahlen. Mit den Geldern, die durch die Abschöpfung hereinkommen, werden jene Schwächen der Landwirtschaft in der EWG beseitigt, die Ausländern noch kleine Importlücken ließen. Ein raffiniertes System, das den EWG-Mitgliedstaaten (und hier vor allem Frankreich) sehr viel hilft - doch sollte man aufhören, vom vereinten Europa zu schwafeln.


Auf der größten Landwirtschaftsschau des Kontinents, der sogenannten DLG-Schau in München konnte man Ziegen bestaunen, die so viel Milch geben wie noch vor 50 oder 30 Jahren eine gute Kuh. Natürlich ist auch bei den Rindern die Zucht nicht stehen geblieben. In Tirol liegt die Jahresmilchleistung der Herdbuchtiere im Durchschnitt bei etwa 4.000 kg. Auch jeder Laie auf landwirtschaftlichem Gebiet sieht ein, daß es interessanter ist, von einer Kuh im Jahr 4.000 kg zu ermelken als von zweien. Es wird auch in Zukunft das Bestreben der Landeszucht sein müssen, das Leistungsniveau zu heben. Niemand kann bis jetzt sagen, wo in unserem Bergland die obere Grenze liegt, man weiß nur, daß sie noch lange nicht erreicht ist.


Aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen muß der einzelne Bauer aus den einzelnen Kühen noch mehr herausholen als bisher - obwohl wir in Österreich bereits etwa 125 Prozent des Eigenbedarfes an Milch erzeugen und obwohl wir mit Milch und Milchprodukten kaum über unsere Grenzen kommen. Auch der um 20 Groschen Exportbeitrag verminderte Produzentenerlös zwingt den einzelnen Bauern, mehr Milch auf den Markt zu bringen als bisher, wenn er zu seinem Geld kommen will. Werden wir also demnächst 150% des Eigenbedarfes erzeugen, also in der eigenen Milch ersaufen? Zwei Möglichkeiten zeichnen sich ab:

  • Es wird durch eine intensiv betriebene Reklame der Bedarf in Richtung Produktion geführt. Was bisher an Propaganda für Milch und Milchprodukte gemacht wurde, gehört - ausgenommen genossenschaftliche Spitzenbetriebe wie die Ennstaler mit ihrer "Maresi" - in den Papierkorb. Plakate, Inserate, Funkbänder und Filme« Die Antwort auf die Frage, warum die Milchwerbung in Österreich derart niveaulos war, ist denkbar einfach: Die Milchpropaganda war Sache von Angestellten der MiIchpropagandagesellschaft. Der Gehalt dieser Angestellten war unabhängig von der Anzahl und der Qualität ihrer Ideen. Je weniger sie produzierten, umso ruhiger war ihr Angestelltendasein. Das soll nun anders werdeni 30 Millionen Schilling sollen im Jahr für eine gezielte und gekonnte Milchwerbung ausgegeben werden. Von Fachleuten wird nicht bezweifelt, daß noch Bedürfnisse zu wecken wären.
  • Als zweite Möglichkeit der Milchschwemme Herr zu werden, nannte man eine "Produktionslenkung". Nach Tiroler Vorstellungen sollen die Bauern jener Gebiete Österreichs, die mehr minder aus Mutwillen Milch erzeugen, für Ihre Hobby-Milchwirtschaft bestraft werden und vie höhere Abschöpfungen zahlen als die Bergbauern, die vernünftigerweise nichts anderes tun können als Milch- und Viehwirtschaft zu betreiben (noch vor einigen Jahrzehnten war die klimabedingte Getreidegrenze auch die Siedlungsgrenze. Heute erzeugen die Bauern im Bundesland Wien mehr Getreide als Tirol und Vorarlberg zusammen). Mit dem Vorschlag einer Staffelung des Kriesengroschens sind die Bauern aus den Alpenländern in Wien recht traurig untergegangen. 6:3 lautet hier das Kräfteverhältnis. Es bleibt ihnen nur die Hoffnung, daß die generelle Senkung des Milchgeldes bei jenen Großbetrieben im Flachland, die auf Grund der hohen Lohnsätze in der Milchwirtschaft ohnehin schon am Rande der roten Zahlen spazierten, die Umstellung beschleunigen wird. Futtergetreide sollten sie nach Tiroler Torstellungen produzieren, davon hat Österreich noch viel zu wenig*


Nach einer alten Volksweisheit soll man dem, der viel jammert, etwas wegnehmen, und dem, der sein Wohlergehen preist, etwas schenken. Diese Weisheit stimmt nicht immer. Wenn die Bauern in den Alpenländern mit ihrer derzeitigen wirtschaftlichen Lage nicht zufrieden sind, dann mit Recht. Sie bekommen für ihre Produkte weniger als je zuvor, der Holzpreis ist seit über zehn Jahren stabil (was bedeutet, daß er real im selben Tempo sinkt wie der Geldwert), und das Verständnis in der Öffentlichkeit für all diese Sorgen ist nicht übermäßig groß. Der gutgemeinte Bat, ein Bauer, dem das Einkommen aus der Landwirtschaft zu gering sei, solle seinen Beruf wechseln, ist vergleichbar mit dem Ratschlag an einen Akademiker, er solle halt Maturabeamter werden, wenn ihm seine Stellung zu wenig gefalle. Der Bauer ist heute ein ausgebildeter Facharbeiter, der sich mit seiner Facharbeit nur unter größten Anstrengungen ein familiengerechtes Einkommen erwirtschaften kann.

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