Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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"Wäre jemand gestolpert, es wäre zerbrochen!"

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernkalender ?
Texttyp Aufsatz
Erscheinungsdatum  ? 2008
Kategorisierung Tiroler Bauernkalender; Kunst; Familiengeschichte; Nationalsozialismus; 2008

Die "Saliera" war 1945 in St. Johann

Das ganze Jahr 2005 über wurde gefeiert, dass der Weltkrieg Nr. 2 nun schon seit 60 Jahren vorbei ist. Auch der wunderbaren Rettung der Kunstschätze in den Bergwerken im Ausseerland und anderswo wurde gedacht. Dass darunter auch das berühmte Salzfass von Benvenuto Cellini war - daran erinnerte man sich 2005 in Wien nicht so gerne, weil dieses ja seit 2003 aus dem Kunsthistorischen Museum verschwunden war. Anfang 2006 war wieder alles eitel Wonne - die "Saliera", oder, wie die Innenministerin sagte, "die Sali", war wieder aufgetaucht. Ein Spezialist für Alarmanlagen, der sich offenbar über die unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen im Kunsthistorischen lustig machen wollte, hat die Saliera zuerst geraubt und sie dann wieder hergegeben. Sie lag zuletzt in einer Kiste im Waldviertel gut vergraben, nachdem Herr Mang sie vorher jahrelang in seiner Wiener Wohnung unter der Bettstatt aufbewahrt hatte. Aus dem Tagebuch meiner Mutter Elsa Hofinger geborene Greiter (1904 - 1992), geschrieben im Frühjahr 1945 in St. Johann in Tirol: "Ich selbst durfte einmal den Keller besuchen. Es war furchtbar. Die wertvollsten Stücke standen nur so herum, vor Dürers mannshoher Dreifaltigkeit konnte ich nur mühsam herumschleichen, das prächtige Salzfass von Cellini stand nur so auf einer Kiste, wäre jemand gestolpert, es wäre zerbrochen."

Schirachs Wechselgeld

Wir wissen, dass es nicht nur nicht zerbrochen ist, das schönste Salzfass der Welt, sondern dass es mit den anderen Schätzen, die da im Keller der Klausner-Villa lagerten, wieder gut nach Wien zurückgekommen ist. Aber warum kam das alles nach St. Johann? Es hängt das wohl mit den Phantasien um die so genannte "Alpenfestung" zusammen. Nach dem Vorbild von Felix Dahns "Ein Kampf um Rom" wollte man sich gegen Kriegsende vor den anstürmenden Horden aus dem Osten und aus Amerika in die Alpen zurückziehen, um dort zu retten, was noch zu retten war. Vor allem die eigene Haut. Baldur von Schirach, 1940 bis 1945 Gauleiter von Wien, verließ Wien am 9. April; die Stadt fiel am 13. April in die Hände der sowjetischen Truppen. Er nahm aus den verschiedenen Depots die wertvollsten Sachen mit, angeblich, um sie in der Schweiz als Grundstock für eine neue deutsche Währung zu verwenden; oder wollte er sie als teures Pfand einsetzen, um sein Leben zu retten, seine Freiheit zu erkaufen? - Schirach wurde dann in Schwaz verhaftet; in Nürnberg fasst er 20 Jahre Haft. Die Kunstdenkmäler, die Schirach mit in den Westen nahm, wurden am 4. Mai in Lauffen bei Ischl abgefertigt, und sie kamen nach einer abenteuerlichen Fahrt über den Pass Thum am 7. Mai 1945 in St. Johann an. Schirach hat Geschmack bewiesen: Es waren tatsächlich die allerwertvollsten Bilder des Kunsthistorischen: Breughel, Rubens, Tizian, Raffael, Dürer, Velasquez ... Um diese Zeit gab es in Wien schon ein paar Tage eine österreichische Regierung. Die Regierungserklärung der Regierung Renner erfolgte am 27. April 1945 - um das Innsbrucker Landhaus wurde noch Anfang Mai 1945 gekämpft. In St. Johann waren in diesen Tagen in den zwei Kasernen 29 (!) deutsche Generäle einquartiert (Unternehmen Alpenfestung!) -andererseits versuchten die Männer des Widerstandes, die meinen Vater Dr. Josef Hofinger (1901 - 1990) zum Bürgermeister gewählt hatten, den Übergang vom ehemaligen Regime zum neuen Österreich möglichst unblutig, möglichst gerecht und verlustarm zu gestalten.

Die Klausner-Villa

Westlich vom Gasthaus Goldener Löwe in St. Johann, dem Stammhaus der Bauern-, Gastwirte- und Sägewerkerfamilie Klausner, befand sich die so genannte Klausner-Villa. Diese hatte einen großen Keller, der in den Jahren der Bombenangriffe als Luftschutzkeller genützt worden war. Unsere Familie ging, wenn wieder einmal Fliegeralarm war, gerne dorthin, wenn wir nicht in den Postkeller gingen (wo ich meine Freundin wusste). Ganz in der Nähe, auf der anderen Seite der Eisenbahn, fielen einmal, im Dezember 1944, an die 80 Fliegerbomben in das Baumoosfeld - sie galten den beiden St. Johanner Kasernen und der Eisenbahn. Im Mai 1945 war ein gewisser Emil God Bewohner der Klausner-Villa. Ein deutscher Offizier namens Rottmann bat ihn, einige Kisten, die angeblich auch Lebensmittel enthielten, im geräumigen Keller des Hauses lagern zu dürfen. God dürfe sich gerne an den Nahrungsmitteln bedienen. Da Nahrungsmittel damals sehr knapp waren, war God umso eher bereit, den Raum zur Verfügung zu stellen. Ja, und da wären auch noch ein paar Bilder ... Gegen Mitternacht kam der Transport an, und gegen zwei Uhr bekam God den Schlüssel zurück. Als er am nächsten Morgen Nachschau hielt, sah er, dass der Raum überfüllt war mit Kisten. Er kam nur hinein, indem er die Türe aushängte. Nach einer Quittung, die einige Zeit später die Amerikaner beim Abtransport der Waren dem Bürgermeister aushändigten, bestand der ganze Schatz aus "9 Packing Cases", also 9 Kisten, aus "44 - 46 Sacks Containing Tapesries" und "32 uncrated paintings", also 32 nicht in Kisten verpackte Bilder. God merkte sofort, auf welcher heißen Ware, auf welchen unermesslichen Schätzen er saß. Er nahm mit dem Bürgermeister Kontakt auf - der zunächst glaubte, einen Narren vor sich zu haben. Als er aber dann in den Klausner-Keller ging und sah, was da alles lagerte, da zitterten ihm (wie er uns oft erzählte) die Knie, wie sie ihm nie vorher und nie nachher in seinem Leben gezittert hatten. Er wusste sofort, dass er für die allergrößten Schätze unseres wiedererstandenen Österreich verantwortlich war.

Todesstrafe angedroht

Das war am 16. Mai. So schnell, wie das damals halt möglich war, fuhr unser Vater nach Innsbruck, wo er mit Landesrat Dr. Hans Gamper zusammentraf; Landeshauptmann Gruber war nicht erreichbar. Am 19. Mai war Gamper in St. Johann. Er wollte die Schätze am Dienstag nach Pfingsten, am 23. Mai, nach Innsbruck abtransportieren. Daraus wurde aber nichts: Der Bürgermeister wurde schon vorher ins amerikanische Kommando gerufen. Dort eröffnete man ihm, dass deutsche Offiziere, darunter ein Ritterkreuzträger, den Amerikanern von den Kunstschätzen Meldung gemacht hätten. Als Hofinger daraufhin sagte, dass er bereits seit dem 16. Mai alles wisse, wurde er beschimpft. Er hätte nicht den Tirolern im Landhaus, sondern den hiesigen amerikanischen Behörden Meldung machen müssen. Darauf sagte er: "Ich hatte die Pflicht, die Schätze meinem Vaterland zu erhalten." Die Amerikaner: "Wissen Sie, dass auf der Geheimhaltung solcher Werte die Todesstrafe steht?" Hofinger: "Erst ab dem 5. Juni. Bis dort sollten die Schätze längst in Innsbruck sein." Die Amerikaner verpackten die Sachen bald einmal fachgemäß. Sie luden alles auf Lastwägen. Dem Bürgermeister stellten sie eine englisch gehaltene Quittung aus, die sich in unserer Familie bis heute erhalten hat: "Brueggel" (!) ist gleich neunmal vertreten: "Return of the Herd" (also: "Rückkehr der Herde"); "Tower of Babel" (Turmbau zu Babel), "Saint Paul", "Peasant Dance" (Bauerntanz), und "Peasant Wedding", bei uns als "Bauernhochzeit" bekannt. Von Tizian (hier "Titian" geschrieben) die "Kirsch Madonna" und neun weitere Bilder. Von Dürer das "Allerheiligenbild" und "Kaiser Maximilian" mit dem Granatapfel. Von Rembrandt ein großes und ein kleines Selbstporträt; von Rubens "Jerome", bei uns als Hieronymus bekannter. In den neun Verpackungskisten war die "Saliera" von Benvenuto Cellini, damals eher noch das "Salzfass von Benvenuto Cellini" genannt. Über den Inhalt der Kisten steht an sich nichts in der Liste - aber weil meine Mutter, laut ihrem Tagebuch, fast über die Saliera gestolpert wäre, und weil sie nun, mit einer Unterbrechung von 2003 bis Anfang 2006, wieder im Kunsthistorischen steht, muss sie in einer der Kisten die Fahrt von St. Johann zurück in den Osten angetreten haben. In den "44 - 46 Sacks Containig Tapestries" müssen unter anderem jene Gobelins gewesen sein, die auch heute noch im Kunsthistorischen viele Wände zieren.

Wie ging die Sache weiter?

Mein Vater ging am 3. Oktober, ohne seine Frau und uns fünf Kinder (alle unter 12 Jahre alt), nach Wien. Er war vor dem Einmarsch der Nazis in Österreich Bibliothekar und er wurde es wieder. Er wurde Direktorstellvertreter der Nationalbibliothek. Eines Tages erzählte er seinem Chef von der Irrfahrt der Kunstdenkmäler in den Westen und wieder zurück. Der lud sofort zu einer Besprechung ins Ministerium. In Anwesenheit des Kommunisten Ernst Fischer, Staatssekretär für Unterricht bis zu den Wahlen im Dezember 1945, berichtete der kleine Oberstaatsbibliothekar die obige Räuberge schichte. Da stand der Direktor des Kunsthistorischen auf und sagte, das alles höre sich sehr gut an, sie sei aber von Anfang bis zum Ende frei erfunden - die Bilder und die anderen Schätze hätten die Stollen in Lauffen nie verlassen. Darauf zog mein Vater die von den Amerikanern ausgefertigte Quittung heraus und fragte mit all der Dramatik, deren er in der Tat fähig war: "Und dieses Papier ist auch gefälscht?" - Der Generaldirektor entschuldigte sich daraufhin vor allen Anwesenden feierlich.

Was seither geschah

Inzwischen steht die Geschichte in vielen Büchern. Die Kitzbüheler Heimatblätter brachten darüber im November 1992 vier Seiten, gestützt auf das Tagebuch meiner Mutter und auf die inzwischen reichlich vorhandene Fachliteratur. Nachspiel Nr. 1: Dem Kunsthistorischen fehlte aus diesem Transportgut ein Bild des Jan Brueghel, genannt Blumen-Breughel (es gab einige Maler in dieser holländischen Großfamilie; der berühmteste ist der "Bauernbreughel", von dem die oben erwähnten Bilder sind). Wer sich das Bild auf die Seite gelegt hat, ist nicht bekannt. Noch ein Nachspiel hatte die Geschichte: Als Dr. Josef Hofinger lange genug Beamter war - er ging 1966 als Direktor der Universitätsbibliothek Innsbruck in Pension - da hätte er eines der für treue Dienste so üblichen Verdienstzeichen umgehängt oder angesteckt bekommen sollen. Er lehnte dankend ab, was zur Folge hatte, dass er vor den Bundespräsidenten Adolf Schärf zitiert wurde. Warum diese Ablehnung, wurde er gefragt. Daraufhin erzählte er dem Bundespräsidenten diese Geschichte, und er fügte hinzu, auf Grund dessen sei er sich für einen Routineorden einfach zu gut. Schärf darauf: Aber das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse würden Sie schon nehmen? - Darüber ließ er mit sich reden.


Nachwort des Verfassers: Wem diese Schilderung zu eingebildet erscheint, der hat ganz recht. Wir sind aber in der Tat sehr stolz darauf, wie unser Vater damals durch Besonnenheit und Mut eine so aufregende, für die ganze an Kunst interessierte Welt bedeutende Geschichte zu einem so guten Ende geführt hat.



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