Aus Winfried Hofinger | Holzknecht

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"Interventionen" nennen sie es

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Nachrichten
Texttyp Kommentar
Erscheinungsdatum Dezember 1968
Kategorisierung Überproduktion; EU; 1968

"Im Rahmen von Interventionen auf Grund der EWG- Obst- und Gemüsemarktordnung sind 1967/68 in der Wirtschaftsgemeinschaft rund 300.000 Tonnen Äpfel, 31.700 Tonnen Orangen, 500 Tonnen Birnen, 40.000 Tonnen Blumenkohl und 2.010 Tonnen Tomaten vernichtet worden. Dafür dürften etwa 650 Millionen Schilling aus Mitteln des EWG-Agrarfonds in Anspruch genommen werden. Die genaue Höhe der Ausgaben ist noch nicht bekannt, da die Partnerländer nicht verpflichtet sind, die Europäische Kommission laufend über Art und Umfang der Interventionen zu unterrichten". So weit ein halbamtlicher Bericht. Was sich hinter Zahlen und Worten dieses Berichtes verbirgt, muß man vielleicht noch verdeutlichen. Die gesamte österreichische Apfelernte betrug im Jahre 1967 etwa 360.0000 Tonnen - in der EWG wurden - siehe oben - 300.000 Tonnen vernichtet. Das ist etwa so viel wie das Lebendgewicht aller Österreicher (ohne die Wiener). Die Äpfel wurden ins Meer versenkt, eingeackert, oder im besten Fall zu Raketentreibstoff umgewidmet. Bei Trient steht so eine Fabrik, in der Edelobst aus Süstirol der 1. Qualität dazu verarbeitet wirde ... 63O Millionen Schilling wurden benötigt, um die Früchte aus dem Markt zu nehmen und zu vernichten. Mit diesem Geld könnten hunderttausende Menschen in den Entwicklungsländern ein Jahr lang satt werden. Man könnte darum 200.000 Tonnen Getreide in Hungerländer führen. Man könnte ... man könnte ... Wohl ist den sechs EWG- Ländern nicht bei ihren Aktionen. Um unnötiges Aufsehen, böses Gerede zu vermeiden, darf jeder Staat schweigen, untertreiben, schwindeln. Wer jagt schon gerne eine Erfahrungsmeldung der Art: "Wieder viele tausend Tonnen Äpfel erfolgreich in der Adria versenkt" über die Nachrichtenargenturen hinaus? Da könnten doch die Fremdenverkehrsmanager kommen und sich über die Verschmutzung der Küsten beschweren! Art und Umfang müssen nicht laufend bekanntgegeben werden. Nicht laufend, aber doch am Ende des Rechnungsjahres, da sind alle sechs zur Stelle, bei der großen Geldverteilung, um in Summa 650 Millionen Schilling Erfolgshonorar zu kassieren. Tragisch an diesen Dingen ist, daß die EWG-Politiker solche Vernichtungsaktionen nicht zum bloßen Vergnügen abführen. Sie sind dazu gezwungen, wollen sie den heimischen Agrarmarkt halbwegs funktionsfähig halten. Verkehrte Welt, in der zwei Drittel der Menschheit hungern und das restliche Drittel nicht weiß, wie es seine Überschüsse recht unauffällig vernichten soll. Tomaten und Birnen kann man nicht in die Entwicklungsländer abschieben, sie sind, bis man sie verteilt hat, längst faul. Man kann aber auch Getreide nicht ohne weiteres verschenken. Bei Katastrophenernten natürlich schon; wirft man aber seine Überschüsse ungeschauter auf einen relativ schwachen Markt, womöglich mit einem frommen Blick sich selbst auf die Schulter klopfend, dann ruiniert man dort den Markt und die schwache heimische Landwirtschaft. Und sichert sich, da man die heimische Landwirtschaft zertrümmert hat, einen Absatz für die eigenen Überschüsse der nächsten Jahre. Verkehrte Welt!

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