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"Eine Kette sich klar bewußter Männer"

Autor Winfried Hofinger
Medium Tiroler Bauernkalender
Texttyp Kalenderaufsatz
Erscheinungsdatum 2007
Kategorisierung Tiroler Bauernkalender; Agrargeschichte; 2007

125 Jahre gesetzliche Interessenvertretung

In den kommenden Wochen und Monaten feiert die Tiroler Bauernschaft das 125-jährige Bestehen einer gesetzlichen Interessenvertretung, ursprünglich Landeskulturrat genannt (heute Landwirtschaftskammer). Ganz im Gegensatz zur Vertretung der gewerblichen Wirtschaft gab es für den damals weitaus größten Berufsstand, nämlich die Bauern, bis ins letzte Fünftel des 19. Jahrhunderts nur nach dem Vereinsgesetz aus 1867 gebildete Vereine: die k. k. Landwirtschaftsgesellschaft, mit ein paar Dutzend freiwilligen Mitgliedern. Bemüht, aber ohne viel Einfluss. Wie das damals so üblich war, bestimmten die Bauern 1882 nicht selbst, wen sie als ihren obersten Sprecher haben wollten - Julius Freiherr von Riccabona, Gutsbesitzer in Absam und langjähriger Abgeordneter des Tiroler Landtages, wurde vom Kaiser in Wien als erster Präsident des neuen Landeskulturrates eingesetzt; wie übrigens der Landesstatthalter auch. Der Kaiser bestimmte damals sogar Bischöfe in den katholischen Diözesen seiner Kronländer, wenn sie nicht, wie beispielsweise der von Salzburg, vom Domkapitel gewählt wurden. Riccabona sagte als Berichterstatter bei der Landtagssitzung im September 1881, als die gesetzliche Grundlage verabschiedet wurde, es gelte, etwas, das den Handelskammern ähnlich sei, für die Bauern zu schaffen.

Feste feiern

Das 100-jährige Bestehen einer gesetzlichen Interessensvertretung wurde 1982 sehr feierlich begangen: Ein Festakt im Innsbrucker Congresshaus unter der Leitung von Präsident Hans Astner, mit allem, was in Tirol (und in Österreich) Rang und Namen hatte: Von Bundespräsident Rudolf Kirchschläger und Landeshauptmann Eduard Wallnöfer bis zum noch relativ neuen Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher (dessen Rede an die Versammelten in einem einzigen fulminanten Satz bestand). Ein Bauernmarkt in der Altstadt, bis damals noch ein weitgehend unbekanntes Großereignis; ein Wettbewerb der Mundartdichter, organisiert von Hans Schermer; eine große Tonbildschau, die später nie mehr jemand angeschaut hat - wie das wohl das Schicksal der meisten Tonbildschauen ist. Veranstaltungen in den meisten Bezirken als Tribut an den Föderalismus, der nicht in Innsbruck zu Ende sein soll. Beim Festessen wurde das ein paar Tage vorher fertig gestellte Buch "Bauern in Tirol" präsentiert. Es hatte eine Auflage von 4000 Stück - und war doch in ein paar Wochen vergriffen. Obwohl das Buch heute auch antiquarisch kaum zu bekommen ist, dachte diesmal niemand an eine Neuauflage oder an ein ganz neues Buch, weil sozusagen alles schon geschrieben ist, zumindest über das erste Jahrhundert. Gestaltet wurde das bemerkenswerte Buch damals von Michael Forcher, dem Begründer des Haymon-Verlages, und von Peter Baeck von der Heimatwerbung. Viele Bauern und Kammerleute durften darin mitschreiben.

Innsbruck und Trient

1882 also der Landeskulturrat. Es gab zwei Sektionen, nicht wie später eine für die Dienstgeber und eine für die Dienstnehmer, also Bauernkammer und Landarbeiterkammer, sondern: eine in Innsbruck und eine in Trient. Das Land wäre für eine einzige Organisation, bei den damaligen Verkehrsverbindungen, ohne Telefon, Fax oder Internet, einfach zu groß gewesen. Die Konservativen bestimmten damals das Geschehen auch in der Bauernvertretung -der Bauernbund, der in seinen Anfängen nach heutiger Wortwahl sehr weit "links" von den Konservativen stand, wurde ja erst 1904 gegründet. Riccabona veröffentlichte beispielsweise 1885 ein acht Seiten dünnes Schriftstück über seine Ablehnung der geplanten obligatorischen Viehversicherung. Würde man, so schrieb er, dazu noch eine Lizenzierung der Zuchtstiere und die Fleischbeschau in allen Dörfern einführen, dann wären das "... drei Zwingburgen, zwischen denen die Freiheit und Selbstbestimmung des Grundbesitzes ihren Untergang finden soll". Die Geschichte der gesetzlichen Interessensvertretung wurde vom langjährigen Direktor des Landeskulturrates Hofrat Emil Erler umfassend aufgearbeitet. Zum 75-jährigen Bestand, also um 1957, erschien die Schrift "Der Landeskulturrat und seine Wegbereiter". Erler hatte sich die Mühe gemacht, die Inhalte und die handelnden Personen in Zeitschriften und Jahresberichten auszugraben. Das Archiv der Kammer ist angeblich auf der Fahrt nach Salzburg zur Bauernschaft Alpenland irgendwann zwischen 1938 und 1945 verloren gegangen - und selbst das ist nicht gesichert. Erler beschreibt das Werden von den kleinsten Anfängen mit einem Sekretär für jede Sektion (also deren zwei!) bis zu den vielen Aktivitäten der "Inspektoren" genannten Fachkräfte in der Zwischenkriegszeit. Sie stammten übrigens meistens nicht aus Tirol und nicht aus dem Bauernstand, weil Bauernkinder damals aus Geldmangel höchstens "Pfarrer" lernen konnten. 1884 hatte die ganze Sektion Innsbruck ein Jahresbudget von 3400 Gulden - das wären heute rund 30.000 Euro. Mitglied war der einzelne Bauer bei einer Bezirksgenossenschaft, und das freiwillig; und diese bildeten den Landeskulturrat. Diese Bezirksgenossenschaften waren nicht so groß wie die heutigen politischen Bezirke, sondern noch kleiner als die damals noch viel zahlreicheren Gerichtsbezirke. Mitglieder der 1838 gegründeten Landwirtschaftsgesellschaft, die ein loser Verein mit freiwilliger Mitgliedschaft war, protestierten 1881 gegen den neuen Landeskulturrat, weil sie wohl ahnten, dass dann, wenn der Landeskulturrat sich etablieren würde, ihr Verein überflüssig werden würde, was ja auch tatsächlich geschah. Auch in der Landtagssitzung im Herbst 1881 versuchte man, durch "Übergang zur Tagesordnung" die neue, von Wien aus betriebene Sache zu verhindern. Adolf Trientl, auch sonst ein Realist ohne jeden Hang zu Sentimentalität, schrieb dagegen zum neuen Landeskulturrat in den Landwirtschaftlichen Blättern: "Es ist zu trachten, daß vom Kulturrath an durch die Bezirksgenossenschaften bis zu den einzelnen Gemeinden hinab eine Kette sich klar bewußter Männer gebildet wird, deren Tätigkeit wie die Getriebe einer guten Uhr ineinandergreifen soll." Von den Frauen war damals in der Politik nicht die Rede.

Förderung, Beratung, Interessensvertretung

Der Landeskulturrat wuchs und übernahm zahlreiche Aufgaben in der Förderung und Beratung der Bauern. Die Überschuldung der Betriebe oder Schulfragen beschäftigten ihn ebenso wie gesetzliche Initiativen, so das neue Höfegesetz. In der Innsbrucker Wilhelm-Greil-Straße, die damals noch Karlstraße hieß (Bürgermeister Wilhelm Greil, nach dem sie benannt ist, lebte ja noch bis 1928), erhielt die Bauernvertretung 1911 ein modernes Bürogebäude. Vieles schien aufwärts zu gehen. Da kam der Erste Weltkrieg über Europa. Das größte Problem für die Bauern war, dass man plötzlich keine männlichen Arbeitskräfte mehr hatte, weil jeder, der schon oder noch gehen konnte, spätestens ab 1915 zu den Waffen gerufen wurde. Jeder zehnte männliche Tiroler starb damals. Dann kam die vielfache Not der Zwischenkriegszeit. Alles Kriegsleid erlebten unsere Eltern oder Großeltern von 1938 bis 1945 ein zweites Mal, fast doppelt so lang und wieder mit einem schrecklichen Blutzoll. Doch kurz vorher, im Jahre 1934, hatte sich Österreich eine Ständeverfassung nach den Gedanken päpstlicher Sozialenzykliken gegeben. Manches von dem, was damals - sicher undemokratisch - erprobt wurde, hat den Zweiten Weltkrieg überdauert, so etwa unsere Sozialpartnerschaft, die von denen, die nicht drinnen sind, verächtlich gemacht wurde und wird, um die uns andere Länder aber beneiden. Ab 1936 waren in der neu geschaffenen Landesbauernkammer Dienstgeber und Dienstnehmer vertreten. In jenen Jahren waren die Dienstnehmer ja noch eine zahlenmäßig sehr große Gruppe - vor allem im Unterland und in Osttirol gab es viele Bauernhöfe mit einem halben oder einem ganzen Dutzend an Knechten und Mägden. Die Landwirtschaftskammern haben den enormen Strukturwandel der letzten Jahrzehnte nicht aufhalten, nicht bremsen können. Sie konnten ihn mitgestalten und ihn für ihre Mitglieder erträglicher werden lassen. Manche schmerzliche Entwicklung wird damit allenfalls leichter zu ertragen, wenn sie die Betroffenen vorbereitet trifft. Niemand hat von den Kammern erwartet, dass sie es zustande bringen, dass ein zwei, drei Hektar großer Betrieb heute noch als Vollerwerbsbetrieb geführt werden kann, was um 1920 durchaus möglich war. Wie wird es weitergehen? - Was sich der Verfasser dieses Artikels zur 100-Jahr-Feier noch getraut hat, eine Vorschau auf die nächsten, 20 Jahre (siehe nachstehenden Beitrag), das versagt er sich heute. Weil er, was ihm niemand verbieten kann, hoffentlich gescheiter geworden ist.

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